[WestG] [AKT] Postkarten - hoffnungslos veraltet oder wieder etwas Besonderes? LWL-Volkskundler untersuchen das Phaenomen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Aug 3 10:37:52 CEST 2012


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 03.08.2012, 10:01


AKTUELL

Postkarten - hoffnungslos veraltet oder wieder etwas Besonderes?
LWL-Volkskundler untersuchen das Phänomen

Wer schreibt denn noch Postkarten, wenn der Urlaubsgruß 
schneller und günstiger per SMS, Twitter oder Facebook erledigt 
werden kann? "Heute scheint nur noch die Taste für die 
45cent-Briefmarke am Markenautomaten daran zu erinnern, daß es 
auch Postkarten gab", schrieb jemand in einem Online-Forum.

Heute ist es selbstverständlich, auf Postkarten schöne 
Ansichten oder lustige Motive zu sehen, doch als die 
"Correspondenzkarte" am 1. Juli 1870 von der Postverwaltung des 
Norddeutschen Bundes eingeführt wurde, war an ein Bildmotiv 
noch nicht zu denken. "Postkarten stellten zunächst einmal ein 
kostengünstiges Medium für kurze Mitteilungen dar", erläutert 
Anna Maria Löchteken, die den Postkarten bei der 
Volkskundlichen Kommission des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL) nachgespürt hat.

Die Postkarte war ab dem ersten Tag ihrer Einführung ein 
Verkaufshit und wurde in allen Bevölkerungsschichten schnell 
bekannt, als im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 die 
Feldpost-Korrespondenzkarte portofrei in die Heimat befördert 
wurde. Auch nach Kriegsende war die Beliebtheit ungebrochen, da 
nur die Hälfte des Briefportos zu entrichten war.

Mit dem Aufkommen bebilderter Postkarten gewannen die Karte 
nochmals an Popularität. Die ersten (selbst) illustrierten 
Karten sind schon für das Jahr 1870 bekannt, offiziell wurden 
Bildpostkarten/Ansichtskarten aber erst Mitte der 1890er Jahre 
von den Postverwaltungen zugelassen. Zuvor empfand man es als 
unangebracht, Karten mit Bildern zu verschicken. Da die 
Rückseite der Postkarte bis 1905 nur mit der Adresse 
beschriftet werden durfte, reichte der Platz auf der Bildseite 
kaum für mehr als einen kurzen Gruß. "Einige geschickte 
Schreiber schafften es aber dennoch, noch verhältnismäßig 
umfangreiche Mitteilungen rund um das Bild unterzubringen", so 
Löchteken.

Ab der Jahrhundertwende gehörten Fotopostkarten fest zum 
touristischen Reiserepertoire, da breite Bevölkerungsschichten 
auf diese Weise in der Lage waren, ihren Urlaubsaufenthalt zu 
präsentieren. Diese Erfahrung machte auch der Schriftsteller 
Hans Fallada beim Familienurlaub in seiner Jugend zu Beginn des 
20. Jahrhunderts: "Ansichtspostkarten mußten geschrieben werden,
 an jeden erdenklichen Bekannten und Verwandten. Sie waren ein 
Beweis, daß man in einer Sommerfrische gewesen war, und im 
übrigen schickte sich dieser Gruß aus Ferientagen."

Auch die Westfalen grüßten fleißig von den verschiedensten 
Ausflugszielen, Städten oder Denkmälern. Da während der 
Blütezeit der Bildpostkarte zwischen 1895 und 1914/18 nahezu 
jedes Motiv auf Postkarten gebannt wurde, gab es unzählig viele 
Möglichkeiten Freunde, Bekannte und Verwandte an der eigenen 
Unternehmungslust teilhaben zu lassen.

Die Postkarte hält sich schon über 140 Jahre, hat aber in den 
vergangenen Jahrzehnten einen starken Einbruch zu verzeichnen. 
Wurden 1954 noch 920 Millionen Karten verschickt und vor 30 
Jahren immerhin noch 877 Millionen, haben mittlerweile neue 
Medien wie Internet und Mobiltelefon zu einem drastischen 
Rückgang geführt. Nach Angaben der Deutschen Post beschränkt 
sich die Versendung privater Postkarten heute eher auf das 
Saisongeschäft im Sommer sowie zu Ostern und Weihnachten. 
Insgesamt wurden im Jahr 2011 in der gesamten Bundesrepublik 
nur noch zirka 162 Millionen Karten verschickt.

Trotzdem: Mag die Allgemeinheit durch soziale Netzwerke vom 
Urlaubsaufenthalt erfahren, die wirklich engen Freunde erhalten 
eher einen postalischen und damit besonderen Gruß, ergab eine 
Zeitungsumfrage bei Internetnutzern.


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte