[WestG] [AKT] LWL-Volkskundlerin berichtet zum Weltwassertag ueber frueheren Umgang mit Sauberkeit

Pascal Pawlitta Pascal.Pawlitta at lwl.org
Mi Mär 20 13:02:10 CET 2013


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 20.03.2013, 11:47
 
 
AKTUELL
 
LWL-Volkskundlerin berichtet zum Weltwassertag über früheren Umgang mit Sauberkeit
Dass Wasser auch eine kostbare Ressource ist und nicht verschwendet werden sollte, darauf will der Weltwassertag am 22. März aufmerksam machen. Auch um 1900 war Wasser wertvoll. Es war in erster Linie Lebensmittel für Mensch und Tier. "Unser heutiger Verbrauch von Wasser zum Putzen oder Waschen ist mit dem damaligen nicht vergleichbar. Auch die Körperhygiene hatte einen deutlich anderen Stellenwert als heute", berichtet Katharina Klapdor von der Volkskundlichen Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). 
 
"Mit einer Generalwäsche war man nicht so schnell bei der Hand", wie in einem Bericht aus Gescher (Münsterland) aus dem Archiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen erzählt wird. Ähnliches sagt ein Bericht aus Warendorf: "Auch badeten die Erwachsenen damals grundsätzlich nicht." 
 
Das Baden allgemein wurde bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher skeptisch betrachtet. Wasser wurde nicht so stark mit Sauberkeit in Verbindung gebracht wie heute, man befürchtete eine eher ungesunde Wirkung für den Körper. "Zunächst war es sehr aufwendig, genug Wasser für ein Vollbad herbeizuschaffen und dann noch zu erwärmen. Die Kinder wurden in halbierten Fässern gebadet, in denen zuvor beispielsweise Sauerkraut gelagert worden war", erklärt Klapdor. "Außerdem hatten die Menschen allgemein weniger Kontakt zum Wasser; schwimmen konnten die allerwenigsten, und auch das unbekleidete Baden im See war aus Gründen der Sittlichkeit undenkbar." 
 
In einer Zeit, in der die morgendliche Dusche selbstverständlich erscheint und Körpergerüche als abstoßend empfunden werden, mag dieses Maß an Körperpflege ungenügend erscheinen. Dabei müsse man allerdings bedenken, dass sich das ästhetische Empfinden der Menschen stetig wandele, so Klapdor weiter. Es gab allerdings auch Schönheitsideale, die den heutigen ähnlich sind. Wie aus einem Bericht aus Rinteln (Weserbergland) hervorgeht, legten die Mädchen dort z.B. "schon immer viel Wert auf schönes, glatt gekämmtes Haar".
 
Auch die Kriterien dafür, was als sauber oder dreckig gilt, verändern sich mit der Zeit. Bakterien wurden zwar schon 1676 entdeckt. Es dauerte jedoch noch sehr viel länger, bis ein gewisser Standard an Hygiene für die Menschen zum Alltag dazugehörte. Dass Bakterien und Viren Krankheiten verbreiten und das Risiko der Ansteckung durch Hygiene verhindert werden kann, gehörte damit für lange Zeit noch nicht zum Allgemeingut. 
 
Erst nach dem ersten Weltkrieg erreichte dieses Wissen langsam die Landbevölkerung. Die Kinder wurden in den Schulen über Sauberkeit aufgeklärt und häufig überprüfte das Lehrpersonal, ob die Schüler die Regeln der Sauberkeit auch einhielten. Aus Espelkamp (Kreis Minden-Lübbecke) berichtet ein Gewährsmann sogar von wirksamen Bestrafungen: "Wer daheim nicht für gründliche Säuberung gesorgt hatte, musste nun in der Klasse, vor den Mitschülern nachholen, was er versäumt hatte." Auch der militärische Einsatz der Männer oder Tätigkeiten der Frauen in den Haushalten der Städte brachten die neuen Erkenntnisse mit in die Dörfer. 
 
 
"Große Wäsche"

Das Waschen der Kleidung - die "Große Wäsche" - war auf einen bestimmten Tag festgelegt. Es war allerdings sehr viel aufwändiger als heute, die Kleidung und die Textilien, die im Haushalt benötigt wurden, zu reinigen. Wie Klapdor erläutert, wurde die Kleidung daher wesentlich seltener gewechselt als heute. Man sammelte die Wäsche aller Hofbewohner und wusch dann alles gemeinsam, je nach Größe des Hofes, ein- bis zwölfmal im Jahr. 
 
Auch floss das Wasser damals nicht wie selbstverständlich aus dem Wasserhahn. In den Dörfern und Siedlungen bezog man das Wasser in der Regel aus Brunnen, die die Bewohner zuvor gemeinsam gebaut hatten, so dass sich jeder Hof mindestens einer Wasserstelle bedienen konnte. An Orten, an denen die Versorgung mit Wasser durch Flüsse oder Brunnen nicht konstant war, behalf man sich mit Zisternen, die Regenwasser sammelten. Das diesjährige Motto des Weltwassertages, "Wasser und Zusammenarbeit", war den Menschen in Westfalen also zu diesen Zeiten eine Selbstverständlichkeit.


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