[WestG] [AKT] 200 Jahre Kreis Coesfeld, Teil 4: Soziale Not im Ersten Weltkrieg und Inflation des Notgeldes
Pattberg, Julia
Julia.Pattberg at lwl.org
Fr Apr 1 09:13:04 CEST 2016
Von: "pressestelle at kreis-coesfeld.de" <pressestelle at kreis-coesfeld.de>
Datum: 31.03.2016, 16:01
AKTUELL
200 Jahre Kreisgeschichte, Teil 4: Soziale Not im Ersten Weltkrieg und Inflation des Notgeldes
Der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrohe des 20. Jahrhunderts", bedeutete für die Kreisverwaltungen einen gravierenden Einschnitt. Die Lebensmittelverteilung wurde zur zentralen Aufgabe. Besonders in den letzten Kriegsjahren verschärfte sich die Lebensmittelknappheit, Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln wurden knapp. Im Kreis Lüdinghausen litt vor allem die schwer arbeitende Bergarbeiterbevölkerung aus dem südlichen Kreisgebiet darunter und wandte sich hilfesuchend an das Landratsamt.
Nach vier blutigen Kriegsjahren endete der Krieg 1918 für Deutschland mit einer herben Niederlage. Das Kaiserreich zerbrach, nach der "Novemberrevolution" wurde in Berlin die Weimarer Republik ausgerufen. Deutschland hatte laut Versailler Friedensvertrag hohe Reparationsleistungen zu zahlen, die die deutsche Wirtschaft nicht erfüllen konnte. Viele Wirtschaftszweige, die nicht als "kriegswichtig" galten, waren schon im Krieg in die Krise geraten. Mit Beginn der Reparationszahlungen beschleunigte sich der bereits vorher schleichende Verfall der deutschen Währung immer mehr. Während der Inflation druckten viele Verwaltungen "Notgeld", so auch die Kreise Coesfeld und Lüdinghausen. Der Kreis Coesfeld gab drei Ausgaben in den Jahren 1918, 1919 und 1920 heraus im Wert von 25 und 50 Pfennig. Unterschrieben waren die dekorativen Scheine auf der Rückseite u.a. vom amtierenden Landrat. Während die Ausgabe 1918 von Landrat Freiherr von Fürstenberg signiert ist, ist die Ausgabe 1919 mit der Unterschrift des neuen Landrats Walter vom Hove versehen. Bemerkenswert ist das Fehlen der Unterschrift bei je 250 Wertscheinen der dritten Ausgabe im Jahr 1920. Der Kreis Lüdinghausen gab im November 1923 Notgeldscheine in Höhe von 1 Billion, 2 Billionen, 5 Billionen und 10 Billionen heraus. Der 10-Billionen-Schein war zunächst nicht offiziell vorgesehen, gelangte dann aber doch mit einigen Exemplaren in den Umlauf. Auch auf den Lüdinghauser Scheinen erscheint neben anderen Namen an erster Stelle der des Landrates, Graf von Westpalen, der von 1905-1927 das Landratsamt leitete.
Die soziale Not während des Ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit zog eine Ausweitung der Kreisaufgaben nach sich, vor allem auf dem Gebiet der Sozialfürsorge und Jugendpflege. Der Kreis Coesfeld richtete im Jahr 1927 ein Kindererholungsheim in Visbeck bei Dülmen ein, das tuberkulosegefährdeten Kindern einen Ort zur Stärkung der Gesundheit bieten sollte. Das Walderholungsheim war für damalige Verhältnisse gut ausgestattet; so verfügte es zum Beispiel über elektrischen Strom, der eigens zu dem Zweck in dem ländlichen Gebiet angeschlossen wurde. Jährlich hielten sich sieben Gruppen mit 40 Kindern zu einer 6-wöchigigen Kur in dem Heim auf. Im Oktober 1939 brannte das Heim ab, es wurde nicht wieder aufgebaut.
Territoriale Veränderungen drohten den beiden Kreisen im Vorfeld des am 29. Juli 1929 erlassenen Gesetzes über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. Das Ergebnis war unterschiedlich: Während die Grenzen des Kreises Lüdinghausen unversehrt blieben, musste der Kreis Coesfeld Haltern an den Kreis Recklinghausen abtreten.
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