[WestG] [AKT] Witten, Gedenkveranstaltungen zur Judenverfolgung

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Mo Nov 8 12:21:54 CET 2010


Von: "Stadt Witten" <presse at witten.de>
Datum: 08.11.21010, 12:22


AKTUELL

Bericht eines Zeitzeugen ist Höhepunkt einer Gedenkveranstaltung zur 
Judenverfolgung 

Mit der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 begann eine
vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Zerstörung
von Einrichtungen jüdischer Bürger und deren Verfolgung im gesamten
Deutschen Reich. Auch in Witten haben Anhänger des
nationalsozialistischen Unrechtsregimes in besagter Nacht die Synagoge
an der Breite Straße neben dem Gymnasium demoliert, angezündet und
jüdische Bürgerinnen und Bürger drangsaliert.

Das Ruhr-Gymnasium erinnert traditionell an die Reichspogromnacht.
Dabei ist es nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft der Schule zur
ehemaligen Synagoge, aus der heraus das Thema jährlich zum Gegenstand
eines Projekttages wird. „Die Beschäftigung mit dem Thema soll dazu
beitragen, dass sich dieser Teil unserer Vergangenheit niemals
wiederholen kann“, so Ernst Werner Borttscheller vom Lehrerkollegium
des Ruhr-Gymnasiums.

So stehen unter anderem ein Besuch der Synagoge in Essen und eines
Theaterstückes in Bochum auf dem Programm, der Nazi-Propagandafilm „Jud
Süß“ entlarvt die Lebenslüge seines Regisseurs und weitere Filme zur
Pogromnacht und zum KZ Sachsenhausen machen die Ungeheuerlichkeit der
Judenverfolgung deutlich.

Höhepunkt des Gedenktages wird jedoch der Vortrag des Zeitzeugen Simon
Gronowski sein, den das Stadtarchiv Witten in Zusammenarbeit mit der
Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) schon zum zweiten Mal eingeladen
hat. Ab 18 Uhr wird der heutige Rechtsanwalt und Jazz-Pianist in der
Aula des Ruhr-Gymnasiums von seinem Überleben nach gelungener Flucht als
11-Jähriger aus dem so genannten XX-Transport berichten. Dieser
Deportationszug fuhr im April 1943 mit mehr als 1600 jüdischen Menschen
aus dem SS-Sammellager Mechelen (Belgien) in das Konzentrationslager
Auschwitz und wurde während der Fahrt kurzzeitig von drei jungen
belgischen Widerstandskämpfern gestoppt. Diese mutige Tat rettete mehr
als 200 Menschen vor der Verschleppung und Ermordung durch die Nazis.
Wie Simon Gronowski überlebten viele der Geflüchteten mithilfe der
belgischen Bevölkerung in Verstecken, mit gefälschten Papieren oder im
Untergrund.

Begleitet wird Simon Gronowski von Johannes Blum, der simultan
übersetzen und die Veranstaltungen per Video dokumentieren wird, um
sie dem Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseum in Mechelen zu
überlassen.

Bereits im Juni dieses Jahres war der Shoah-Überlebende schon einmal in
Witten.  „Dieser Besuch war ein wesentlicher Meilenstein im
historisch-politischen Lernprozess der Jugendlichen hinsichtlich der
Stärkung ihres demokratischen Bewusstseins“, so Dr. Martina
Kliner-Fruck, Leiterin des Stadtarchivs. „Die persönlichen Briefe der
Schüler an Simon Gronowski  bekunden die Bedeutung des
Zeitzeugenberichts für das Verständnis der Jugendlichen“.

Auszüge aus den Briefen von drei Schülern der damaligen 10.
Jahrgangsstufen und einer Schülerin aus der 7. Klasse sind weiter unten
wiedergegeben.

Im Anschluss an seinen Vortrag wird Simon Gronowski um 20 Uhr eine
kurze Ansprache am Synagogendenkmal an der Breiten Straße Ecke
Synagogenstraße halten. Danach werden verschiedene Organisationen Kränze
niederlegen.

Zum Vortrag und zur Kranzniederlegung sind alle Wittenerinnen und
Wittener herzlich eingeladen.


Auszüge aus den Briefen an Simon Gronowski:

„...Dies wäre mir nie gelungen, vor allem so ruhig und offen von Hitler
zu reden, ohne jedoch Hass zu verspüren. Auch dass Sie Kindeskindern
nicht mit Hass begegnen, nur weil Ihre Eltern an diesem schrecklichen
Krieg beteiligt waren, denn Hass macht blind. - Es war sehr schön, dass
Sie da waren. Ich werde Sie und Ihre Geschichte nie vergessen, sondern
mein Leben lang bewahren und weitererzählen.“ (Hannah Kübler,
Albert-Martmöller-Gymnasium)

„...Ich bewundere, wie Sie von ihrer Leidensgeschichte berichten,
obwohl Sie Jahrzehnte lang nicht einmal im engsten Freundeskreis darüber
sprachen. Dadurch tragen Sie einen wertvollen Teil bei, unsere
Demokratie und unsere Freiheit zu schützen. Indem Sie von ihrer
Lebensgeschichte erzählen, vermitteln Sie, wozu Menschen fähig sind und
machen deutlich, dass das wertvollste Gut unserer Gesellschaft die
Demokratie und die Freiheit sind...“ (Thomas Gielda,
Albert-Martmöller-Gymnasium)

„... Niemand kann das Geschehene ungeschehen machen, doch ich möchte
Ihnen sagen, dass ich alles dafür tun werde, so weit es in meiner Macht
steht, folgenden Generationen das zu vermitteln, was Sie uns vermittelt
haben: Für Frieden und Freiheit einzustehen.“ (Maurice-Michel Langner,
Ruhr-Gymnasium)

„...Sie haben in Ihrer Rede von Ihrer Besorgnis über diejenigen
geredet, die die Verbrechen der Vergangenheit leugnen. Diese Besorgnis
ist in der Tat nicht unberechtigt und daher schätze ich es umso mehr,
dass Sie den Entschluss gefasst hatten, unserer Jugend europaweit Ihre
Geschichte und die damit eingehenden Werte wie Menschlichkeit und Mut
näher zu legen. Denn wie Sie schon in ihrer Rede betont haben, sind
wir die Zukunft der Nation und als solche wird uns von dem berichtet,
was vergangen ist, damit diese Fehler, die in Verbrechen führen, nicht
in der Zukunft erneut begangen werden. Seien Sie in der Hinsicht, was
zumindest meine Klasse 10 A des Ruhr-Gymnasiums Witten und die
restlichen Zuhörer im Publikum betrifft, versichert, dass wir die uns
berichteten Verbrechen und Geschehnisse in Erinnerung behalten werden
und im Sinne der Demokratie und zur dessen Wahrung an folgende
Generationen weiter geben werden.“ (Önder Askin, Ruhr-Gymnasium)


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