[WestG] [LIT] Dethlefs, Gerd / Kloosterhuis, Juergen (Bearb.): Justus Gruners Schriften in den Umbruchsjahren 1801 - 1803

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Mär 8 09:06:35 CET 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 05.03.2010, 10:27


LITERATUR

"Auf kritischer Wallfahrt zwischen Rhein und Weser"
LWL gibt Westfalen-Beschreibung von Justus Grüner aus dem Jahr 
1801 heraus

Zum Auftakt des 19. Jahrhunderts veränderte sich die politische 
Landkarte Deutschlands in der Folge der Französischen 
Revolution grundlegend: Durch das Gesetz vom 27. April 1803 
wurden im Zuge der Säkularisation die geistlichen 
Landesherrschaften und die Ordensniederlassungen zugunsten 
weltlicher Fürsten aufgehoben. Westfalen war unter anderem mit 
den Fürstbistümern Münster, Osnabrück und Paderborn, dem 
Herzogtum Westfalen und dem Vest Recklinghausen sowie mehr als 
200 Klöstern ganz besonders betroffen.

Mit Ausnahme Osnabrücks fiel der weit überwiegende Teil dieser 
geistlichen Territorien und Einrichtungen an das Königreich 
Preußen. Der 1777 in Osnabrück geborene Jurist und Publizist 
Justus Gruner hat die Situation in Westfalen vor diesem Umbruch 
in einer Denkschrift und einem Roman festgehalten, die die 
Historische Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe 
(LWL) jetzt unter dem Titel "Auf kritischer Wallfahrt zwischen 
Rhein und Weser" herausgegeben hat.

Dem Gesetz von 1803, dem sogenannten 
Reichsdeputationshauptschluss, waren lange Verhandlungen voraus 
gegangen, und die weltlichen "Gewinner" der Säkularisation 
waren auf die Übernahme neuer Territorien vorbereitet. Aber 
auch die interessierte Öffentlichkeit verfolgte die sich 
überstürzenden Ereignisse - die Revolution und die Abschaffung 
der Monarchie in Frankreich, die Verbreitung der 
Freiheitsideale, die kriegerischen Auseinandersetzungen - und 
bezog Stellung. Besondere Beachtung fanden die Schriften Justus 
Gruners.

Im Jahr 1800 reiste er vier Monate durch Westfalen und fasste 
1801 seine Eindrücke in einer Denkschrift mit dem Titel 'Skizze 
des jetzigen Zustandes des geistlichen Westphalens' zusammen. 
Während dieser Reise knüpfte er viele Kontakte, auch zu 
preußischen Offizieren, die mit ihren Truppen in 
Nordwestdeutschland stationiert waren, und ihm gelang 1801 der 
Eintritt in den preußischen Staatsdienst. Die Denkschrift von 
1801 sandte er 1802 nicht nach Berlin, wohl aber ein Buch und 
weitere Vorschläge zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit.

Hintergrund

Daneben verfasste er einen Roman, der an ein breiteres Publikum 
gerichtet war; die Widmung des Buches der preußischen Königin 
Luise zeigt, dass er auch an Frauen als Leserinnen dachte. Der 
vom Geist der Aufklärung geprägte Roman verfolgte das Ziel, 
Unterhaltung und Wissensvermittlung zu kombinieren. Er erschien 
1802 unter dem heute befremdlichen Titel "Meine Wallfahrt zur 
Ruhe und Hoffnung oder Schilderung des sittlichen und 
bürgerlichen Westphalens am Ende des 18. Jahrhunderts" und fand 
eine breite Resonanz. Seine pointierte Kritik der bereisten 
geistlichen Staaten, seine negative Bewertung von Klöstern aber 
auch einiger weltlicher Kleinstterritorien wie der Grafschaft 
Rietberg, deren Landesherr in Wien lebte und die Grafschaft 
finanziell schwer belastete, stieß neben Zustimmung auch auf 
Ablehnung.

Auch in der Landesgeschichtsforschung werden seine Schriften 
unterschiedlich bewertet, wie die lebhafte Diskussion bei der 
Ausstellung "Zerbrochen sind die Fesseln des Schlendrians" im 
LWL-Landesmuseum in Münster anlässlich der 200. Wiederkehr des 
Reichsdeputationshauptschlusses 2003 zeigte. Die nunmehr 
vorliegende Edition ermöglicht eine grundlegende Beschäftigung 
mit Gruners Beobachtungen und seinen daraus gezogenen Schlüssen.

Sowohl der Roman als auch die bisher nicht veröffentlichte 
Denkschrift Gruners, die eng zusammen gehören, wurden von der 
Historischen Kommission für Westfalen und dem Geheimen 
Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz gemeinsam herausgegeben. 
Beide Schriften werden in der Edition ausführlich kommentiert, 
durch zeitgenössische Kritiken und eine Karte ergänzt und durch 
einen Namenindex erschlossen. Die Publikation bietet eine 
facettenreiche Beschreibung der Verfassung, Verwaltung und 
Rechtsprechung, Kultur-, Sozial- und Wirtschaftspolitik des 
Gebietes zwischen Rhein und Weser um 1800 und richtet sich auch 
an einen breiten interessierten Leserkreis.


INFO

Auf kritischer Wallfahrt zwischen Rhein und Weser. 
Justus Gruners Schriften in den Umbruchsjahren 1801 - 1803. 
Bearb. von Gerd Dethlefs und Jürgen Kloosterhuis. 
Köln: Böhlau 2009. XLVI, 664 S. 49,40 Euro
(Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Band
65)
(Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XIX: 
Westfälische Briefwechsel und Denkwürdigkeiten, Band 11)


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