[WestG] [AKT] Muenzschaetze, Frankenfuersten und Germanen im Toepferofen, Herne, 18.03.2012

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Mär 14 11:49:05 CET 2012


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 14.03.2012, 10:37


AKTUELL

Münzschätze, Frankenfürsten und Germanen im Töpferofen
Thementag "Du bist Westfalen!" im LWL-Museum für Archäologie 
startet mit Münsterland

Münzschätze, Frankenfürsten und rätselhafte Tote im Töpferofen 
- Schätze des Münsterlandes - hebt das LWL-Museum für 
Archäologie in Herne am kommenden Sonntag (18.3.) hervor. Einen 
Tag lang machen Museumsleute, Restauratoren und Ausgräber unter 
dem Motto "Du bist Westfalen!" das Münsterland und seine 
Geschichte zum Erlebnis.

Im Fokus stehen altbekannte und brandneue Funde aus dem 
Münsterland - einige sind an diesem Termin erstmals zu sehen. 
Wie zum Beispiel der Sensationsfund, den ein Sondengänger Ende 
vergangenen Jahres auf einem Acker bei Coesfeld machte: Lars 
Krakor war eigentlich auf der Suche nach einem alten Gehöft, 
das sich einst irgendwo auf dem jetzigen Acker befunden haben 
soll. Doch statt Gebäuderesten und Keramikscherben wartet eine 
echte Überraschung auf den ehrenamtlichen Heimatpfleger: Nach 
und nach gab der Boden insgesamt 169 Silbermünzen aus dem 17. 
Jahrhundert preis - einen echten Münzschatz, der ursprünglich 
wohl in einem Gefäß aus Steinzeug im Boden in Sicherheit 
gebracht werden sollte.

"Die Münzen stammen zum Großteil aus den Niederlanden", weiß 
LWL-Münzexperte Dr. Peter Ilisch. Im Gegensatz zum heimischen 
Geld der Zeit haben die niederländischen Münzen einen hohen 
Silbergehalt und waren daher auch in diesem Gebiet vermutlich 
sehr beliebt - Edelmetall galt schon damals als sichere 
Wertanlage. Um einen so großen Silbermünzen-Hort zusammen zu 
bekommen, muss der einstige Besitzer viele Jahre lang gespart 
und gesammelt haben. Wer den Münzschatz bestaunen will, muss 
sich beeilen: er ist ausschließlich bis Mitte Mai in Herne zu 
sehen.

Doch nicht nur neue Funde machen das archäologische Bild des 
Münsterlandes aus - im Museum des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL) ist die Geschichte der Region mit mehr 
als 1000 Objekten von ihren Anfängen bis in die Neuzeit 
präsent. Von den ersten steinzeitlichen Werkzeugen, dem 
einzigen Neandertalerschädel Westfalens, einem kostbar 
ausgestatteten Fürstengrab, der ergreifenden Bestattung einer 
Babyleiche aus der Bronzezeit bis hin zu einer Leiche, an der 
im 18. Jh. seinerzeit streng verbotene Anatomie-Studien 
betrieben wurden, ist auch in der ständigen Sammlung des 
LWL-Museums Spannendes über die Region zu entdecken.

Wie beispielsweise ein Fund aus Haltern, der den Archäologen 
lange Zeit Rätsel aufgab: In den 1990er Jahren fanden 
LWL-Archäologen in Haltern am See 24 menschliche Skelette in 
einem römischen Töpferofen auf dem Gelände des Römerlagers . 20 
bis 50 Jahre alt wurden die Männer - bis sie in dem Ofen ihr 
merkwürdiges Grab fanden. Zweifellos ein Massaker, das hier vor 
2000 Jahren stattfand - doch an wem, Römern oder Germanen?

Erst vor drei Jahren haben wissenschaftliche Untersuchungen 
Licht ins Dunkel gebracht: An der Zusammensetzung der Zähne 
konnten die Toten als Germanen identifiziert werden. 
Wahrscheinlich waren die Toten germanische Krieger, die bei 
einem missglückten Angriff auf das römische Lager gefallen 
waren. Die Römer entsorgten sie in der Arbeitsgrube des 
Töpferofens und planierten dann das Lagervorfeld. Die 
erfolgreiche Abwehr einer germanischen Belagerung, wie sie hier 
stattgefunden haben muss, passt genau zu einer Beschreibung des 
römischen Historikers Velleius Paterculus, der solche 
Auseinandersetzungen um ein Römerlager "Aliso" nach der 
verlorenen Varusschlacht festgehalten hat. Nicht zuletzt durch 
diesen Fund konnten Wissenschaftler die Vermutung untermauern, 
dass es sich bei dem Römerlager in Haltern um das berühmte 
"Aliso" handelte.

Von 11 bis 18 Uhr werden die archäologischen Regional-Schätze 
mit Vorträgen - unter anderem auch zu dem neuentdeckten 
Römerlager Olfen, Handwerksvorführungen, kulinarischen 
Spezialitäten und Spezialführungen erfahrbar gemacht.

Der Eintritt am "Du bist Westfalen!"-Thementag ist frei. 

Weitere Informationen gibt es unter 
http://www.lwl-landesmuseum-herne.de.


Hintergrundinfo zur Veranstaltungsreihe "Du bist Westfalen"

An insgesamt vier Themensonntagen stellt das LWL-Museum 
aktuelle und ältere Funde aus dem Münsterland (18.3.), aus 
Ostwestfalen-Lippe (20.5.), Südwestfalen (19.8.) und dem 
östlichen Ruhrgebiet (21.10.) in den Mittelpunkt. Ein 
umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen, Gesprächen mit den 
Ausgräbern und Restauratoren, Themenführungen und kulinarischen 
Spezialitäten aus der jeweiligen Region runden den "Du bist 
Westfalen!"-Tag ab. Vereine, Museen und Institutionen aus der 
Region informieren über alles, was es zu den Themen 
"Archäologie" und "Geschichte" vor der eigenen Haustür zu 
entdecken gibt. Filme, handwerkliche und experimentelle 
Vorführungen warten außerdem auf alle Archäologie-Interessierten.

Termine "Du bist Westfalen!" 
18.3.2012: Münsterland
20.5.2012: Ostwestfalen-Lippe
19.8.2012: Südwestfalen 
21.10.2012: Östliches Ruhrgebiet

Jeweils von 11-18 Uhr, Museumseintritt und Programm ist 
kostenfrei!

Hintergrundinfos zu weiteren Funden aus dem Münsterland Fürst 
von Beckum (Fundort: Beckum) Am 9. Oktober 1959 entdeckte der 
Ausgräber Wilhelm Winkelmann in Beckum das Grab eines Mannes 
mit außergewöhnlich kostbaren Beigaben, der zusammen mit zehn 
seiner Pferde und eines Hundes zur Ruhe gelegt worden war. Nach 
seinem Fundort und dem reichen Grabinventar wird der Unbekannte 
"Fürst von Beckum" genannt. Mit modernen, 
naturwissenschaftlichen Analysemethoden gelang es nun, seine 
Herkunft zu entschlüsseln.

Der etwa 50 Jahre alte Mann lag in einer mit Holz verkleideten 
Kammer unter einem aus Erde aufgeschütteten Hügel - getrennt 
von den Bestattungen der Dorfbewohner. Zehn seiner Pferde, 
teils mit kostbar beschlagenen Trensen in byzantinischem Stil 
gezäumt, und seinen Hund hatten die Hinterbliebenen geopfert 
und zu seinen Füßen niedergelegt. Zum reichen Grabinventar des 
Fürsten gehörte eine Waffenausstattung aus Wurflanze (Ango), 
einem zweischneidigem Schwert (Spatha) mit einem Ring im Knauf, 
einem einschneidigen Kurzschwert (Sax) sowie einer Axt.

Außerdem hatte man dem Verstorbenen eine Bronzeschale 
mitgegeben, in der sich ein Kamm aus Knochen erhalten hatte, 
ein im Boden verrottetes Trinkhorn mit Silberbeschlag, einen 
gläsernen Sturzbecher sowie eine mit goldenen Schnallen 
versehene Tasche. In der Tasche aus organischem Material, das 
im Boden verging, befanden sich eine Pinzette zur Bartpflege 
und ein Pfriem mit einer Pyritknolle zum Feuerschlagen. Im 
Kopfbereich lag eine goldene Münze, Solidus, die der 
byzantinische Kaiser Justinian prägen ließ.

Um wen handelte es sich bei diesem Mann? War es ein sächsischer 
Edler, wie es der Ausgräber annahm, der Ende des 7. 
Jahrhunderts Truppen aus dem Norden nach Westfalen führte und 
hier in der Schlacht fiel? Da die Bestattung anhand der Funde 
in die Zeit um 600 datiert werden muss, ist dieser konstruierte 
historische Zusammenhang mit den Sachseneinfällen 
unwahrscheinlich. Auch die von Winkelmann als typisch sächsisch 
eingeordneten Pferdegräber sind mittlerweile kein 
Alleinstellungsmerkmal einer sächsischen Bestattung mehr. Die 
Bestattung des Fürsten entspricht den Gepflogenheiten der 
norddeutschen Tiefebene. Die Ausstattung des Grabes verweist 
jedoch in andere Kulturräume wie ins Rheinland zu den Franken, 
den Alamannen und Thüringen. Vor allem das Ringknaufschwert und 
der Sturzbecher deuten auf die Gefolgschaft zu einem 
fränkischen König hin. Die 
Sauerstoff-Strontium-Isotopen-Analyse konnte nun die Herkunft 
des Mannes klären. Zähne und Knochen bestätigten, dass der 
Beckumer Fürst ein Einheimischer war. Vermutlich schloss er 
sich mit seinen Gefolgschaften den fränkischen Heerscharen an 
und profitierte in der Zeit der merowingerzeitlichen 
Dynastenkämpfe wirtschaftlich von den politischen und 
kriegerischen Auseinandersetzungen.

Näheres zur Identität des Fürsten und seiner Gefolgsleute lässt 
sich bislang nicht sagen. Die in Westfalen lebenden Menschen 
werden in den Schriftquellen lediglich als "die Völker, die 
jenseits des Rheins wohnen" umschrieben. Ob sie sich eher den 
fränkischen oder den sächsischen Gruppen zugehörig fühlten ist 
unbekannt. Fest steht, dass in den "dark ages" der 
westfälischen Geschichte fränkische und sächsische Einflüsse zu 
verzeichnen sind,

Anatomische Untersuchungen an einer menschlichen Leiche 
(Fundort: Münster) Um Bodendenkmäler vor dem Bau eines 
Einkaufszentrums zu sichten und zu dokumentieren, fanden 1998 
Ausgrabungen in der Stubengasse in Münster statt. Die 
Routinemaßnahmen brachten Überraschendes ans Tageslicht. Auf 
einem sechs mal acht Meter großen Areal auf dem Gelände des 
Hofes Nerdinck entdeckten die Forscher 50 Skelette. Die 
Verstorbenen lagen in fünf Schichten übereinander nach Ost-West,
 aber auch nach Nord-Süd ausgerichtet. Der Körper eines 35 bis 
55 Jahre alten Mannes, der in Nord-Süd-Ausrichtung in Bauchlage 
bestattet war, fiel besonders auf. Man hatte seinen Schädel 
geöffnet und die abgetrennte Schädeldecke in seinem linken 
Brustbereich platziert.

Der Friedhof wird in keiner Schriftquelle erwähnt. Interessant 
ist auch die Datierung der Gräber in das zweite Drittel des 18. 
Jahrhunderts, da nach 1776 nicht mehr in der Stadt bestattet 
werden durfte. Ein Zusammenhang zum benachbarten 
Clemenshospital ist wahrscheinlich. Die 1745 errichtete Anstalt 
nahm bis 1810 ausschließlich Männer auf, die überwiegen arm und 
alleinstehend waren, vor allem Fremde. In den Aufzeichnungen 
werden Handwerksgesellen, Händler, Handlanger, Studenten, 
Vagabunden und Soldaten genannt.

Die Zurichtung des Leichnams spricht für anatomische Studien, 
die im Clemenshospital betrieben wurden. Doch nach eigener 
Aussage stellte das Hospital zu diesem Zeitpunkt keine Räume 
und keine Leichen für solche Zwecke zur Verfügung. So konnte 
die Archäologie ein bislang unbekanntes Detail der 
Stadtgeschichte ans Licht bringen, zu dem es keine 
Überlieferung gibt.

Das Baby im Doppelgrab (Fundort Kreis Warendorf) Im Kreis 
Warendorf haben Archäologen ein ungewöhnliches Doppelgrab aus 
der Zeit zwischen 1800 und 1500 v. Chr. entdeckt. Anders als zu 
dieser Zeit üblich haben Angehörige mit viel Aufwand ein 
kleines Kind bestattet. Wegen mangelhafter Ernährung und 
fehlender Medizin starben in früheren Zeiten viele Kleinkinder. 
Diese hohe Kindersterblichkeit war Normalität, weshalb man die 
Leichname meistens schnell im Hausgarten vergrub. So geschah es 
auch mit diesem Baby aus der Zeit um 1800 bis 1500 v. Chr. Doch 
hat die Mutter offenbar den Gedanken nicht ertragen können, den 
kleinen Körper schutzlos mit Erde zuzuwerfen. Deshalb hat sie 
zwei Gefäße aus ihrem Haushalt zum Kindersarg umfunktioniert.
 

INFO

Mehr Infos: http://www.lwl-landesmuseum-herne.de 
LWL-Museum für Archäologie 
Europaplatz 1 
44623 Herne 
Telefon: 02323 94628-0
URL: http://www.lwl-landesmuseum-herne.de 

Öffnungszeiten: 
Dienstag, Mittwoch, Freitag 9 Uhr bis 17 Uhr, Donnerstag 
9 Uhr bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag 11 Uhr bis 18 Uhr


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte