[WestG] [CFP] Workshop fuer Doktorandinnen und Doktoranden: Menschen und oeffentliche Verwaltung im 20. Jahrhundert, Muenster, 26.11.2010

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jun 2 11:24:25 CEST 2010


Von: "Matthias Frölich" <matthias.froelich at lwl.org>
Datum: 02.06.2010, 10:40


CALL FOR PAPERS

Workshop für Doktorandinnen und Doktoranden: Menschen und 
öffentliche Verwaltung im 20. Jahrhundert - Fragen aus 
kulturgeschichtlicher Perspektive

Termin: 26. November 2010

"Nach den Akten des Jugendamtes: Horst ist durch Kaiserschnitt 
geholt, sehr schwere Geburt, als Kind schwächlich, sehr spät 
gehen und sprechen gelernt. Durch Unglücksfall Verlust eines 
Fingers. Jetzt gut entwickelt, Ernährungszustand gut. Er hat 
einen Hang zur Gefühlslosigkeit und Grausamkeit (Tiere 
gequält). Umgang mit Schwarzhändler. Leidenschaft für 
Zigarettenrauchen, nasch- u. verschwendungssüchtig. Der Junge 
ist allen Lehrern bekannt, sie erklären, daß sie ihm schon eine 
Verbrecherlaufbahn vorausgesagt haben. Vom Amtsgericht München 
am 8.5.46 vorläufige Fürsorgeerziehung angeordnet."

Ein aktuelles Projekt des LWL-Instituts für westfälische 
Regionalgeschichte befasst sich mit der Geschichte der 
Heimerziehung und dem Schicksal von Heimkindern in Westfalen 
zwischen 1945 und 1980: Tausende Jugendliche wurden in der 
Nachkriegszeit aufgrund von 'Verwahrlosung' in die 
Fürsorgeerziehung eingewiesen und wurden damit zum 'Fall', den 
die zuständige Behörde nach 'Recht und Gesetz' behandelte und 
der sich in Form von Akten niederschlug.

Die zahlreich in diesen Einzelfallakten enthaltenen, 
vermeintlich objektiven Angaben zur Biografie, zum sozialen 
Umfeld und zum Charakter des 'Zöglings' speisten sich aus 
höchst subjektiven Informationen von Fürsorgern, 
Familienangehörigen, Lehrern oder Geistlichen und hielten meist 
nur Negatives auf dem Papier fest. Die aktenmäßige Abstraktion 
sagt daher unter Umständen mehr über ihre Verfasser aus, als 
über ihre eigentlichen Objekte.

Generell gilt: Schriftgut aus Verwaltungsbehörden spiegelt in 
einer besonderen Abstraktion bestimmte Momente aus dem Leben 
eines Menschen wider. Tritt ein Mensch in Berührung mit 
Verwaltung, wird er fast immer 'aktenkundig' - und unter 
günstigen Voraussetzungen der Quellenüberlieferung zu einem 
möglichen Untersuchungsgegenstand von Historikern.

Bisher standen kulturgeschichtliche Untersuchungen der 
Schnittstelle von Verwaltung und Mensch nicht im Zentrum der 
Verwaltungsgeschichte. Die Neue Kulturgeschichte widmet sich 
vornehmlich den historischen Akteuren, deren Erfahrungen sowie 
deren Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, beachtet dabei aber 
auch institutionelle und strukturelle Bedingungen; sie 
untersucht Diskurse und versucht Quellen - insbesondere 
Ego-Dokumente - neu zu erschließen. Thomas Mergel plädierte 
bereits 2002 in seinen programmatischen "Überlegungen zu einer 
Kulturgeschichte des Politischen" dafür, sich mit dem Rüstzeug 
der Neuen Kulturgeschichte auch der Verwaltungstechnik 
zuzuwenden.

Nach Thomas Ellwein zeichnet sich gute Verwaltung dadurch aus, 
dass sie routiniert und effektiv arbeitet, auch den Einzelfall 
berücksichtigt, dabei menschlich handelt und den gesunden 
Menschenverstand anwendet. Dennoch kann mechanisch 
durchgeführte Verwaltung den von ihr abhängigen Menschen leicht 
bevormunden, wobei viel vom Ausreizen stets vorhandener 
Ermessensspielräume durch die in Verwaltungen handelnden 
Personen abhängt.

Wie und unter welchen Umständen wurde jedoch der freie, aber 
ebenso der unmündige oder entmündigte Mensch zu einer Sache, zu 
einem Objekt von Verwaltung degradiert? Ab wann kann man 
überhaupt von einem "verwalteten Menschen" (Adler) sprechen? 
Gibt es diesbezüglich Konstanten von Verwaltungshandeln, die 
sich durch das 20. Jahrhundert verfolgen lassen? Welche 
historischen Kontexte sind dabei zu berücksichtigen?

Diesen Leitfragen und damit den Auswirkungen von 
Verwaltungshandeln auf das menschliche Individuum in 
unterschiedlichen Epochen des 20. Jahrhunderts will der 
geplante Workshop nachgehen. Neben dem genannten Beispiel der 
Heimerziehung aus dem Bereich Jugendhilfeverwaltung seien hier 
weitere denkbare Themenfelder angeführt:

- Gesundheitsverwaltung 
(psychiatrische Anstalten, Erbgesundheitsgerichte)
- Ausländerbehörden (Asyl-Frage, Integrationsbeauftragte)
- Sozialverwaltung (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe)
- Finanzverwaltung ('Arisierungen', Wiedergutmachung/
Entschädigungen)
- allgemeine Verwaltungsaspekte 
('Behördensprache', 'Kundenorientierung')

Verwaltung soll als eine 'fremde Welt' gedacht werden, um diese 
sodann mit einem frischen kulturgeschichtlichen Blick zu 
entschlüsseln. Nicht eine 'blutleere Verwaltung' soll 
betrachtet werden, sondern Menschen und deren Berührung mit 
Verwaltungshandeln sollen im Fokus stehen. Erklärungsansätze 
für die Handlungsmuster der historischen Akteure sollen 
vorgestellt werden.


INFO

Der Workshop dient der stärkeren Profilierung der eigenen 
Fragestellung sowie dem Austausch über forschungspraktische 
Fragen und methodisch-theoretische Probleme. Die 
Veröffentlichung der 20-minütigen Vorträge in der 
Schriftenreihe des LWL-Instituts für westfälische 
Regionalgeschichte ist geplant.

Ein Abstract im Umfang von 1-2 Seiten mit kurzen Angaben zum 
bisherigen wissenschaftlichen Werdegang reichen Interessierte 
bitte bis zum 15. Juli 2010 unter martin.droege at lwl.org oder 
matthias.froelich at lwl.org als pdf-, doc- oder rtf-Datei ein. 
Reise- und Unterbringungskosten werden vom Veranstalter 
übernommen.


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