[WestG] [AKT] Geraubte Buecher zurueck nach Bautzen
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Okt 29 11:45:15 CET 2012
von: "Pressestelle der WWU Münster" <pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 26.10.2012, 15:45
AKTUELL
Geraubte Bücher zurück nach Bautzen
Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) konnte erstmals
unrechtmäßig in der NS-Zeit erworbene Bände zurückgeben
26 überwiegend schmale Bände sind es, die von dem Schicksal der
Freimaurerloge "Zur goldenen Mauer" aus Bautzen (Sachsen)
künden. 1933 löste sich die Gruppe angesichts der Repressalien
durch die Nationalsozialisten selbst auf, die Bibliothek der
humanitären Vereinigung wurde über ganz Deutschland verteilt.
26 Bücher kamen in die Universitäts- und Landesbibliothek
Münster (ULB). Sie wurden gestern (25. Oktober) an Axel
Pohlmann, Großmeister der Großloge der Alten Freien und
Angenommenen Maurer von Deutschland, zurückgegeben. Er wird sie
am 3. November bei der Neugründung der Bautzener Loge übergeben.
"Der ideelle Wert der Bücher geht aus unserer Sicht weit über
die bibliothekarische Bedeutung hinaus", sagte Axel Pohlmann in
Münster. Die Freimaurer-Bücher sind die ersten, die die ULB an
ihren rechtmäßige Besitzer zurückerstatten kann. Möglich ist
das dank der Arbeit von Elke Pophanken, Diplom-Bibliothekarin
in der ULB. Seit 2006 arbeitet sie Listen der zwischen 1933 und
1945 an die ULB gelangten Bücher durch, um Raubgut zu finden.
Ein erster Anhaltspunkt ist die Frage, von wem ein Buch
erworben worden ist. "Wenn die Bücher von der
Reichstauschstelle oder anderen staatlichen Einrichtungen
geschenkt wurden, liegt der Verdacht sehr nahe, dass sie
unrechtmäßig erworben wurden", sagt Pophanken.
Die Freimaurer-Bände mit Titeln wie "Die Hohenzollern und die
Freimaurerei" oder "Lieder und Gesänge für Freimaurer" sind
dafür ein gutes Beispiel: Sie wurden der ULB zwischen 1934 und
1936 von der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden geschenkt.
Rund 55.000 Zugänge in der Zeit zwischen 1933 und 1945 muss
Elke Pophanken prüfen, davon sind etwa 26.000 als Geschenk
ausgewiesen. Darunter waren auch viele verbotene Bücher, denn
als Landesbibliothek wurde die ULB für sie als Depot genutzt.
Gekennzeichnet waren diese Bücher mit einem "VB" für
"Verbotenes Buch". Dieses Kürzel wurde nach 1945 weiter
verwendet – für nationalsozialistische Literatur, diesmal
allerdings in der Bedeutung von "Verwahrbestand".
Nach 1945 bestand kein Interesse, die Bücher zurückzugeben, im
Gegenteil. Der damalige Direktor der ULB, Dr. Christoph Weber,
der im Dritten Reich in der Reichstauschstelle gearbeitet hatte,
versuchte die durch Bomben zerstörte Bibliothek aus
antiquarischen Beständen wiederaufzubauen. Heute weiß man, dass
Antiquariate am nationalsozialistischen Bücherraub beteiligt
waren. "Nach dem Krieg wurde mit denselben Menschen weiter
gearbeitet, die zuvor das Raubgut eingestellt hatten", so die
Bibliothekarin. Sie fand in einzelnen Büchern Hinweise darauf,
dass in ihnen nach 1945 die Zugangsnummer radiert worden war,
um die Herkunft zu verschleiern. "Das zeigt, dass es durchaus
ein Bewusstsein für das begangene Unrecht gab", meint Pophanken.
Die Restitution, also die Rückgabe der Bücher, geht schleppend
voran. Das liegt nicht nur daran, dass es häufig schwierig ist,
die ursprünglichen Besitzer und deren Nachkommen oder
Rechtsnachfolger zu finden. "Das Thema ist erst seit einigen
Jahren in den Köpfen und in NRW gibt es nur wenige Initiativen.
Viele Bibliotheken scheuen wohl den sehr hohen Aufwand", sagt
Reinhard Feldmann, Leiter des Dezernates Historische Bestände.
Dabei müssten sich alle Bibliotheken, auch die erst nach dem
Zweiten Weltkrieg gegründeten, darüber im Klaren sein, dass
Raubgut in ihrem Bestand zu finden sein könnte. "Denn die
Bücher werden noch heute weiterverteilt, sei es durch Tausch
zwischen den Bibliotheken oder durch Antiquariate."
Die Arbeit wird Elke Pophanken mit Sicherheit nicht ausgehen.
Wie eine Detektivin prüft sie, was rechtmäßig in der ULB lagert,
was von den Nationalsozialisten gestohlen wurde. 1934
beispielsweise brachte sich der Mediziner Prof. Dr. Paul Krause
um, weil er von seinen nationalsozialistisch eingestellten
Studierenden boykottiert wurde. Seine medizinischen Werke
vermachte er der Universität. Allerdings landeten nicht nur die,
sondern alle seine Bücher in der ULB.
"Bei dieser Arbeit merkt man, dass nahezu alle Bereiche des
Lebens von den Repressalien der Nationalsozialisten betroffen
waren", erzählt die ULB-Fachfrau. So findet sich im Bestand mit
der Nummer 1822 beispielsweise das "Handbuch des öffentlichen
Lebens", das der ULB 1936 durch die Ortspolizeibehörde
Bielefeld übergeben worden war. Geraubt wurde es der SPD
Bielefeld, die bislang allerdings noch kein Interesse gezeigt
hat, es zurück zu bekommen. Interesse haben dagegen die
Nachfahren von Pater Friedrich Muckermann gezeigt, der die
Zeitschrift "Der Gral" herausgab, ins Exil ging und 1946 in der
Schweiz starb. Die noch erhaltenen Bände seiner Bibliothek
sollen als nächstes zurückgegeben werden.
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