[WestG] [AKT] LWL-Volkskundler auf der Spur der Geschenkebringer: Santa Claus hat deutsche Wurzeln
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Dez 22 11:41:55 CET 2010
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 20.12.2010, 11:35
AKTUELL
Wer bringt die Weihnachtsgeschenke?
LWL-Volkskundler auf der Spur der Geschenkebringer: Santa Claus
hat deutsche Wurzeln
Wer bringt Weihnachten die Geschenke? Einer großen
volkskundlichen Umfrage von 1930 zufolge teilten sich vor 80
Jahren Christkind und Weihnachtsmann noch die Arbeit des
Geschenkebringens. Während das Christkind vor allem für West-,
Südwest-, Süddeutschland und Schlesien zuständig war, schleppte
der Weihnachtsmann seinen Gabensack durch ganz Mittel-, Nord-
und Ostdeutschland. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die
Popularität des Weihnachtsmannes jedoch merklich gesteigert,
während die recht alte Figur des Christkindes ein wenig in
Vergessenheit zu geraten scheint.
Bereits Martin Luther kannte die Figur des Christkindes. Seine
Gestalt verdankt es wohl einem engelsgleichen Wesen, das schon
vor der Reformationszeit ausgestattet mit Schleier, Krone und
Engelsflügeln bei Weihnachtsumzügen die Engelschar anführte.
Der Weihnachtsmann ist eine wesentlich jüngere Erscheinung: Er
gesellte sich erst im 19. Jahrhundert zu Nikolaus und
Christkind hinzu. In seiner Gestalt vereinen sich Eigenschaften
des Nikolaus und des Knechts Ruprecht, von dem er Pelzrock,
Kapuze, Stiefel, Sack und Rute entlieh.
"Der Weihnachtsmann tritt meist als eine Art Vaterfigur mit
nahezu unantastbarer Autorität auf. Mit seinem wallenden Bart
erinnert er die Kinder an den gütigen aber auch strengen
Gottvater. Er bietet der bürgerlichen Pädagogik die Möglichkeit,
Kinder für ihr Verhalten zu belohnen oder zu bestrafen",
erklärt Christiane Cantauw, Volkskundlerin beim
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
In dem Maße, in dem die pädagogische Seite des Weihnachtsmannes
in den Vordergrund rückte, verloren die religiösen Züge, dieser
an den Nikolaus angelehnten Gestalt, an Bedeutung. Die erste
Darstellung des Weihnachtsmannes stammt übrigens von Moritz von
Schwind, der 1848 einen "Herrn Winter" kreierte, der als alter
Mann in der Christnacht von Tür zu Tür geht und schaut, ob man
ihm nicht öffnet und von ihm einen geschmückten Weihnachtsbaum
als Geschenk annimmt. Auch der dicke Santa Claus stammt
keinesfalls von Coca Cola, sondern von dem deutschstämmigen
Zeichner Thomas Nast aus den USA. Er hatte seinen
Weihnachtsmann, der an den pfälzischen Pelznickel erinnert,
bereits 1881 für Harper‘s Weekly gezeichnet.
"Bei aller Unterschiedlichkeit haben Nikolaus, Christkind und
Weihnachtsmann aber eines gemeinsam: Sie treten an die Stelle
der wirklichen Schenkenden und entbinden die Beschenkten von
der Pflicht eines Gegengeschenkes", so Cantauw.
Und was hatten Nikolaus, Weihnachtsmann und Christkind über die
Jahrhunderte so auf ihrem Schlitten oder in ihrem Sack?
"Während Adelige oder reiche Bürgerfamilien sich exklusive
Geschenke für ihre Kinder leisteten, gingen die Kinder der
armen Leute oft nahezu leer aus. Trommeln, Püppchen,
Steckenpferde, Bücher und Naschzeug fanden sich auf den
Gabentischen der Reichen, wie die Einkaufsliste eines
Oberstleutnants von 1641 belegt", zählt Cantauw auf. "Auch
Annette von Droste Hülshoff kaufte 1845 unter anderem goldene
Ohrringe, bunte Halstücher, Puppen und ein Schachspiel, um sie
zu Weihnachten zu verschenken. Bei Arbeitern, Bauern oder
kleinen Gewerbetreibenden mussten sich die Kinder dahingegen
mit selbstgestrickten Handschuhen, einem Gebildbrot [=Backwaren
in Gestalt von Menschen, Tieren oder Symbolen] oder
selbstgemachtem Holzspielzeug begnügen."
Bis in die Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre und darüber
hinaus hatten diese deutlichen Unterschiede Bestand. "Und wer
glaubt, die Kinder eines Spielwarengeschäftsbesitzers hätten es
besonders gut gehabt, der sieht sich auch hier getäuscht. Alles,
was sich verkaufen ließ, wurde auch verkauft und die eigenen
Kinder erhielten dann die Ladenhüter - das war auch nach dem
Zweiten Weltkrieg noch gängige Praxis", berichtet Cantauw.
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