[WestG] [LIT] Juedische Genealogie im Archiv, in der Forschung und digital

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Jun 18 11:15:11 CEST 2012


Von: "Bettina Joergens" <bettina.joergens at lav.nrw.de> 
Datum: 15.06.2012, 13:10 


LITERATUR

Jüdische Genealogie im Archiv, in der Forschung und digital. 
Quellenkunde und Erinnerung (Veröffentlichung des Landesarchivs 
Nordrhein-Wetsfalen 41), 230 Seiten, Borschur, 25,95 €, ISBN 
978-3-8375-0678-5, Klartext-Verlag Essen 2011.

Es ist ein Glücksfall, dass im Landesarchiv NRW in Detmold etwa 
900 Geburts-, Heirats- und Sterberegister von Jüdinnen und 
Juden aus ganz Westfalen und Lippe aus dem 19. Jahrhundert 
aufbewahrt werden. Selten findet man eine solch dichte 
Überlieferung jüdischer Personen-standsdaten einer so großen 
Region. Wer die Geschichte jüdischer Familien erforscht, wird 
dies zu schätzen wissen, wie Tobias Schenk in dem Tagungsband 
betont.

Denn die Machthaber des NS-Regimes zerstreuten und zerstörten 
Unterlagen aus jüdischen Familien, Gemeinden und Archiven. Und 
schon in den Jahrhunderten davor legten viele jüdische 
Gemeinden oft keinen großen Wert auf die schriftliche 
Dokumentation des Gemeindelebens - die jüdische Tradition sieht 
diese auch vielfach nicht vor, wie etwa das Festhalten eines 
Geburtsdatums, wie Peter Honigmann in dem vorzustellenden Buch 
darlegt.

Die Erforschung jüdischer Genealogien ist zudem immer von den 
Auswirkungen des Holocaust begleitet: Denn die in den weltweit 
ver-streuten, oft nur noch rudimentär überlieferten 
Informationen zu Gebur-ten, Heiraten und Todesfällen gefundenen 
Vorfahren wurden meist von den Nationalsozialisten ermordet. 
Mühsam wird die Suche nach Verwandten, Vergangenem und 
"Stammbäumen" durch die Sprachlosigkeit in vielen jüdischen 
Familien angesichts des erlittenen Grauens.

So findet sich die Nachkriegsgeneration - sei es die zweite, 
dritte oder gar vierte Generation - häufig ohne erzählbare 
Geschichte der Familie und ringt nun sehr mühsam um Worte und 
Informationen - der Selbstvergewisserung und des Gedenkens 
wegen, so wie die Ich-Erzählerin in Viola Roggenkamps Roman 
"Familienleben". Die Erforschung jüdischer Genealogien steht 
folglich vor ganz besonderen Herausforderungen, die untrennbar 
von der Gedenk- und Erinnerungsarbeit zu sehen sind, wie sie 
besonders von Friedhelm Boll und Alfons Kenkmann diskutiert 
werden.

Das Landesarchiv NRW veranstaltete zu den Möglichkeiten und 
Hürden genealogischer Forschungen zu jüdischen Familien sowie 
zur Gedenkkultur angesichts einer immer geringeren Anzahl von 
Zeitzeugen im Jahr 2010 zwei Tagungen. Die Beiträge sind jetzt 
in dem beim Klartext Verlag veröffentlichten Tagungsband 
"Jüdische Genealogie" nachzulesen.

Das Buch ist über den Buchhandel erhältlich.


INFO

Kontakt:
Willi-Hofmann-Straße 2
32756 Detmold
Tel.: 05231/766-112
Fax: 05231/766-114
URL: www.archive.nrw.de


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte