[WestG] [AKT] Verwirrungen um den 11. November: Die einen feiern Sankt Martin, die anderen gedenken am Martinitag Martin Luthers
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Nov 11 11:41:05 CET 2011
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 09.11.2011, 14:11
AKTUELL
Verwirrungen um den 11. November
Die einen feiern Sankt Martin, die anderen gedenken am
Martinitag Martin Luthers
In diesen Tagen ziehen wieder viele Kinder mit ihren Laternen
durch die Straßen. Diese Sankt Martin-Umzüge rund um den 11.
November gehen auf den Todestag des heiligen Martin von Tours
(† 397) zurück. Laut Überlieferung soll er als Soldat mit einem
Bettler seinen Mantel geteilt haben und erlangte daher seine
Bekanntheit. "Dieser Akt der Nächstenliebe steht bis heute im
Mittelpunkt des Sankt Martin-Gedenkens und ist auch dafür
verantwortlich, dass der Gedenktag nicht in Vergessenheit
geraten ist, auch wenn er erst im 19. und 20. Jahrhundert
wiederbelebt wurde", erklärt Christiane Cantauw,
Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission für Westfalen
beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). In einigen
protestantischen Gegenden feiert man zur gleichen Zeit den
Martinitag, an dem man Martin Luthers gedenkt.
Begangen wird der Martinstag in vielen Gebieten mit Umzügen,
meist in Form von Laternen- oder Lichterumzügen. Dabei werden
traditionell Martinslieder gesungen. Moderne Lieder, wie etwa
"Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne" oder "Ich habe eine
Laterne", sind von und für Kindergärten und Schulen konzipiert
und somit keine Martinslieder im eigentlichen Sinn. Anders
verhält es sich bei dem Lied "Sünte Martins Vöggelken", das um
1970 in Bocholt (Kreis Borken) aufgezeichnet wurde. Es hat
einen niederdeutschen Text, der bereits nachweislich Mitte des
16. Jahrhunderts gesungen wurde. Diese Musikbeispiele sind nur
ein kleiner Ausschnitt der vielen Lieder, die zum Repertoire an
Sankt Martin gehören. Die ursprünglichen Martinslieder, deren
erste Belege sich im 14. Jahrhundert finden lassen, beschreiben
den Akt der Mantelteilung oder lassen Martin hochleben.
Die heutigen Laternenumzüge enden mancherorts am Martinsfeuer,
andernorts auf einer Festwiese, im Park, an einer Kirche oder
an Schulen und Kindergärten. "Das Martinsfeuer ist ein
reinigendes Feuer, das den Feldern Segen bringen soll", so
Cantauw. Nicht fehlen darf beim Martinsumzug eine szenische
Darstellung der Mantelteilung. Meist reitet ein als Sankt
Martin verkleideter Darsteller auf einem Schimmel an der Spitze
des Festzugs.
"Allerdings war der 11. November nicht nur aufgrund von Sankt
Martin ein wichtiger Tag. Er markierte eine Zäsur im
bäuerlichen Arbeitsjahr, Jahreslöhne für Knechte und Mägde
wurden ausgezahlt, Pachtgebühren wurden fällig und Zinsen
eingetrieben. Das Ende des Wirtschaftsjahres an diesem Datum
war gleichzeitig auch Beginn der sechswöchigen Advents- und
Fastenzeit", erläutert die Volkskundlerin.
Hintergrund zum Martinsbrauch
Der heilige Martin wurde 316 oder 317 als Sohn eines Offiziers
geboren und nach damaliger Sitte ebenfalls Soldat wie sein
Vater. Martin von Tours zeigte aber auch früh Interesse an der
religiösen Lehre. Nach der Mantelteilung wurde er auf Begehren
des Volkes zum Bischof von Tours ernannt. Martin starb am 8.
November 397 und wurde am 11. November in Tours beigesetzt.
Ursprünglich war der Sankt Martinsumzug ein sogenannter
Heischebrauch. Dabei zogen Kinder singend von Hof zu Hof und
forderten Gaben, meist in Form von Lebensmitteln ein. Dieser
Brauch ist heute zu Sankt Martin größtenteils verschwunden, war
aber bis in die 1960er Jahre durchaus lebendig.
In einem Bericht aus dem Archiv der Volkskundlichen Kommission,
der die Zeit um 1900 beschreibt, heißt es: "Im November am
Martinstag, gingen die Kinder in der Dämmerung mit Beutel und
Tasche bewaffnet, von Haus zu Haus, zum Martinssingen aus. Es
gab dann Äpfel, Nüsse und auch Backobst, wo jeder gerade mit
eingedeckt war. Später wenn diese Sachen fehlten, gab es auch
wohl Würfelzucker oder Bonbons."
Was hat Martin Luther mit Sankt Martin zu tun? Martin Luther
wurde am 10.11.1483 in Eisleben geboren. Er studierte Jura,
entschied sich aber im Alter von 22 Jahren dem
Augustinerkloster in Erfurt beizutreten. Ab 1512 war er
Theologieprofessor an der Universität Wittenberg. Luther ist
heute vor allem für seine 95 Thesen bekannt, die er der Legende
nach am 31.10.1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche
schlug. Er protestierte damit gegen den Ablasshandel und
forderte eine Reformation der Kirche. Seine Thesen verbreiteten
sich in ganz Deutschland und leiteten die Spaltung der Kirche
ein. Aus dieser Reformation, die alljährlich am 31.10. mit dem
Reformationstag begangen wird (gesetzlicher Feiertag in
Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt
und Thüringen), entstand die Evangelische Kirche. Luther starb
am 18.02.1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben. Da in der Nacht
vom 31. Oktober zum 1. November heutzutage Halloween, ebenfalls
ein Heischebrauch, vielerorts gefeiert wird, wird der
Reformationstag nur noch als gesetzlicher Feiertag begangen.
Allerdings wurde Martin Luthers vornehmlich in protestantischen
Familien und Orten an seinem Geburtstag, dem 10. November, oder
an seinem Tauftag, dem 11. November, gedacht. Dies zeigt sich
an einem Bericht aus dem Kreis Minden-Lübbecke: "Am 10.
November am Geburtstag von Dr. Martin Luther ziehen die Schüler
in größeren und kleineren Gruppen von Haus zu Haus und singen
ihre Lieder. Früher erhielten wir Äpfel und Birnen als Gaben.
Heutzutage nehmen sich die Kinder gerne Süßigkeiten."
Dieser Tag hat sich in einigen protestantischen Orten unter der
Bezeichnung "Martinitag", zu dem auch das "Martinisingen"
gehört, bis heute erhalten. "Es lässt sich allerdings nicht
verallgemeinernd sagen, dass in katholischen Gebieten nur Sankt
Martin und in protestantischen Gebieten nur Martinitag begangen
wird", so Cantauw. Die Ähnlichkeit in der Auslegung der Bräuche
kann demnach zu einiger Verwirrung führen.
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