[WestG] [LIT] Droege, Martin (Hg.): Die Tagebuecher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945)
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jan 20 08:31:13 CET 2010
Von: "Thomas Küster" <thomas.kuester at lwl.org>
Datum: 14.01.2010, 09:45
LITERATUR
Martin Dröge (Hg.)
Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945).
Nationalsozialist der ersten Stunde und Landeshauptmann
der Provinz Westfalen
Ein Tagebuch gibt Auskunft über das Innenleben seines
Verfassers, die Wahrnehmung seiner privaten Umwelt sowie über
die Auswirkung historischer Ereignisse auf sein Leben. Dabei
enthalten Tagebuchaufzeichnungen zugleich intersubjektiv
gültige Informationen und subjektive Bewertungen, die nicht
einfach voneinander zu trennen sind. Ist man sich jedoch der
methodischen Probleme bewusst und untersucht Tagebücher
quellenkritisch, dann versprechen sie einen nicht geringen
Erkenntnisgewinn für die historische Forschung.
Karl Friedrich Kolbow war von 1933 bis 1944 westfälischer
Landeshauptmann und hat seit seiner Jugend Tagebuch geführt.
Als Verwaltungschef des Provinzialverbandes Westfalen passte er
die Jugendhilfe, Fürsorgeerziehung und die Psychiatrie an
rassenideologische Grundsätze an; während des Zweiten
Weltkrieges fiel die Durchführung der "Euthanasie" in Westfalen
in seine Verantwortung. Kolbow hatte ein bewegtes Leben: Er war
Wandervogel, Soldat im Kaukasus, Verbindungsstudent,
Bergbaupraktikant und Freikorpskämpfer in Oberschlesien.
Bereits 1921 trat Kolbow in die NSDAP ein. 1945 starb er als
einfacher Soldat in französischer Kriegsgefangenschaft. Freunde
und Anhänger stilisierten ihn nach dem Krieg zum "anständigen
Nazi", der sich auch in seiner politischen Funktion von
jugendbewegten Idealen habe leiten lassen und sich für die
Natur und den Heimatgedanken in Westfalen engagiert habe.
Kolbows Tagebücher der Jahre 1913-23 und 1936-45 geben
Aufschluss über die Genese einer völkisch geprägten
Weltanschauung und die Persönlichkeitsentwicklung eines
nationalsozialistischen Beamten der mittleren Verwaltungsebene.
Seine Aufzeichnungen schildern die Erfahrungen und Ansichten
eines "Alten Kämpfers" und offenbaren die
Wahrnehmungsperspektive eines "Schreibtischtäters"; sie
spiegeln aber auch eine nach 1940 zunehmende Kritik am
NS-System wider. Mit der Edition steht eine Quelle zur
Verfügung, die durch das Insiderwissen des engagierten Beamten
Einblicke in das innere Gefüge des NS-Herrschaftssystems
erlaubt.
Martin Dröge, M. A., geb. 1979, studierte Neuere und Neueste
Geschichte, Medienwissenschaften und Erziehungswissenschaften
an der Universität Paderborn, war Wissenschaftlicher Volontär
am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und
arbeitet dort als Doktorand an einer Biografie über Karl
Friedrich Kolbow.
INFO
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009
(Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 63)
VIII, 776 S., geb., Euro 64,-
ISBN 978-3-506-76851-3 (erhältlich über den Buchhandel)
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