[WestG] [AKT] Vor 100 Jahren entstand Westfalens erste Bildstelle

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Jan 21 10:48:52 CET 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 29.12.2009, 14:34


AKTUELL

Vor 100 Jahren entstand Westfalens erste Bildstelle als Antwort 
eines Lehrers auf die "Jugendgefährdung" der neuen Kinos

Ob "Schlüsselreize beim Stichling", "Der gestiefelte Kater" 
oder "Erstürmung einer mittelalterlichen Stadt" - viele 
erinnern sich noch an jene 16mm-Filme, die bis vor dreißig 
Jahren selbstverständlich zum Schulunterricht gehörten. Die 
Filme hatte der Lehrer in aller Regel aus der örtlichen Kreis- 
oder Stadtbildstelle geholt. Einer der Pioniere dieser 
Bildstellen war der Lehrer Heinrich Johann Genau (1883 - 1942). 
Er gründete vor 100 Jahren in Soest die erste Bildstelle 
Westfalens, um so der "Jugendgefährdung" zu begegnen, die er in 
den aufkommenden Kinos sah, indem er die damaligen "neuen 
Medien" aus seiner Sicht positiv nutzte.

In den Bildstellen gab es auch Diaserien, Projektoren und 
Tonbänder zu entleihen. Heute sind diese alten Medien 
weitgehend Geschichte. "Medien aber sind für einen guten 
Unterricht wichtiger denn je", betont Dr. Markus Köster, Leiter 
des LWL-Medienzentrums für Westfalen. "Und die Medienzentren, 
wie die Bildstellen inzwischen heißen, erfüllen auch nach 100 
Jahren noch wichtige Funktionen in der Versorgung und Beratung 
der Schulen." Köster hat sich mit der Geschichte des 
Bildstellenwesens beschäftigt und dabei festgestellt, dass die 
erste Bildstelle Westfalens und eine der ersten in Deutschland 
überhaupt vor 100 Jahren in Soest entstand.

Hintergrund
Ihre Gründung geht auf den aus Daseburg bei Büren stammenden 
Genau zurück, der 1909 eine Stelle als Lehrer an der Soester 
Rektoratsschule antrat. Als ein Jahr später gleich drei Kinos 
in Soest eröffneten, die - so ein zeitgenössischer Kommentar - 
"einander sich zu überbieten suchten - leider nicht gerade in 
dem, was das Volk wirklich bildet und veredelt", beschloss 
Lehrer Genau dieser "Jugendgefährdung" durch eine positive 
Nutzung der damals "neuen Medien" zu begegnen. Er kaufte sich 
einen Projektor und begann zunächst seinen eigenen Schülern, 
bald auch anderen Soester Schulen und Vereinen 
"Lichtbilderfolgen" genannte Diareihen vorzuführen.

Anfangs kaufte er diese Serien, bald begann er aber auch selbst 
zu fotografieren und eigene heimat- und landeskundliche Reihen 
zusammenzustellen. Zu Hilfe kam ihm, dass in Soest ein 
Fotostudio abbrannte und sich in den Trümmern über 100 
Glasplatten mit Bildern von Soest und von der Umgegend fanden. 
Genaus Arbeit trug rasch Früchte: Im Dezember 1916, also mitten 
im Ersten Weltkrieg, erwarb der Arnsberger Regierungspräsident 
die gesamte, inzwischen rund 2.000 Glasplatten umfassende 
Lichtbildersammlung und machte sie zur "Lichtbilderhauptstelle 
für die Jugendpflege im Regierungsbezirk Arnsberg". Bis 1936 
behielt Heinrich Genau die Leitung der Stelle, auch als diese 
1927 nach Dortmund und 1934 weiter nach Arnsberg umzog. 1942 
starb der Gründer der ersten Bildstelle Westfalens 59-jährig in 
Arnsberg.

Ein Großteil der Bildsammlung, die Genau zusammengetragen hatte,
 blieb erhalten: 1998 wurde der Bestand mit annähernd 10.000 
Bildern dem LWL-Medienzentrum für Westfalen übergeben. Dort 
erkannte man rasch den großen landeskundlichen Wert der 
Sammlung sowohl für das ländliche Südwestfalen als auch für das 
westfälische Ruhrgebiet, dessen von Zechen, Stahlwerken und 
Kühltürmen, aber auch ersten modernen Hochhäusern geprägte 
Industriearchitektur zahlreiche Fotos ins Bild rücken. Neben 
Gebäuden, Landschaften und Naturdenkmalen wurden vor allem 
Menschen in den Bereichen Arbeit, Brauchtum und Freizeit 
porträtiert: Bergleute und Stahlkocher ebenso wie 
Holzschuhmacher, Schmiede, Köhler und Postboten, und immer 
wieder Bauern und Landarbeiter.

"So bilden die Bildreihen der alten Bezirksbildstelle heute 
wertvolle Quellen der historischen Landeskunde und der 
regionalen Sozialgeschichte. Und sie erinnern an die 
segensreiche Tätigkeit der ersten Bildstelle Westfalens, die 
vor 100 Jahren in Soest entstand", erklärt Köster. Unter 
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-LMZ ist die Sammlung bequem 
online zu recherchieren.


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