[WestG] [AUS] "An der 'Heimatfront‘" - LWL-Wanderausstellung und weitere Projekte zum Ersten Weltkrieg vorgestellt

Pawlitta, Pascal Pascal.Pawlitta at lwl.org
Do Jan 30 08:51:08 CET 2014


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 29.01.2014, 11:05


AUSSTELLUNG

"An der 'Heimatfront‘" - LWL-Wanderausstellung und weitere Projekte zum Ersten Weltkrieg vorgestellt

"Eine schwere Zeit ist für unser deutsches Vaterland hereingebrochen! Der Weltkrieg ist entbrannt! ...Tapfer und mutig nehmen in diesen Tagen Jünglinge und Väter Abschied von ihren Lieben. Jeder wünscht sich, daß die Seinen wiederkommen möchten, doch kann es nicht sein. Viele, viele bleiben aus, viele lassen ihr deutsches Blut fürs Vaterland", schrieb die damals 14-jährige Lise Beuge, Tochter eines Lüdenscheider Baumeisters, Anfang August 1914 in ihr Tagebuch. Es ist eines der 200 Exponate, die in der neuen Wanderausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) "An der 'Heimatfront‘ - Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg" gezeigt werden. Am Sonntag 2. Februar wird die Schau im Mindener Museum eröffnet, anschließend ist sie in sieben weiteren Museen in Westfalen-Lippe zu sehen.

Lise Beuge sollte Recht behalten. Wie kein Krieg vor ihm hat der "Große Krieg" Millionen Menschenleben gekostet. Der Historiker George F. Kennan hat ihn als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnet. Der Weltkrieg ist gleichzeitig ein Schlüssel zum Verständnis des gesamten vergangenen Jahrhunderts. "Aus den Traumata des Krieges ist der Wunsch nach Verständigung, nach einem grenzüberschreitenden friedlichen Miteinander erwachsen. Er ist letztlich Ausgangspunkt des europäischen Einigungsprozesses", sagte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale.

Das Jahr 2014 steht deshalb für den LWL im Zeichen der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Die LWL-Kultureinrichtungen haben ein breites Spektrum an Ausstellungen, Filmen, Publikationen und Veranstaltungen entwickelt, um das Gedenkjahr zu begehen - zum Teil in Kooperation mit Partnern aus Westfalen-Lippe. 15 Projekte stellte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale vor. "Wir tun das ganz besonders mit Blick auf die junge Generation", sagte sie. "Die Geschichte entlässt uns nicht aus der Verantwortung: Wir wollen, dass die junge Generation aus den Folgen des Krieges für die Zukunft lernt." Eine Übersicht über die Veranstaltungen steht im Internet unter: http://www.lwl.org/kultur

Auftakt bildet die Eröffnung der Wanderausstellung "An der 'Heimatfront'" im Mindener Museum. Sie wurde konzipiert vom LWL-Museumsamt für Westfalen. Die Ausstellung beleuchtet die Ereignisse aus der Perspektive der Zivilbevölkerung und bietet deshalb auch historisch weniger geschulten Besuchern einen guten Einstieg in das Thema. "Immer wieder wird deutlich, wie eng Front und so genannte Heimatfront, also die nicht von kriegerischen Auseinandersetzungen, aber von Hunger und Entbehrungen gezeichnete Heimat miteinander verknüpft sind", betonte Dr. Ulrike Gilhaus, Leiterin des LWL-Museumsamtes. "Niemand konnte sich diesem Krieg entziehen, alle waren Akteure."

Die Ausstellung ist das Ergebnis zweijähriger Forschungen. Gezeigt werden etwa 200 Exponate aus Westfalen-Lippe, die überwiegend aus öffentlichen Sammlungen stammen. "Zwar gibt es eine Fülle von Dokumenten und Fotos aus dieser Zeit in den Archiven und Museen. Aber die Suche nach Objekten aus Westfalen mit einer überlieferten persönlichen Geschichte war durchaus mühsam. Trotzdem haben wir solche Leihgeber gefunden", sagt Kuratorin Dr. Silke Eilers vom LWL-Museumsamt.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die katastrophale Versorgungslage an der 'Heimatfront‘. Sie wurde mit jedem Kriegsjahr schlechter und erreichte im berüchtigten "Steckrübenwinter" 1916/17 einen Höhepunkt. Tausende fielen Hunger, Kälte und Krankheiten zum Opfer. Notgeld aus ver-schiedenen Städten, Fotos von Kriegsküchen, Marken für rationierte Lebensmittel, neue Maßgefäße, die auf die winzigen "Kriegsrationen" zugeschnitten waren, geben einen Einblick in den Kampf ums tägliche Überleben. Auch die veränderten Familienstrukturen hatten weitreichende Folgen und bilden einen Schwerpunkt der Schau. Millionen Frauen zogen ihre Kinder allein auf. Viele Heranwachsende waren Halbwaisen, Zeitgenossen beklagten ihre Verwahrlosung. Ebenso war Berufstätigkeit der Mütter an typischen Männerarbeitsplätzen in Industrie und Verkehr ein gesellschaftliches Novum. Fotos von Frauen im Bergbau - ein absoluter Tabubruch - beim Eisenbahnbau, in Straßenbahnen oder Laboren belegen die angespannte Situation in der Wirtschaft, die stetig Nachschub für die Front liefern musste. 

Zeitgleich lastete auf den Frauen der Druck zur freiwilligen "Liebestätigkeit" in karitativen Organisationen, um Hungernde und invalide Soldaten zu versorgen. Herausragende Beispiele bürgerlicher "Opferbereitschaft" zur Finanzierung solcher Kriegsfolgen sind Nagelschilde aus verschiedenen Kommunen: Ein vorgezeichnetes patriotisches Bildmotiv setzte sich zusammen aus zahlreichen eng eingeschlagenen Nägeln, für die man je Nagel eine festgelegte Spende zahlte. Gezeigt wird ein farbiges Nagelschild aus Lohe bei Bad Oeynhausen und Nagelkarten aus Wanne und Hagen. In der Ausstellung ist Gipsmodell zu sehen, ein Vorentwurf der hölzernen Nagelskulptur des "Nagelgrafen" aus Hamm von 1915/16. Auch Notenblätter, Broschüren, Fotos und Programme, mit denen die Enthüllung solcher Nagelschilde feierlich begangen wurde, bereichern die Schau. Schließlich ist auch die Fürsorge für invalide "Krieger" ein wichtiges Thema. Präsentiert werden Verhaltensregeln für den Umgang mit den "Kriegsbeschädigten", Spielzeug für die vielen Blinden, neuartige Prothesen und öffentliche Kennzeichen der Verwundeten.

Zu der Ausstellung bietet das LWL-Museumsamt einen Katalog und ein museumspädagogisches Programm an, das insbesondere für Schulklassen geeignet ist. "Wir freuen uns ganz besonders, dass wir die erste Station sind. Viele Schulen warten schon auf den Startschuss, sie möchten sich mit dem Thema auseinandersetzen", so Museumsleiter Philipp Koch vom Mindener Museum.

Das LWL-Medienzentrum konzipierte begleitend zur Sonderausstellung einen gleichnamigen 30-minütigen Film, der am 12. Februar in Minden erstmals präsentiert wird. Er ist auch als DVD zum Preis von 14,90 Euro erhältlich. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen: An der "Heimatfront". Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg, hg. LWL-Museumsamt, Bönen 2014 (Kettler) ISBN 978-3-927204-78-2,18 Euro.


"An der 'Heimatfront‘ - Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg"
Eine Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes,
2. Februar bis 30. März
Mindener Museum, Ritterstr. 31, 32423 Minden,

URL: http://www.mindenermuseum.de

Di-So 12-18 Uhr, Eröffnung 2. Februar um 16 Uhr


Die weiteren Stationen:

Historisches Centrum Hagen - Stadtmuseum/Archiv 
6. April bis 1. Juni 2014

Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund 
6. Juni bis 3. August 2014

Stadtmuseum Münster 
9. August bis 5. Oktober 2014

Kreismuseum Wewelsburg 
12. Oktober bis 7. Dezember 2014

Emschertal-Museum in Herne 
12. Dezember 2014 bis 8. Februar 2015

Hamaland-Museum - Kreismuseum Borken 
15. Februar bis 12. April 2015

Historisches Museum im Marstall 
19. April bis 14. Juni 2015


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte