[WestG] [AKT] Tagungsbericht "Welt unter Tage. Neue Perspektiven fuer die Bergbaukultur am Ende des Bergbaus"

Pawlitta, Pascal Pascal.Pawlitta at lwl.org
Mi Jun 4 09:02:38 CEST 2014


Von: "Arne Hordt" <arne.hordt at uni-tuebingen.de>
Datum: 02.06.2014, 11:36


AKTUELL

Tagungsbericht "Welt unter Tage. Neue Perspektiven für die Bergbaukultur am Ende des Bergbaus"

Tagung "Welt unter Tage. Neue Perspektiven für die Bergbaukultur am Ende des Bergbaus", 23./24.05.2014, LWL-Industriemuseum, Zeche Zollern, Dortmund, Kooperationspartner: Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund; Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Bochum.

Im Fußball gab es in diesem Jahr keinen Pokal für Dortmund, aber wenn es eine Trophäe für gute wissenschaftliche Arbeit im Museum gäbe, würde Dortmund 2014 auch hier in der Champions League mitspielen. Statt Aubameyang und Reus gingen Eckhard Schinkel und Dagmar Kift vom LWL-Industriemuseum nach vorne, während Anneliese Palm vom Fritz-Hüser-Institut und Stefan Berger von der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets (Bochum) hinten sicherten. Auf einer wissenschaftlichen Fachtagung stellten sie gemeinsam die schwierige Frage: Wie soll man angesichts des absehbaren Endes der Steinkohleförderung in Westfalen im Jahr 2018 mit dem prägenden Erbe dieser Industrie umgehen? Was bedeutet die Bergbaukultur, wenn es keinen Bergbau mehr gibt?

Namhafte Forscher wie der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme und der ebenfalls in Berlin tätige Sozialhistoriker Jürgen Kocka kamen und eröffneten ein weites Panorama: Die "Welt unter Tage" hatte und hat viele Bedeutungen - von den Totenreichen der Antike, über die Höllen des Mittelalters, zu den Silberschätzen der Frühen Neuzeit oder den verdrängten Erlebnissen aus der Kindheit, die Sigmund Freud analysierte. Ebenso unterlag die Arbeit im Bergwerk einem stetigen Wandel; es war ein weiter Weg von den antiken Bergwerkssklaven zu den immer noch schwer schuftenden, aber gewerkschaftlich organisierten Kumpeln im 20. Jahrhundert. Die Maloche im Pütt wurde seit der Industriellen Revolution zunehmend als heldenhafte männliche Arbeit wahrgenommen - doch mussten die Bergarbeiterfrauen nicht genauso hart roboten, wenn sie den Männern die Wäsche machten?

Von den schönen Künsten, Malerei, Dichtung und Drama, über Ausschnitte aus Werbefilmen der Zechenbarone bis zu privaten Erinnerungsstücken von Bergarbeitern kamen viele verschiedene Quellen aus der Vergangenheit unter die Lupe. Wer bezweckte was, wenn Bergleute in Filmen als Helden der Arbeit oder als technisch versierte Facharbeiter dargestellt wurden? Entsprechend der Frage nach der "Bergbaukultur" bildete die sogenannte Kulturgeschichte den Schwerpunkt der Tagung. Doch Industrie schafft auch materielle Fakten. Also referierte der Bielefelder Historiker Thomas Welskopp über die ,harte' Sozialgeschichte: Wie hängt eine bestimmte Art von Arbeit zwangsläufig mit Lebensformen, z. B. der Partnerschaft von Mann und Frau, und politischen Überzeugungen, christlich-demokratisch, kommunistisch oder sozialistisch, zusammen? Wurden Frauen am Ende im 19. Jahrhundert aus den Bergwerken verdrängt, weil die Männer Arbeit brauchten und nicht, weil die Arbeit dort als zu schwer für Frauen galt? So legte es der Engländer Chris Wrigley, auf der Insel eine Autorität in Sachen Arbeitergeschichte, nahe.

Eine Woche nach dem verlorenen Endspiel der Borussia gab es nur wenige abschließende Antworten. Aber dafür ist umso klarer geworden, was für eine spannende Arbeit vor dem regionalen Industriemuseum des Landschaftsverbandes und vielen ähnlichen Museen in ganz Europa, von Oberschlesien bis Slowenien, liegt. Die Zeit des Bergbaus geht nicht nur in Westfalen zu Ende und falls Energieförderung aus der Tiefe in der Form von Fracking oder Pumpspeicherkraftwerken wiederkommt, wird sie ganz anders aussehen als der Steinkohlebergbau heute. Die Tagung war Teil des wissenschaftlichen Begleitprogramms der Sonderausstellung "Über Unterwelten. Zeichen und Zauber des anderen Raums", die noch bis zum 2. November an allen Standorten des LWL-Industriemuseums gezeigt wird. Sie hat gezeigt, dass die historische Prägung durch den Bergbau lebendig bleiben wird, auch wenn die Zechen schließen. Die Vorträge waren überdies gut verständlich und anschaulich aufbereitet, sie warfen erhellende Schlaglichter auf die facettenreiche und internationale Geschichte des Bergbaus, zu deren Erforschung und Vermittlung Orte wie das LWL-Industriemuseum unbedingt nötig sind. Die Ausstellung, auf die sich die Tagung bezog, lohnt ebenfalls einen Besuch. Auch wenn es im Fußball nicht geklappt hat, für dieses Kombinationsspiel aus einer interessanten Sonderausstellung für das breite Publikum und einer wissenschaftlichen Fachtagung für die Experten verdient Dortmund einen Pokal.

Bericht von: Arne Hordt, SFB 923 "Bedrohte Ordnungen", arne.hordt at uni-tuebingen.de


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