[WestG] [AUS] Suedwestfaelischer Malerpapst oder Heimatkuenstler, Zeuge des Jahrhunderts oder fragmentierte Kuenstlerbiografie: Leben und Werk Heinz Wevers (1890-1966), Luedenscheid, 22.05.-09.10.2016
Pattberg, Julia
Julia.Pattberg at lwl.org
Mi Jun 1 10:01:25 CEST 2016
Von: "Eckhard Trox" <eckhard.trox at ludenscheid.de>
Datum: 31.05.2016, 11:49
AUSSTELLUNG
Südwestfälischer Malerpapst oder Heimatkünstler, Zeuge des Jahrhunderts oder fragmentierte Künstlerbiografie: Leben und Werk Heinz Wevers (1890-1966) gründlich erforscht, neu bewertet und wiederentdeckt
Unter dem Titel "Illustration, Propaganda, Porträt" präsentieren die Städtische Galerie und das Geschichtsmuseum in Lüdenscheid eine große Ausstellung zum Leben und Werk des westfälischen Künstlers Heinz Wever, dessen Begabung zur Porträtmalerei sehr früh erkannt wurde und der als Meisterschüler Eduard von Gebhardts an der Düsseldorfer Kunstakademie sehr vielversprechend startete.
Südwestfalen blieb lange Zeit aus vielerlei Gründen ein kultur- und kunsthistorisches Terra incognita. Nur deshalb war es unlängst möglich, durch eine Ausstellung zur westfälischen Malerin Ida Gerhardi eine ganze Sequenz von Folgeausstellungen zu motivieren. Doch während Gerhardis große Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lag, erfuhr Wevers Biografie durch eben diesen Krieg eine tiefe Zäsur. Auch bei der Vermessung des Lebens und der Werke Wevers wird unbekanntes Gelände betreten.
In seinem großen Frühwerk "Der Parasitenzug" von 1924/25 legte er eine pessimistische Deutung des Lebens der Menschen unter den Bedingungen eines überbordenden Kapitalismus vor - eines Kapitalismus, der den Menschen deren Individualität raubte. Vor dem Hintergrund von neuen Freizeit-, Kaufhaus- sowie sich vertikal und horizontal ausbreitender Großstadtwelten gibt sich eine lasziv-sündhafte 'parasitäre' Elite, die von all diesen Veränderungen in den Metropolen der neuen Weimarer Republik profitierte, ihren Ausschweifungen hin. Sie schwelgen in ihren "Todsünden", allerdings auf einer sich unter ihren Lastern durchbiegenden Holzbohle. Der Zug der "Parasiten" war offenbar hochgefährdet und mit ihm das ganze damalige System der Moderne in Gestalt der Republik von Weimar.
Wevers von Kriegsniederlage, dem Reich vertraglich zugemessener Kriegsschuld, der Besetzung von Teilen Westdeutschlands und der Hyperinflation getragener Pessimismus, ob die neue Republik unter diesen Startvoraussetzungen zukunftsfähig sei, veranlassten ihn zu einem häufigeren Perspektivenwechsel. Er reiste nach Italien und Nordafrika, später in die Vereinigten Staaten. Bevor er sich nach New York aufmachte, arbeitete er zuvor an der Leistungsschau der sich 1926 temporär stabilisierenden Republik, der GeSoLei in Düsseldorf mit. Circa 7 Millionen Menschen sahen seine Illustrationen, die komplexe Sachverhalte, Statistiken und Zahlenwerke treffsicher und dramatisierend zuzuspitzen vermochten.
In der Ausstellung helfen Leihgaben aus New York dabei, Wevers künstlerische Arbeit bis Ende 1929 vornehmlich für die dortige deutsch-amerikanische Community besser zu verstehen.
Als er 1930 seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegte, zeigte das politische System der Republik u.a. als Konsequenz der nicht bzw. falsch regulierten Weltwirtschaftskrise bereits Verfallserscheinungen.
Damals wurde er für bürgerliche Kreise als Porträtmaler tätig; er fand sogar Zugang zur Familie des Reichspräsidenten von Hindenburg. Er arbeitete zudem für die großen Berliner Verlage als Illustrator und für den "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" bzw. nationalkonservative Wahlbündnisse als Plakatgestalter. Beispielsweise auch das Plakat für die Leipziger Messe 1936 - weltweit vertrieben und bewahrt - mit Luftschiffführer Dr. Hugo Eckener und dem Luftschiff Graf Zeppelin im Hintergrund stammt von ihm. Die Werke Wevers aus dieser Zeit sind nun erstmals zusammengeführt, wissenschaftlich bewertet und in den geschichtlichen Kontext eingeordnet worden.
1936 übersiedelte er - durchaus überraschend - von Berlin in seinen Geburtsort Herscheid im Sauerland. Lebensgeschichte und Werkhistorie nunmehr erstmals weiterzuverfolgen, ist hochspannend.
Hervorgehoben werden soll: Wever schuf vornehmlich in den 1950er Jahren circa 500 Aquarelle mit den Porträts von Arbeiterinnen und Arbeitern sowie Angestellten. Auf allen diesen Werken sind stets ein Arbeitsplatz, eine Industrieszene oder ein spezifisch firmenbezogenes Tätigkeitsfeld zu entdecken. Mit anderen Worten: Wever entwickelte sich auf hohem Niveau zum Interpreten einer spezifisch südwestfälischen Industriekultur. Nicht durch marginal überlieferte und zumeist wenig aussagekräftige Fotografien, sondern durch dieses - zusammengenommen - eindeutige "Hauptwerk" Wevers wurden diese heute untergegangenen Arbeits- und Industriewelten bildmächtig konserviert.
Wissenschaftlicher Begleitband: 24,90 Euro
INFO
Veranstaltungsdaten:
Heinz Wever (1890-1966). Illustration, Propaganda, Porträt
Datum: 22. Mai - 9. Oktober 2016
Museen der Stadt Lüdenscheid, Städtische Galerie und Geschichtsmuseum
Sauerfelder Straße 14-20
58511 Lüdenscheid
Tel.: 02351/171496
Fax: 02351/171709
E-Mail: eckhard.trox at luedenscheid.de
Kontakt:
Sauerfelder Straße 14-20
58511 Lüdenscheid
Tel.: 02351/171496
Fax: 02351/171709
E-Mail: museen at luedenscheid.de
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