[WestG] [AKT] Exzellenzcluster untersucht im Wintersemester das Thema "Religion und Geschlecht"
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Okt 7 10:35:21 CEST 2011
Von: "Exzellenzcluster "Religion und Politik"" <religionundpolitik at
uni-muenster.de>
Datum: 06.10.2011, 11:21
AKTUELL
"Was Religion mit Sexualität zu tun hat"
Exzellenzcluster untersucht im Wintersemester das Thema
"Religion und Geschlecht"
Die drei monotheistischen Weltreligionen vertreten aus
Historikersicht traditionell eine institutionelle Unterordnung
der Frau unter den Mann. "Das hat mit den patriarchalischen
Gesellschaften zu tun, denen die Religionen entstammen und die
sich in Torah, Bibel und Koran niedergeschlagen haben", sagte
Historikerin Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger vom
Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Uni Münster. "Bis
heute dürfen Frauen bekanntlich nicht Priester oder Imam
werden. Katholische Kirche und Islam konservieren insofern eine
vormoderne, patriarchalische Gesellschaftsstruktur." Die
Historikerin und Leibniz-Preisträgerin kündigte eine
öffentliche Ringvorlesung des Clusters zum Thema "Religion und
Geschlecht" an. Der erste Vortrag ist am 18. Oktober.
Die Reihe mit dem Titel "Als Mann und Frau schuf er sie" wird
aktuelle Themen wie Frauen in der Kirche, Zölibat, Kopftuch,
Homosexualität im Islam und feministische Aufbrüche im Judentum
ansprechen, wie die Forscherin erläuterte. "Die Stichworte
zeigen schon, dass Religionen sehr viel mit dem Verhältnis der
Geschlechter zu tun haben." Die Reihe untersucht das Thema von
der Antike bis heute. Es sprechen neben der Frankfurter
Rabbinerin Elisa Klapheck Frauen und Männer verschiedener
Fächer: aus Geschichts- und Literaturwissenschaft, Soziologie,
Theologie, Jura und Ethnologie. Die Vorträge sind dienstags von
18.15 bis 19.45 Uhr in Hörsaal F2, Domplatz 20-22, zu hören.
Dass die evangelische Kirche und das Judentum Frauen heute
nicht mehr von geistlichen Ämtern ausschließen, zeigt nach
Aussage der Historikerin, "dass religiöse Institutionen sich
auf den historischen Wandel der Geschlechterordnung einstellen
können. Heilige Texte sind auslegungsfähig." Den Islam von
heute pauschal als "frauenfeindlich" zu bezeichnen, lehnte die
Wissenschaftlerin ab. Viele Muslime seien nicht
patriarchalischer gesonnen als manch konservativer Christ.
Derlei Allgemeinplätze dienten wohl dazu, sich im Westen der
eigenen Fortschrittlichkeit und moralischen Überlegenheit zu
versichern. "Es fragt sich aber, ob damit nicht auch von
fortbestehenden Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern
hierzulande abgelenkt wird."
Auf die Frage, ob Mann und Frau nicht in den meisten Religionen
vor Gott gleich seien, antwortete Prof. Stollberg-Rilinger: "Im
Jenseits vielleicht, aber nicht auf Erden." Wohl alle
Religionen enthielten Aussagen zu Mann und Frau, etwa in Form
von Normen, die bestimmten, in welcher Form sie zusammenleben
dürfen, inwiefern Sexualität erlaubt ist und was ein Mann als
Mann, eine Frau als Frau zu tun hat. "Noch elementarer sind die
Mythen, religiöse Ursprungserzählungen, die verschlüsselte
Vorstellungen über das Verhältnis von Mann und Frau enthalten.
Denken Sie nur an die Erschaffung Evas aus Adams Rippe und die
Verführung Adams durch Eva."
Durch religiöse Mythen, Glaubenslehren und Kultpraktiken
erscheinen die Geschlechternormen den Menschen als "gottgewollt
und natürlich", wie die Wissenschaftlerin sagte. "Das macht die
Beharrungskraft der Geschlechterordnung so groß." Umgekehrt
können Glaubensvorstellungen laut der Historikerin dazu
beitragen, eine herrschende Geschlechterordnung in Frage zu
stellen, "indem man sich etwa auf die spirituelle Gleichheit
vor Gott oder auf individuelle prophetische Inspiration beruft."
Fundamentalisten von heute sei allerdings die Rückkehr zu
traditionellen Geschlechterrollen ein zentrales Anliegen, so
Prof. Stollberg-Rilinger. Sie sähen in der Gleichberechtigung
der Frauen "all das, was sie an der Moderne beunruhigt." So
definierten solche frommen Auserwählten in Christentum,
Judentum und Islam sich oft über besonders strenge
Geschlechternormen. "Sie gründen die Identität ihrer Gruppe auf
die besondere sexuelle Reinheit und Keuschheit vor allem der
Frauen, um sich von der sündhaften Umwelt abzugrenzen.
Religiöse Reinheit wird mit sexueller Reinheit, der Glaube der
Anderen mit sexueller Zügellosigkeit gleichgesetzt."
Auch die katholische Kirche halte überkommene sexuelle Normen
hoch, sei damit aber in die Defensive geraten, sagte die
Wissenschaftlerin. "Man denke an das Keuschheitsgebot für
Kleriker, das Verbot der Empfängnisverhütung oder die
Verurteilung von Homosexualität." Gesellschaftlich könne die
Kirche diese Forderungen nicht durchsetzen und habe es
vermutlich noch nie gekonnt. "Dennoch werden die Normen
aufrechterhalten. Wie stichhaltig die theologischen Argumente
dafür sind, mögen die Theologinnen und Theologen beurteilen.
Zweifellos dient, was da als religiöse Forderung verteidigt
wird, auch der Zementierung von Machtverhältnissen."
INFO
Kontakt:
Viola van Melis
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
des Exzellenzclusters "Religion und Politik"
Johannisstraße 1-4
48143 Münster
Tel.: 0251/83-23376
Fax: 0251/83-23246
E-Mail: religionundpolitik at uni-muenster.de
URL: www.religion-und-politik.de
"Religion und Politik" - Der Exzellenzcluster der WWU Münster
Im Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster (WWU) forschen rund 200
Wissenschaftler aus 20 geistes- und sozialwis-senschaftlichen
Fächern und elf Ländern. Sie untersuchen das komplexe
Verhältnis zwischen Religion und Politik von der Antike bis zur
Gegenwart und von Lateiname-rika über Europa bis in die
arabische und asiatische Welt. Es ist der bundesweit größte
Forschungsverbund dieser Art und von den deutschlandweit 37
Exzellenz-clustern der einzige zum Thema Religionen. Bund und
Länder fördern das Vorhaben im Rahmen der Exzellenzinitiative
bis 2012 mit 37 Millionen Euro.
Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte