[WestG] [LIT] Schneider, Hubert: Die Entjudung des Wohnraums - Judenhaeuser in Bochum

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Aug 31 11:07:55 CEST 2010


Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 26.08.2010, 10:01


AKTUELL

Die "Entjudung" des Wohnraums
"Judenhäuser" in Bochum: ihre Geschichte, ihre Bewohner
Als Buch erschienen: RUB-Historiker legt erste vollständige 
Studie vor

Die Geschichte der Bochumer "Judenhäuser" und ihrer Bewohner in 
der Zeit des Nationalsozialismus ist erstmals vollständig 
erforscht. In seinem soeben erschienenen Buch "Die Entjudung 
des Wohnraums" dokumentiert der Bochumer Historiker Dr. Hubert 
Schneider den Weg von der Wohnungsräumung und der Einrichtung 
der Judenhäuser bis hin zur Deportation und Vernichtung der 
Menschen.

Aus der umfangreichen, 470 Seiten starken Studie geht hervor, 
dass es in Bochum nicht wie bisher angenommen acht, sondern 
zehn "Judenhäuser" gab. Eine besondere Rolle spielte die 
Israelitische Schule in der Wilhelmstraße 16, die ab Januar 
1942 Ausgangspunkt für die Transporte Bochumer Juden in die 
Konzentrations- und Vernichtungslager war. Dr. Hubert Schneider 
war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2004 Wissenschaftler am 
Historischen Institut der RUB.

Zehn Bochumer "Judenhäuser"

"Im Juli 1939 wohnten, wie aus den Freimarkbriefen hervorgeht, 
insgesamt neun Personen im Haus Horst-Wessel-Straße 56. Fasst 
man alle verfügbaren Daten zusammen, waren es bis 1942 
insgesamt 29 Personen, die in dem Haus lebten. Das Ehepaar 
Vollmann - Ehefrau Emmy war evangelisch - wurde nicht 
deportiert. Die anderen 27 Menschen wurden in Transporten nach 
Riga, Zamosc, Theresienstadt verschleppt. Nur das Ehepaar 
Freimark hat überlebt."

Das Haus in der damaligen Horst-Wessel-Straße, heutigen 
Kanalstraße, ist ein Beispiel für Konzentration jüdischer 
Bürger in Bochum. Detailliert, anschaulich und anhand 
authentischer Quellen beleuchtet Hubert Schneider alle 
"Judenhäuser" in Bochum. Er zeigt auf, wie es zur "Entjudung" 
kam, unter welch teils katastrophalen Bedingungen die Menschen 
in den Häusern leben mussten und schildert ihre 
Einzelschicksale - etwa in Auszügen aus Briefen oder 
Tagebucheinträgen.

Schneider fand heraus, dass es neben den bekannten "Objekten" 
in der Horst-Wessel-Straße, Rheinischen Straße 28, Rottstraße 9 
und 11, Goethestraße 9, Vidumestraße 11, Franzstraße 11 und der 
Israelitischen Schule in der Wilhelmstraße noch zwei weitere 
"Judenhäuser" in der Dibergstraße Nr. 2 und 4 gab.

"Die ganze Judenheit auf einem Haufen"

"An eine Diele stoßen die Türen dreier Ménages: Cohns, Stühlers,
 wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit 
Stühlers, nur halb getrennt - eine Wasserstelle für alle drei -,
 ein kleiner anstoßender Küchenraum für Cohns.

Zwischen Cohns und Stühlers starke Spannung. … Es ist schon 
halb ein Barackenleben, man stolpert übereinander, 
durcheinander. Und die ganze Judenheit auf einem Haufen." So 
schildert zum Beispiel Victor Klemperer in seinen Tagebüchern 
das zunehmend belastende Leben in den "Judenhäusern". Von Mai 
1940 bis Februar 1945 lebte er zusammen mit seiner christlichen 
Ehefrau in insgesamt drei Dresdner "Judenhäusern".

Wegbereitung zur Deportation

"Zur Nachahmung empfohlen! Heraus mit den Juden aus den guten 
und billigen Wohnungen!" Mit dieser populistischen Kampfparole 
der Nationalsozialisten aus dem Jahre 1939 begann die 
systematische Vertreibung der österreichischen und deutschen 
Juden aus ihren angestammten Wohnungen. Hinter dieser Politik 
standen nicht nur ideologische Prinzipien, sondern auch 
handfeste materielle Interessen. Viele Nichtjuden profitierten 
davon, heißt es in dem Buch.

Hubert Schneider zeigt allerdings auch auf, dass anfangs manch 
übereifrige Deutsche vom Regime zurückgepfiffen und zum 
Beispiel fristlose Kündigungen per Gesetz für unwirksam erklärt 
wurden. Vielmehr begannen aus Angst jüdische Mitbürger selbst, 
ihre Wohnungen aufzugeben und die räumliche Nähe zu anderen 
Juden zu suchen. Damit spielten sie dem Regime in die Karten - 
dem Weg zu den nächsten Schritten, den "Judenhäusern" und der 
Deportation, war Tür und Tor bereitet.

Die Studie: Beispielhaft für andere Städte

Die Stadt Bochum begann in den 1960er-Jahren, die Geschichte 
der Judenverfolgung und -vernichtung aufzuarbeiten. "Doch es 
blieb Hubert Schneider vorbehalten, mit seiner Arbeit eine 
vollständige und in die Tiefe gehende Geschichte der Bochumer 
"Judenhäuser" und ihrer Bewohner vorzulegen. Schneider stellt 
zu Recht fest, dass eine Gesamtdarstellung zum Thema 
Judenhäuser bisher nicht existiert", schreibt die Leiterin des 
Bochumer Stadtarchivs und Zentrums für Stadtgeschichte Dr. 
Ingrid Wölk in ihrem Vorwort zum Band.

"In den zahlreichen lokalgeschichtlichen Abhandlungen wird das 
Thema entweder überhaupt nicht oder nur kurz behandelt", so 
Hubert Schneider. Ausnahmen seien bisher lediglich die 
Darstellungen von Karlsruhe und Leipzig. Auch in der 
Nachbarstadt Hattingen ist die Geschichte des einzigen 
"Judenhauses" - in der Ruhrstraße 8 - relativ gut erforscht. 
Für Bochum und damit beispielhaft für viele andere große Städte 
Deutschlands und Österreichs leistet der Historiker Schneider 
mit seiner Studie wertvolle Pionierarbeit.

Der Autor

Dr. Hubert Schneider, der am 17. Februar 1941 in Karlsruhe als 
Sohn einer Arbeiterfamilie geboren wurde, fand über Umwege zur 
Geschichtswissenschaft: Schon mit 14 Jahren musste er in der 
Industrie arbeiten, holte aber auf der Abendschule sein Abitur 
nach und studierte dann, zuerst gegen den Willen der Familie, 
in Freiburg im Breisgau Geschichte, Germanistik und Politik.

1967 machte er sein Staatsexamen und arbeitete anschließend als 
Lehrer. Eine Bekanntschaft mit Moritz Schlesinger, einem 
deutsch-jüdischen Diplomaten der Weimarer Zeit beeinflusste 
seine Entscheidung für die Wissenschaft. 1972 wurde Schneider 
promoviert und arbeitete bis 1974 an der Pädagogischen 
Hochschule in Karlsruhe, dann an der noch jungen Bochumer Uni 
bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2004.

Am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte am Historischen 
Institut der RUB spezialisierte er sich auf die Geschichte der 
Sowjetunion, Polens und der Tschechoslowakei. Besonders 
engagierte er sich für den Erhalt der jüdischen Spuren und der 
Erinnerung an die Juden in Bochum sowie für den 
deutsch-polnischen Studierendenaustausch.


INFO

Titelaufnahme

Schneider, Hubert: Die Entjudung des Wohnraums - 
Judenhäuser in Bochum.
Die Geschichte der Gebäude und ihrer Bewohner. 
Schriften des Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte 
Nr. 4. Lit Verlag, Münster 2010, 470
Seiten, 29,90 Euro, ISBN: 978-3-643-10828-9

Dr. Hubert Schneider
Tel.: 0234/701307
E-Mail: hubert.schneider at rub.de


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