[WestG] [AKT] Dokumentationsstelle zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jul 11 10:01:01 CEST 2012
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 10.07.2012, 14:46
AKTUELL
Dokumentationsstelle zur Geschichte und Kultur der Polen in
Deutschland
Bundestagspräsident Lammert eröffnet Expertenrunde im
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Als "Brücke der Verständigung" und "wichtigen Schritt auf dem
gemeinsamen Weg in eine gemeinsame Zukunft" bezeichnete
Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert am Dienstag
(10.7.) zum Auftakt einer Expertenrunde in Dortmund die
geplante Dokumentationsstelle zur Geschichte und Kultur der
Polen in Deutschland. 60 Vertreter polnischer Organisationen in
Deutschland und Experten aus Kultur, Wissenschaft und Politik
diskutieren im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern zwei Tage lang
über die Machbarkeitsstudie für das neue Zentrum.
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat die Studie mit
maßgeblicher Unterstützung des Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien (BKM) erstellt. Sie ist Bestandteil des
Programms der Zusammenarbeit, das die Parlamente der beiden
Staaten 2011 zum 20. Jahrestag des deutsch-polnischen
Nachbarschaftsvertrags beschlossen haben. Eingerichtet werden
soll die Dokumentationsstelle im "Polnischen Haus" in Bochum,
dem Sitz des Bundes der Polen in Deutschland.
Ziel der geplanten Dokumentationsstelle ist es, die Orte der
wechselvollen Geschichte und vielfältigen Kultur der Polen in
Deutschland sichtbar zu machen, ein neues Bewusstsein für deren
Bedeutung im europäischen Kontext zu schaffen und ein Forum für
den Austausch über Erinnerung, Geschichte, Identität und Kultur
herzustellen. Zentrales Medium wird ein digitaler "Atlas der
Erinnerungsorte", der in einem Internetportal bereitgestellt
wird. Das Portal soll darüber hinaus die Informationen zur
Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland bündeln und
dabei die Möglichkeiten der digitalen sozialen Netzwerke nutzen.
"Deutschland und Polen haben eine große gemeinsame
Vergangenheit. Gerade im Ruhrgebiet, das durch eine erstaunlich
starke und erfolgreiche Migration erst entstanden ist, sind die
polnischen Einflüsse bis heute prägend und vielerorts sichtbar",
so Lammert weiter. Er betonte darüber hinaus die enorme
Bedeutung der deutsch-polnischen Beziehungen für das neue
Europa.
"Deutsche und Polen bekennen sich zu gemeinsamen Werten und
Interessen und haben in Europa gemeinsame Ziele", bekräftigte
auch Krzysztof Miszczak, Direktor im Büro des Bevollmächtigten
des polnischen Ministerpräsidenten für den internationalen
Dialog. Trotz dieser Grundlagen sei das Wissen um die
gemeinsame Geschichte und Kultur jedoch oft noch lückenhaft.
Die Dokumentationsstelle, so hofft er, schließe diese
Wissenslücke durch "Erfassen, Erforschen und Informieren".
Dr. Ingeborg Berggreen-Merkel sieht in der Dokumentationsstelle
eine "entscheidende Wegmarke". "Geschichte ist wichtig für eine
gemeinsame Zukunft", erklärte die Abteilungsleiterin beim BKM.
Es freue sie besonders, dass nur ein Jahr nach den politischen
Beschlüssen die polnischen Gruppen und deutschen Partner das
Projekt jetzt gemeinsam umsetzten. Das BKM hatte die
Machbarkeitsstudie wesentlich begleitet und bereits im Vorfeld
einen intensiven Dialog zwischen den Vertretern von polnischen
und deutschen Institutionen und Verbänden initiiert.
Als Träger der Dokumentationsstelle schlägt die Studie den LWL
vor. "Wir sind dem BKM sehr dankbar für die Unterstützung. Der
Landschaftsverband bringt als großer Kulturträger seine
Erfahrung und Kompetenz gerne in dieses Projekt ein. Im
Industriemuseum beschäftigen wir uns seit Jahren mit dem Thema
Migration. Der deutsch-polnische Austausch ist dabei ein
Schwerpunkt. Mit Ausstellungen und Veranstaltungen haben wir am
Standort Zeche Hannover in Bochum in den letzten Jahren hier
Akzente gesetzt. Inhaltlich wie räumlich bietet sich hier eine
Kooperation an", erklärte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara
Rüschoff-Thale.
Auch Marek Wójcicki, Vorsitzender des Bundes der Polen in
Deutschland e.V., sieht in dem Dokumentationszentrum einen
wichtigen Baustein für die gemeinsame Zusammenarbeit, wies
jedoch darauf hin, dass dies erst der zweite von insgesamt 14
Punkten aus dem beschlossenen Programm sei: "Es liegt noch ein
langer Weg vor uns."
Autor der Studie ist Dr. Jacek Barski. Der in Breslau geborene
Kulturwissenschaftler und Museumsexperte lebt seit 1981 in
Deutschland und ist seit vielen Jahren im Bereich
deutsch-polnischer Kulturprojekte tätig.
Hintergrund
In Deutschland leben heute mehr als zwei Millionen Menschen mit
polnischer Muttersprache und polnischer Identität. Beide Völker
können auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück
blicken. Sie ist geprägt von Phasen des Kriegs, der Verfolgung
und des Leids, aber vor allem auch vom friedlichen
Zusammenleben, guter Nachbarschaft sowie vielfältigen
kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen.
Die Polen in Deutschland haben wesentlich zur kulturellen und
wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen. Neben
gegenseitigen Beeinflussungen in Musik, Literatur und Politik
vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert ist vor allem der
Beitrag der polnischen Zuwanderer zu erwähnen, die Ende des 19.
Jahrhundert als Landarbeiter und Industriearbeiter nach
Deutschland kamen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebte mehr
als eine halbe Millionen Menschen polnischer Herkunft und
polnischer Muttersprache im Ruhrgebiet. Sie arbeiteten dort
nicht nur in Zechen, Eisenhütten und Stahlwerken und trugen
damit zum Aufbau und Wohlstand des Landes bei, sondern
etablierten in Bochum, im Herzen des aufstrebenden Ruhrgebiets,
ein Zentrum der polnischen Verbände, Banken, Verlage und
Vereine, das ins gesamte Deutsche Reich ausstrahlte.
Trotz des Wegzugs von zwei Dritteln der so genannten Ruhr-Polen
aus dem Revier nach Wiedererstehen des polnischen Staates
konnte Bochum als Zentrum der Polen bis 1939 seine Bedeutung
erhalten.
Mit dem Überfall auf Polen, der Verschleppung und Vernichtung
wurden in vielen Teilen Deutschlands die Wurzeln des
gedeihlichen Zusammenlebens, des kulturellen und
wirtschaftlichen Austauschs zerschlagen. Die polnischen und
deutschen Grenzverschiebungen und die Einbindung in
unterschiedliche politische und militärische Bündnissysteme
nach dem Zweiten Weltkrieg haben lange Zeit die Annäherung und
Versöhnung der beiden Völker erschwert. Mit dem Aufbruch zur
Demokratisierung der Ostblockstaaten, der Anfang der 1980er
Jahre von Polen ausging, der endgültigen Bekräftigung der
Grenzen und dem Vertrag zur guten Nachbarschaft und
freundschaftlichen Zusammenarbeit haben beide Staaten 1991 die
Weichen für die gemeinsame Zukunft in einem zusammenwachsenden
Europa gestellt.
In der Phase des politischen Umbruchs sind hunderttausende
Menschen aus Polen nach Deutschland gekommen. Im Gegensatz zu
anderen Gemeinschaften von Zuwanderern tritt die Präsenz der
Polen in Deutschland jedoch oft nur zurückhaltend in
Erscheinung. Ihr weitreichender Beitrag zu einem gemeinsamen
kulturellen Erbe, ihre Bedeutung für die Entwicklung und
kulturelle Vielfalt in Deutschland ist daher vielen nicht
bewusst.
Die Orte der wechselvollen Geschichte und vielfältigen Kultur
der Polen in Deutschland sichtbar zu machen und ein Forum für
den Austausch über Erinnerung, Geschichte, Identität und Kultur
herzustellen ist, das Ziel der geplanten Dokumentationsstelle
zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland.
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