[WestG] [AKT] Gruene Pfannkuchen, Schinken und Korinthenstuten: LWL-Volkskundler beschaeftigen sich mit Osterspeisen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Mär 30 10:54:09 CEST 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 29.03.2010, 15:03


AKTUELL

Grüne Pfannkuchen, Schinken und Korinthenstuten
LWL-Volkskundler beschäftigen sich mit Osterspeisen

Am Gründonnerstag kommt Grünes auf den Tisch" - diese Regel war 
früher in ganz Westfalen bekannt. Wie in Rheine (Kreis 
Steinfurt) oder im sauerländischen Volmarstein so aß man 
vielerorts Kopfsalat, Spinat oder am liebsten die neu 
ausgetrieben Sprossen des Grünkohls als sogenannten 
"Sprossenkohl". Falls es noch zu kalt war und weder Grünkohl 
noch Spinat zu haben waren, gab es die im vorangegangenen 
Herbst eingemachten grünen Bohnen. "Nach Möglichkeit sollte es 
am Gründonnerstag aber schon das frische, junge Grün sein, 
welches man auf vielfache Art verarbeitete", weiß Christiane 
Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission für 
Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Den Berichten aus dem Archiv für westfälische Volkskunde 
zufolge wurden um die Mitte des 20. Jahrhunderts Kopfsalat, 
Kresse, Löwenzahn, Spinat, junge Nesselblätter oder auch 
Bärlauch gegessen. Auch sogenannte 'grüne Pfannkuchen', also 
Pfannkuchen mit Schnittlauch waren als Gründonnerstagsspeise 
sehr beliebt, wie aus Berichten aus Lüdenscheid (Märkischer 
Kreis) und Versmold (Kreis Gütersloh) hervor geht.

"Warum man am Gründonnerstag meinte, unbedingt etwas Grünes 
essen zu müssen, ist nicht überliefert. Mit der Bezeichnung 
dieses Tages haben die Speisesitten jedenfalls nichts zu tun. 
Sie geht nämlich auf das Wort 'greinen' zurück, was so viel wie 
klagen oder weinen bedeutet. Vielleicht wirkt hier die 
Vorstellung nach, dass den ersten frischen Kräutern des Jahres 
besondere Kräfte zu eigen seien. Teilweise mag es auch einfach 
das Bedürfnis gewesen sein, den durch die Fastgebote 
reduzierten Speisezettel ein wenig aufzupeppen, was zu dieser 
Sitte geführt hat", mutmaßt Cantauw.

Offenbar waren die grünen Speisen am Gründonnerstag auch weiter 
verbreitet als die Karfreitagsstruwen, die bis heute nur im 
Münsterland bekannt sind. Dieses in Öl ausgebackene, 
pfannkuchenartige Hefegebäck, das heiß aus der Pfanne mit 
Apfel- oder Pflaumenmus verzehrt wird, gilt im Münsterland als 
die Karfreitagsspeise schlechthin. "Bis heute ist für viele 
Münsterländer ein Karfreitag ohne Struwen undenkbar. Angebote 
von Restaurants, denen zufolge man für einen festen Preis so 
viele Struwen essen kann, wie man möchte, lohnen sich indes 
meist nur für den Restaurantbetreiber. Ich habe jedenfalls im 
Selbstversuch die Erfahrung gemacht, dass man nicht allzu viele 
Struwen auf einmal essen kann", so Cantauw.

Am Ostersonntag endet die Fastenzeit. Das hieß, es musste 
Fleisch auf den Tisch kommen, das man schließlich lange Zeit 
entbehrt hatte. Wie in Ehringhausen (Kreis Soest), Wettringen 
(Kreis Steinfurt) oder Ramsdorf (Kreis Borken) bedeutete dies, 
dass ein Schinken angeschnitten wurde. Andernorts gab es 
Schweinskopfsülze, Sauerbraten, Kalbsbraten oder auch deftige 
Pfannkuchen mit viel Schinken und Speck. Zum Frühstück gab es 
Stuten (Weißbrot), und zum Kaffee aß man feines Rosinen- oder 
Korinthenbrot, teilweise auch den sogenannten Platenkuchen. 
Dass die Vorräte in vielen Haushalten nach den Wintermonaten 
schon sehr zu Neige gingen, verdeutlicht der Spruch: 
'Weihnachten backt ein jeder, Ostern wer kann und Pfingsten nur 
der reiche Mann'.

Selbstverständlich durften zu Ostern auch die Eier nicht 
fehlen: Gebackene und gekochte Eier aßen die Menschen an den 
Ostertagen in beliebiger Anzahl. "Da es sonst eher selten Eier 
gab und diese auch meist abgezählt waren, war das natürlich 
eine große Versuchung gerade für die Heranwachsenden und jungen 
Erwachsenen. Da hat so mancher wohl mächtig zugelangt, und weil 
dem ein oder anderen die hartgekochten Eier auf den Magen 
schlugen oder zu anderweitigen Verdauungsproblemen führten, 
muss es teilweise in den Gottesdiensten ganz schön unangenehm 
gerochen haben", so LWL-Volkskundlerin Chrstiane Cantauw.


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