[WestG] [AKT] Die heilige Gertrud eroeffnet am 17. März die Gartensaison: Zeitreise in die Gartenkultur des fruehen 20. Jahrhunderts
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Mär 15 08:34:29 CET 2010
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 12.03.2010, 10:18
AKTUELL
Die heilige Gertrud eröffnet am 17. März die Gartensaison
Zeitreise in die Gartenkultur des frühen 20. Jahrhunderts
Nach dem nicht enden wollenden Schnee und Frost in den ersten
beiden Monaten des Jahres scharren Hobbygärtner schon länger
mit den Schaufeln und Harken: Mit dem 17. März, dem Tag der
Heiligen Gertrud, ist die Garten(arbeits)saison nun endlich
eröffnet - vorausgesetzt das Wetter lässt es zu: "Gertrud nützt
dem Gärtner fein, wenn sie sich zeigt mit Sonnenschein", sagt
der Volksmund. "Traditionell sollten die Beete bis Mitte März
gelockert bzw. umgegraben sein", erklärt Christiane Cantauw,
Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Mit der Nachfrage nach Bio-Produkten ist in den vergangenen
Jahren auch das Interesse an Bauerngärten neu entflammt.
"Entgegen landläufiger Meinung ist das, was man heute als
Bauerngarten bezeichnet - nämlich symmetrisch angelegte und von
einer Buchsbaumhecke gerahmte Beete - nur wenig älter als 100
Jahre: Bauerngärten vor 1900 entsprachen nicht dem heute
vermittelten Bild. Denn manchmal reichten landwirtschaftliche
Ackerflächen sogar bis dicht ans Haus heran, oft mit
eingestreutem Obstbäumen, oder es wurden Freiflächen für das
häusliche Vieh reserviert", so Cantauw.
Wie vielfältig Bauerngärten gestaltet sein konnten, für welchen
Zweck sie angelegt wurden und wie die Familien mit ihrem Garten
lebten und darin arbeiteten, zeigen die historischen Berichte,
die die Volkskundliche Kommission für Westfalen beim LWL
zusammengetragen hat. Insgesamt 45 persönliche Berichte aus
ganz Westfalen - überwiegend mit Bezug auf die erste Hälfte des
20. Jahrhunderts - zeugen von einer reichen Gartenkultur.
Während heute gut illustrierte Fachbücher dem interessierten
Gartenfreund Tipps zur Gartengestaltung geben, lag den
Westfalen die Anbautechnik zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch
"im Blut": "Der Anbau erfolgte nach einem Plan, den man im
Kopfe hatte", berichtet eine Dame aus Bottrop-Kirchhellen.
"Samen und Pflanzen wurden bis auf nachstehend genannte
Ausnahmen vom Händler bezogen. Selbst gezogen waren Melde,
Zwiebeln, Steckzwiebeln, Porree, Möhren, dicke Bohnen,
Stangenbohnen, Kürbis, Gurken. Dicke Bohnen mussten bereits im
Februar ausgelegt werden, denn dann bekamen sie keine Läuse.
Frühkartoffeln kamen Anfang März in die Erde; für das übrige
bestimmte die 'erste Gärtnerin', Gertrud, den Termin."
Im April wurden dann Erbsen und Petersilie gesät, im Mai Gurken
und Bohnen. "Man darf die Bohnen nicht zu tief in die Erde
legen", so eine Gewährsperson aus Geseke (Kreis Soest), "denn
es heißt: Bohnen wollen die Glocken läuten hören." Die hier
durchklingende christliche Prägung setzte sich in einigen
Bräuchen fort: "Nach der Gartenbestellung wurde mit der Harke
ein Kreuzzeichen gemacht, indem man die Harke kreuzweise in die
Gartenerde eindrückte", heißt es weiter. Der Buchsbaum, mit dem
die Beete häufig eingefasst waren, wurde Palmsonntag und in der
Osterzeit verwendet: "Der Buchsbaum wurde am Palmsonntag zur
Palmweihe und Prozession und auch zum Palmposkensingen der
Kinder gebraucht. Die geweihten Palmzweige wurden in der
Wohnung, im Stall und auch auf den Feldern aufgesteckt",
erinnert sich ein Mann aus Vreden (Kreis Borken).
Heute auf vielen Balkonen gezogen, waren Tomaten vor 70 bis 80
Jahren noch eine Besonderheit: "Ich weiß noch, als die ersten
Tomaten aufkamen. Ich war ein Kind und höre noch, wie eine
Nachbarin zu meiner Mutter sagte: Jetzt gibt es Kartoffeln, die
über der Erde wachsen. Man muss sie grün abpflücken und sie im
dunkeln legen, aber sie werden rot und brauchen nicht gekocht
werden", heißt es in einem Bericht. Auch Erdbeeren kamen erst
ab den 1930er Jahren auf. Das im Garten gezogene Obst und
Gemüse verwendeten unsere Vorfahren während der Frühlings- und
Sommerzeit meist frisch in der Küche. Erst etwa zur Zeit des 1.
Weltkrieges wurde das Einmachen bekannter, große
Gemeinschaftsgefrieranlagen gab es ab etwa 1950.
INFO
Berichte bald im Netz
Damit das Wissen um kulturelle Veränderungen und Zusammenhänge
nicht verloren geht, erschließt die Volkskundliche Kommission
für Westfalen derzeit diese Berichte sowie Dokumente zu vielen
anderen Themen in einem von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt digital.
Voraussichtlich ab Herbst 2010 werden sie Interessenten unter
der Adresse http://www.lwl.org/LWL/Kultur/VOKO kostenfrei
online zur Verfügung stehen.
Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte