[WestG] [AKT] Oeffentliche Praesentation: LWL gibt Tagebuecher von Karl Friedrich Kolbow heraus, Muenster, 03.03.2010
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Feb 25 11:10:04 CET 2010
Von: "Martin Dröge" <martin.droege at lwl.org>
Datum: 25.02.2010, 10:21
AKTUELL
"Schreibtischtäter" und Nationalsozialist der ersten Stunde:
LWL gibt Tagebücher von Karl Friedrich Kolbow heraus
Karl Friedrich Kolbow (1899 - 1945) war von 1933 bis 1944 als
westfälischer Landeshauptmann Verwaltungschef des
Provinzialverbandes Westfalen, dem Vorgänger des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Der
Nationalsozialist der ersten Stunde, der bereits 1921 Mitglied
der NSDAP wurde, passte die Jugendhilfe, die Fürsorgeerziehung
und die Psychiatrie den rassenideologischen Grundsätzen der
Nazis an. Während des Zweiten Weltkrieges war er für die
Durchführung der "Euthanasie" verantwortlich. Der LWL gibt
jetzt die Tagebücher Kolbows heraus, die er seit seiner Jugend
geführt hat. Zur öffentlichen Präsentation der neuen
Quellenedition am Mittwoch, 3. März, um 18 Uhr im Plenarsaal
des LWL-Landeshauses am Freiherr-vom-Stein-Platz 1 sind alle
Interessierten eingeladen.
"Kolbows Aufzeichnungen offenbaren die Wahrnehmungsperspektive
eines 'Schreibtischtäters'. Mit der Edition steht eine Quelle
zur Verfügung, die durch das Insiderwissen des Beamten
Einblicke in das innere Gefüge des NS-Herrschaftssystem
erlaubt", so Martin Dröge vom LWL-Institut für westfälische
Regionalgeschichte, der die Tagebücher herausgegeben hat.
Bevor der Rezitator Markus von Hagen im Rahmen der Präsentation
ausgewählte Textpassagen liest, führen LWL-Kulturdezernentin
Dr. Barbara Rüschhoff-Thale, Prof. Dr. Bernd Walter, Leiter des
LWL-Institutes für westfälische Regionalgeschichte, und Dröge
in die Tagebücher und ihren historischen Kontext ein.
Abschließend kommentiert der Historiker Prof. Dr. Hans-Ulrich
Thamer von der Universität Münster die Tagebücher aus
wissenschaftlicher Perspektive.
Zur Vorstellung der Quellenedition "Die Tagebücher Karl
Friedrich Kolbows (1899-1945) - Nationalsozialist der ersten
Stunde und Landeshauptmann der Provinz Westfalen" laden wir
herzlich ein.
Termin:
Mittwoch, 3. März 2010, 18 Uhr
Ort:
Plenarsaal des Landeshauses in Münster,
Freiherr-vom-Stein-Platz 1
Dr. Barbara Rüschhoff-Thale
LWL-Kulturdezernentin
Begrüßung
Prof. Dr. Bernd Walter
LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte
Einführung
Martin Dröge, M.A.
Einführung in den historischen Kontext der Tagebücher und
einzelner Textauszüge
Markus von Hagen
Lesung ausgewählter Textpassagen
Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer
Historisches Seminar der Universität Münster
wissenschaftliche Kommentierung
Im Anschluss bietet sich ab etwa 19 Uhr bei einem Getränk
Gelegenheit zur Diskussion.
INFO
Martin Dröge (Hg.),
Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945)
Nationalsozialist der ersten Stunde und Landeshauptmann
der Provinz Westfalen.
Ein Tagebuch gibt Auskunft über das Innenleben seines
Verfassers, die Wahrnehmung seiner privaten Umwelt sowie über
die Auswirkung historischer Ereignisse auf sein Leben. Dabei
enthalten Tagebuchaufzeichnungen zugleich intersubjektiv
gültige Informationen und subjektive Bewertungen, die nicht
einfach voneinander zu trennen sind. Ist man sich jedoch der
methodischen Probleme bewusst und untersucht Tagebücher
quellenkritisch, dann versprechen sie einen nicht geringen
Erkenntnisgewinn für die historische Forschung.
Karl Friedrich Kolbow war von 1933 bis 1944 westfälischer
Landeshauptmann und hat seit seiner Jugend Tagebuch geführt.
Als Verwaltungschef des Provinzialverbandes Westfalen passte er
die Jugendhilfe, Fürsorgeerziehung und die Psychiatrie an
rassenideologische Grundsätze an; während des Zweiten
Weltkrieges fiel die Durchführung der"'Euthanasie" in Westfalen
in seine Verantwortung.
Kolbow hatte ein bewegtes Leben: Er war Wandervogel, Soldat im
Kaukasus, Verbindungsstudent, Bergbaupraktikant und
Freikorpskämpfer in Oberschlesien. Bereits 1921 trat Kolbow in
die NSDAP ein. 1945 starb er als einfacher Soldat in
französischer Kriegsgefangenschaft. Freunde und Anhänger
stilisierten ihn nach dem Krieg zum "anständigen Nazi", der
sich auch in seiner politischen Funktion von jugendbewegten
Idealen habe leiten lassen und sich für die Natur und den
Heimatgedanken in Westfalen engagiert habe.
Kolbows Tagebücher der Jahre 1913-23 und 1936-45 geben
Aufschluss über die Genese einer völkisch geprägten
Weltanschauung und die Persönlichkeitsentwicklung eines
nationalsozialistischen Beamten der mittleren Verwaltungsebene.
Seine Aufzeichnungen schildern die Erfahrungen und Ansichten
eines "Alten Kämpfers" und offenbaren die
Wahrnehmungsperspektive eines "Schreibtischtäters"; sie
spiegeln aber auch eine nach 1940 zunehmende Kritik am
NS-System wider. Mit der Edition steht eine Quelle zur
Verfügung, die durch das Insiderwissen des engagierten Beamten
Einblicke in das innere Gefüge des NS-Herrschaftssystems erlaubt.
Martin Dröge (Hg.),
Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945)
Nationalsozialist der ersten Stunde und Landeshauptmann
der Provinz Westfalen.
Verlag Ferdinand Schöningh,
Paderborn/München/Wien/Zürich 2009
geb., 776 Seiten, € 64,- (ISBN 978-3-506-76851-3)
Bezug über den Buchhandel.
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