[WestG] [AKT] Vor 111 Jahren begannen die Ausgrabungen in Haltern am See

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Jun 21 11:24:53 CEST 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 18.06.2010, 09:13


AKTUELL

"... nichts ist so dauerhaft wie ein Loch ..."
Vor 111 Jahren begannen die Ausgrabungen in Haltern am See

Vor genau 111 Jahren, am 19. Juni 1899, begann in Haltern am 
See (Kreis Recklinghausen) die erste archäologische 
Untersuchung der römischen Militäranlagen. Heute gilt der 
Fundort Haltern als der größte und am besten erforschte 
Militärstandort des gesamten Römischen Reiches aus der Zeit um 
Christi Geburt. Hier wurde auch die moderne Ausgrabungstechnik 
zu international gültigen Standards weiterentwickelt.

"Haltern hat während der Okkupationsphase unter Kaiser Augustus 
eine ganz besondere Rolle gespielt. Nach den neuesten 
Untersuchungen, auch im Zusammenhang mit dem 2000-jährigen 
Jubiläum der Varusschlacht im vergangenen Jahr, sind wir sicher,
das sich hier die militärische Schaltstelle für die Eroberung 
Germaniens befand, hier sollte auch der Hauptort der neu zu 
gründenden Provinz entstehen. Dazu kam es dann nach der 
Niederlage in der Varus-Schlacht bekanntermaßen nicht", fasst 
Dr. Rudolf Aßkamp, Leiter der Provinzialrömischen Archäologie 
und des LWL-Römermuseums des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL), den aktuellen Forschungsstand zusammen.

Seit der ersten Ausgrabung wird in Haltern am See mit 
Unterbrechungen gegraben. Mindestens sieben Militäranlagen 
haben die Ausgräber in den vergangenen 111 Jahren dokumentiert. 
Dazu gehören nördlich der Lippe das Hauptlager, mehrere Marsch- 
und Feldlager sowie eine Töpferei und ein Gräberfeld, auf dem 
Annaberg das Kastell und am Lippeufer eine Marinebasis.

Ausgrabungen und der sogenannte Haltern-Horizont
Initiatoren der ersten Ausgrabung vom 19. bis 24. Juni 1899 
waren der archäologisch interessierte Halteraner Sanitätsrat 
Dr. Alexander Conrads und der erste Geschäftsführer und 
Vorsitzender der gerade gegründeten Altertumskommission für 
Westfalen Dr. Friedrich Philippi. Als Grabungsleiter konnten 
sie Prof. Carl Schuchhardt, einen der führenden 
Altertumswissenschaftler in Deutschland, gewinnen. Die 
Archäologen setzten ihren Spaten auf dem Annaberg an, wo der 
preußische Major Friedrich Wilhelm Schmidt schon 1838 ein 
römisches Kastell lokalisiert hatte. Die Ausgräber stießen in 
den fünf Tagen auf einen Graben, dessen Verlauf in einer 
weiteren Kampagne im Herbst 1899 zu einer dreieckigen 
Umwehrungsanlage vervollständigt werden konnte.

Schon im folgenden Jahr und mit Unterbrechungen bis heute 
folgten größere und kleinere Grabungskampagnen. Nach der 
Einführung des Denkmalschutzgesetzes in Nordrhein-Westfalen 
1980 wurde das ganze Gebiet im Jahre 1987 unter Schutz 
gestellt. Seitdem untersucht die LWL-Archäologie für Westfalen 
nur noch gezielt die Stellen, die durch Baumaßnahmen von 
Zerstörung bedroht sind. So ist zum Beispiel vom 17 Hektar 
großen Hauptlager rund ein Viertel inzwischen untersucht.

Infolge der sehr guten Datierbarkeit und der schnellen 
Veröffentlichung des Fundmaterials wurde Haltern in der 
Fachwelt in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu 
einem der wichtigsten Bezugsorte bei der Datierung zeitgleicher 
Fundstellen in Europa sowie in Nordafrika und Vorderasien. 
"Jeder auf die Römerzeit spezialisierte Wissenschaftler in der 
ganzen Welt kennt den "Haltern-Horizont", unterstreicht der 
Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen, Prof. Dr. Michael 
M. Rind, die wissenschaftliche Bedeutung des Ortes.

Entwicklung moderner Ausgrabungstechnik
"Haltern hat für die Archäologie als Wissenschaft daneben noch 
eine weitere, in der Öffentlichkeit weit weniger bekannte 
Bedeutung", stellt LWL-Chefarchäologe Rind zum 
Ausgrabungsjubiläum heraus, "denn die Ausgräber verhalfen hier 
der modernen Ausgrabungstechnik zum Durchbruch. Der Archäologe 
und Sachbuchautor Rudolf Pörtner hat das 1961 treffend 
formuliert, als er schrieb: "Erst seit Haltern weiß man, das 
nichts so dauerhaft ist wie ein Loch und daß Erdverfärbungen im 
Boden der gleiche urkundliche Wert zukommt wie den 
Handschriften der Historiker".

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten Archäologen bei den 
Ausgrabungen des Limes in Süddeutschland herausgefunden, dass 
Verfärbungen im Boden Reste menschlicher Aktivität sein können: 
nämlich die Reste von Pfosten und Gruben, Gräben oder ganzen 
Häusern. Diese galt es fortan sichtbar zu machen und 
interpretieren zu lernen. Der sandige Boden in Haltern war 
dafür ideal geeignet und es gelang, ganze Grundrisse von 
Gebäuden im Lager sowie die Befestigungsgräben zu erkennen. Die 
Methode wurde von den Archäologen in der ganzen Welt übernommen 
und weiterentwickelt und gehört schon lange zum Standard jeder 
Ausgrabung.

Das Museum
Schon die ersten Ausgrabungen vor 111 Jahren fanden großes 
öffentliches Interesse und bereits ein Jahr später, 1900, 
richtete der damalige Verein für Geschichts- und Altertumskunde 
zu Haltern in Westfalen für die vielen Funde vor Ort ein 
provisorisches Museum in der alten Rektoratsschule ein.

1906 wurde mit dem Bau eines eigenen Museums begonnen und am 
12. August 1907 als "Römisch-Germanisches Museum" eröffnet. Am 
9. März 1945 wurde es bei einem Bombenangriff vollständig 
zerstört. Dabei ging auch ungefähr ein Drittel der Funde 
verloren. Nach dem Krieg konnte die Stadt Haltern 1954 ein 
provisorisches Museum wieder einrichten, es musste allerdings 
immer wieder umziehen.

Mehrere Initiativen für eine dauerhafte Lösung mündeten 1985 in 
einem tragfähigen Konzept und so beschloss der 
Landschaftsausschuss des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe 
den Neubau. Das LWL-Römermuseum wurde am 25. November 1993 
eröffnet. Es befindet sich auf dem Areal des römerzeitlichen 
Feldlagers und erinnert mit seinen Spitzdächern an die 
Zeltdächer der Legionäre.

Am 11. und 12. September finden hier die Römertage statt. Dann 
sind alle Besucher eingeladen den Alltag der römischen 
Legionäre hautnah zu erleben.


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