[WestG] [AKT] LWL-Stadtarchaeologen sichern in der ersten Marktsiedlung 2000 Jahre Geschichte

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Jul 26 11:29:24 CEST 2012


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 25.07.2012, 13:01


AKTUELL

LWL-Stadtarchäologen sichern in der ersten Marktsiedlung 2000 
Jahre Geschichte

Es ist nicht einfach nur eine Baustelle, die an der 
Westernstraße 15 den Paderborner Boden öffnet. Hier bietet sich 
insbesondere für die LWL-Archäologen der Stadtarchäologie 
Paderborn aktuell ein Blick in mehr als 2000 Jahre 
Stadtgeschichte. Vor ihnen liegt im wahrsten Sinne ein 
Schaufenster auf die erste Paderborner Marktsiedlung - und ein 
wichtiges Puzzlestück für die Stadtforschung. Hier können auch 
alle historisch interessierten Besucher Einblick in gleich 
mehrere Kapitel der eigenen Stadtgeschichte nehmen - bei 
kostenlosen öffentlichen Führungen mit den Wissenschaftlern.

In den untersten Bodenschichten der Baustelle, wo ein 
Geschäftshaus entstehen soll, sind die Archäologen auf die 
Spuren der ersten Siedler im späteren Paderborner Stadtgebiet 
gestoßen. "Wir konnten die Überreste einer über 2000 Jahre 
alten Siedlung dokumentieren und sichern", beschreibt Dr. Sven 
Spiong, Stadtarchäologe beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe 
(LWL) die überraschenden archäologischen Einblicke. "Die Bauern 
dieser Siedlung nutzten einst die fruchtbaren Böden am Hang zur 
Paderquelle, um hier Getreide und andere Feldfrüchte anzubauen."

Mehrere Jahrhunderte lang blieben die Menschen dieser Stelle 
anschließend fern. Spätestens um 1000 n. Chr. kehrten jedoch 
die Siedler zurück. Denn inzwischen hatte sich seit der Zeit 
Karls des Großen westlich der ehemaligen Domburg eine 
Marktsiedlung gebildet. Solche Marktsiedlungen entwickelten 
sich seit der Zeit um 800 in den norddeutschen Bischofsstädten. 
Die ehemalige Marktkirche St. Pankratius auf dem heutigen 
Marienplatz war bis zu ihrem Abriss 1784 noch der Mittelpunkt 
dieser Siedlung, die in der Mitte des 12. Jahrhundert in das 
neue Stadtgebiet einbezogen wurde.

Die Spuren dieser frühesten Stadtbildungsphase beeindrucken 
auch die Fachleute. So ist Grabungsleiterin Eva Manz besonders 
fasziniert von den bis zu einen Meter mächtigen 
mittelalterlichen Fundamenten eines Steingebäudes aus der 
Frühzeit der Stadt im späten 12. und 13. Jahrhundert. "Zu 
dieser Zeit gab es bereits die Stadtmauer und das Stadtgebiet 
war in Grundstücke eingeteilt, deren Grenzen zum Teil bis heute 
überdauert haben", erklärt sie die Fundsituation. "Mit den 
mächtigen Mauern und dem imposanten Bauwerk haben die 
Eigentümer dieses Hauses gezeigt, dass sie ihr Gewerbe im 
Marktviertel verstanden und erfolgreich wirtschafteten", so die 
Archäologin weiter.

Das Grundstück, das vom Grabungsteam um Eva Manz jetzt 
untersucht wird, war schon damals über eine kleine Seitengasse 
südlich der Westernstraße zu erreichen. Zunächst stand hier ein 
unterkellertes Fachwerkhaus, das noch im 12. Jahrhundert einem 
prächtigeren Neubau weichen musste. Neben diesem Haus 
errichteten die Eigentümer im 13. Jahrhundert mindestens zwei 
teilweise unterkellerte Nebengebäude als Ställe oder Schuppen. 
Außerdem legten die Archäologen Fundamente von mindestens drei 
Öfen frei, die für gewerbliche Zwecke genutzt wurden. Ein 
Brunnen sorgte dafür, dass die Bewohner damals mit dem täglich 
benötigten frischen Trinkwasser versorgt waren.

Bis zum 4. August untersucht das neunköpfige Grabungsteam noch 
das 400 Quadratmeter große Areal. Es wird dabei vom künftigen 
Nutzer, der Firma Vockeroth GmbH, finanziell unterstützt. Nach 
Abschluss der archäologischen Untersuchungen entsteht 
schließlich das Geschäftshaus, das sich damit in eine 
jahrhundertealte Bau- und Geschäftstradition an dieser Stelle 
einreiht.

Wer sich über die ersten Grabungsergebnisse aus erster Hand 
informieren und die Stadtgeschichte selbst in Augenschein 
nehmen will, kann das am 26. Juli und am 1. August tun. Dann 
lädt die Stadtarchäologie Paderborn jeweils um 18 Uhr zu 
kostenlosen öffentlichen Führungen über die Ausgrabung ein. 
Treffpunkt ist die Seitengasse zwischen der Westernstraße 7 und 
13.


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