[WestG] [AKT] Stolpersteine korrigiert: Johanna und Albert Schiff aus Herford wurden in Poniatowa ermordet

Weidner, Marcus Marcus.Weidner at lwl.org
Do Okt 22 11:21:32 CEST 2015


Von: "Laue, Christoph" <c.laue at kreis-herford.de>
Datum: 20.10.2015, 14:51


AKTUELL

Stolpersteine korrigiert
Johanna und Albert Schiff aus Herford wurden in Poniatowa ermordet

Seit einigen Jahren erinnern vor dem Haus Lübbertorwall 18 in Herford Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig an Albert Schiff (geboren 1900 in Arolsen) und seine Ehefrau Johanna, geb. Levison (geboren 1900 in Bünde), die aus einer angesehenen jüdischen Familie aus Bünde stammte. Das Haus, damals im Besitz der Familie Obermeier, war ihr letzter Wohnsitz in Herford vor der Deportation. Albert Schiff war Textilfabrikant und führte gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und seiner Schwester Elise, genannt Lilly, die Firma an der Kreishausstraße.

Als die ursprünglichen Stolpersteine verlegt wurden, war dem Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken lediglich die Deportation ins Warschauer Ghetto bekannt, das weitere Schicksal des Ehepaares Schiff blieb im Dunkel. Weiterführende Forschungsergebnisse erhellen nun auch schlaglichtartig die Lebensumstände des Ehepaares im Warschauer Ghetto und die Überführung in das SS-Arbeitslager Poniatowa bei Opele, wo Albert und Johanna Schiff im Rahmen der "Aktion Reinhardt" am 4. November 1943 erschossen wurden. Dies machte eine Korrektur und Neuverlegung der bisherigen Stolpersteine nötig, die am 16. September 2015 erfolgte.

Thekla, die Tochter des Ehepaares, die mit einem Kindertransport nach Schweden emigrieren konnte, stellte dem Kuratorium in großzügiger Weise Postkarten und Briefe ihrer Eltern aus dem Ghetto und Lager aus ihrem Privatarchiv in Kopie zur Verfügung, wofür wie unseren tief empfundenen Dank aussprechen. Diese Dokumente spielen auch in der aktuellen Ausstellung "Mit dem Führer zum Sieg?" in der Gedenkstätte Zellentrakt eine wichtige Rolle.

Das Ehepaar Schiff wurde am 31. März 1942 mit 992 weiteren Juden aus den Bereichen Gelsenkirchen, Münster, Bielefeld, Hannover und Braunschweig in das Warschauer Ghetto deportiert. Allein aus Ostwestfalen stammten 32 Menschen. Albert und Johanna Schiff waren - wie weitere 18 Menschen aus Herford - bereits am 28. März 1942 in den Saal der Sammelstelle "Kyffhäuser" einer Gaststätte am Kesselbrink in Bielefeld abtransportiert worden. Im Warschauer Ghetto kamen die Deportierten am 1. April 1942 früh morgens an, wie Adam Czerniakow, der letzte Vorsitzende des Warschauer Judenrates, in seinem Tagebuch notierte.

Im Ghetto mussten zu diesem Zeitpunkt ungefähr 370.000 Bewohner leben, nur 4.000 von ihnen waren deportierte Juden aus dem Deutschen Reich, dem früheren Österreich und er Tschechoslowakei. Im Ghetto gab es eine Reihe sogenannter "shops", das waren Fabriken und Werkstätten unter der Leitung eines deutschen Unternehmers, der die in erster Linie polnischen jüdischen Arbeitskräfte bei der Produktion für die deutsche Wehrmacht arbeiten ließ. Einer der größten "shops" war die Fabrik von Walter Caspar Toebbens (auch: Többens), einem deutschen Nazi. Er verdiente viel Geld mit der Produktion von Wehrmachtstextilien. Albert und Johanna Schiff schafften es, einen Arbeitsplatz bei Toebbens zu erhalten. Einen Arbeitsplatz zu haben, war lebensnotwendig, weil man sonst keine Nahrung und keinen noch so primitiven Schlafplatz hatte.

Seit dem 22. Juli 1942 wurden die Ghetto-Bewohner mit Deportationszügen vom Ghetto-Bahnhof aus ins Todeslager Treblinka gebracht, wo sie - außer einigen wenigen, die als "Arbeitsjuden" gebraucht wurden - sofort von der Rampe weg zu den Gaskammern getrieben und dort ermordet wurden.

Toebbens und andere deutsche Unternehmen wollten nicht auf die guten Einnahmen aus der Produktion für die Wehrmacht verzichten und die Wehrmacht wollte "eingespielte" Produktionsstätten nicht verlieren. So konnten Toebbens und andere mit der SS-Führung im sogenannten "Generalgouvernement" vertraglich vereinbaren, ihre Betriebe einschließlich der Belegschaft (zumeist polnische jüdischer Arbeiter und ihre Familien) in SS-Arbeitslager im Distrikt Lublin zu verlagern. Toebbens gelang es, ungefähr 10.000 Arbeiter und ihre Familien nach Poniatowa zu verlagern.

Albert und Johanna Schiff wurden Anfang März dorthin verbracht. Himmler aber hatte entschieden, dass es zukünftig überhaupt keine jüdischen Arbeitskräfte mehr geben sollte. Sie sollten durch christliche polnische Arbeiter ersetzt werden. Albert und Johanna Schiff wurden am 4. November 1943 im Rahmen der "Aktion Reinhardt", der Ausrottung der polnischen Juden, mit vielen tausend anderen Menschen in Poniatowa erschossen. Sie wurden Opfer eines Massakers, das von der SS in zynischer Weise "Erntefest" genannt wurde.

In die Erinnerung an Albert und Johanna Schiff können nun auch ihre letzten Lebensmonate und ihr grausamer Tod eingeschlossen werden. Albert und Johanna Schiff kommen uns, die wir uns ihrer erinnern, gerade in den überlieferten Briefen noch ein Stück näher: In ihrem Bemühen zu überleben, in ihrer menschlichen Größe ihrem Kind in Schweden gegenüber, in dem Ausgeliefertsein an ein verbrecherisches, menschenverachtendes Regime, das sie aus dem Volk, zu dem auch Albert und Johanna Schiff gehörten, ausgrenzte und dass glaubte, sich rassistisch über sie erheben zu können - bis zu ihrer Ermordung.

Helga Diestelmeier


INFO
 
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