[WestG] [AUS] Wege der Migration: Industriemuseum zeigt dauerhaft die Geschichte der Zuwanderung ins Ruhrgebiet, Bochum, ab 29.08.2010

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Aug 27 10:18:55 CEST 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 26.08.2010, 13:44


AUSSTELLUNG

Wege der Migration
Industriemuseum zeigt dauerhaft die Geschichte der Zuwanderung 
ins Ruhrgebiet

Seit mehr als 150 Jahren ist das Ruhrgebiet ein 
Einwanderungsland. Millionen von Menschen sind mit der 
Industrialisierung ins Revier gekommen - viele mit der Hoffnung 
auf gutes Geld für harte Arbeit, manche aber aus Zwang oder auf 
der Flucht.

Heute leben Menschen aus 170 Nationen im Ruhrgebiet. Mit einem 
dauerhaften Rundweg spürt der Landschaftsverband 
Westfalen-Lippe (LWL) in seinem LWL-Industriemuseum Zeche 
Hannover in Bochum nun der Geschichte der Zuwanderung nach. Am 
Sonntag, 29. August, um 11 Uhr, eröffnet der Vorsitzende der 
Landschaftsversammlung, Dieter Gebhardt, mit einem Festakt den 
Rundweg im Museum.

"Das Ruhrgebiet hat in seiner Geschichte langjährige und 
vielfältige Erfahrungen mit dem Zusammenleben von Menschen 
unterschiedlicher Herkunft gemacht. Der Schlüssel zur 
Gestaltung eines einträglichen Zusammenlebens scheint in der 
Kenntnis der Geschichte der Zuwanderung und Offenheit der 
Menschen für einander zu liegen", so Dieter Gebhardt.

"Mit dem Rundweg machen wir als erstes Museum in der Region die 
lange Geschichte der Zuwanderung überall auf dem Museumsgelände 
dauerhaft präsent", freut sich LWL-Museumsleiter Dietmar Osses. 
"Nach den erfolgreichen Ausstellungen zur 
Zuwanderungsgeschichte der letzten Jahre ist das ein weiterer 
wichtiger Schritt in der Entwicklung des Themenschwerpunktes 
Migration im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover", so Osses 
weiter.

Der Besucher folgt in zwölf Kapiteln den Spuren der Zuwanderung 
ins Revier, die auf Bild-Text-Tafeln mit allgemeinen Tendenzen 
sowie lokalen und biografischen Beispielen eindrucksvoll 
beschrieben wird. Der neue Rundweg soll auch im Rahmen des 3. 
Bundesfachkongresses Interkultur präsentiert werden, der vom 
27. bis 29. Oktober in Bochum stattfindet.

Anfänge der Zuwanderung
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Ruhrgebiet 
von einer ländlich geprägten Region zum pulsierenden 
Industriegebiet. Binnen weniger Jahre gründeten sich Dutzende 
von Zechen und Eisenhütten. Der enorme Bedarf an Arbeitskräften 
konnten schon bald nicht mehr aus dem Umland gedeckt werden. 
Aus ganz Westfalen, dem Rheinland und Hessen zogen Menschen zur 
Arbeit ins Revier. Zahlreiche ausländische Investoren statteten 
Ihre Unternehmen mit eigenen Fachkräften und Personal aus. Zu 
tausenden zogen Iren, Belgier und Franzosen in das Ruhrgebiet; 
italienische Wanderarbeiter kamen als Fachleute für 
Steinbearbeitung und Tunnelbau.

Mit dem Boom der Industrie Ende des 19. Jahrhunderts zogen mehr 
als eine halbe Millionen Menschen aus Schlesien, Posen und 
Masuren ins Revier. Vor allem in den Zechen und Siedlungen des 
nördlichen Ruhrgebiets bildeten sie bald die Mehrheit. Sie 
waren in der Regel preußische Staatsbürger, sprachen meist aber 
polnisch oder Dialekt und wurden im Alltag als Polen angesehen. 
Viele mussten unter Vorurteilen leiden. Nach dem Ersten 
Weltkrieg verließ die Mehrzahl der polnischen Zuwanderer das 
Revier: gut ein Drittel ging zurück in den neu gegründeten 
Staat Polen, ein Drittel zog weiter nach Westen in die 
französischen und belgischen Bergbauregionen, die mit hohen 
Löhnen und guten Lebensbedingungen lockten.

Verfolgt, verschleppt, vertrieben
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Hunderttausende Menschen, 
vor allem aus Polen und der Sowjetunion, ins Ruhrgebiet 
gebracht und zur Arbeit gezwungen. Als Zivilarbeiter, 
Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter mussten sie in der 
Landwirtschaft, in Eisenhütten, Stahlwerken und Zechen unter 
menschenunwürdigen Verhältnissen bis zum Letzten schuften. Die 
meisten waren in eigens eingerichteten bewachten Lagern 
untergebracht, Kontakte mit der deutschen Bevölkerung waren 
verboten.

Nach Kriegsende kehrten viele in ihre Heimat zurück. Mehr als 
100.000 Menschen, vor allem aus Polen, konnten jedoch nicht 
zurückkehren, da ihnen Verfolgung drohte. Sie blieben als 
"Displaced Persons (DP)" in provisorischen Lagern zurück. Viele 
konnten in den Folgejahren nach Übersee auswandern. 1951 
richtete das Land NRW dauerhafte Siedlungen für die 17.000 noch 
verbliebenen Menschen ein.

Für den Wiederaufbau der Industrie und Städte wurden Ende der 
1940er Jahre im Ruhrgebiet dringend Arbeitskräfte benötigt. 
Mehr als 600.000 Flüchtlinge und Vertriebene kamen ab 1949 ins 
Revier, um im Bergbau, der Eisen- und Stahlindustrie oder der 
Textilindustrie zu arbeiten.

Gastarbeiter für das Revier
Wiederaufbau und Wirtschaftswachstum brachten in den 1950er 
Jahren im Ruhrgebiet ein rasantes Wachstum. Flüchtlinge und 
Vertriebene trugen wesentlich zum Aufbau bei. Angesichts eines 
drohenden Arbeitskräftemangels schloss die Bundesregierung ab 
1955 mit Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, 
Portugal, Tunesien und Jugoslawien Abkommen zur Anwerbung von 
Arbeitern.

Die Aussicht auf schnelles Geld lockte zunächst vor allem junge 
Männer aus den von Arbeitslosigkeit geplagten Regionen 
Südeuropas. Viele wollten schnell wieder in die Heimat 
zurückkehren, um sich dort eine eigene Existenz aufzubauen. Der 
erworbene Wohlstand führte jedoch oft dazu, dass sie länger 
blieben und ihre Familien nachholten. Vermehrt kamen nun auch 
Frauen als Arbeiterinnen für Industrie und Gewerbe. Mit der 
Wirtschaftskrise 1973 endete die gezielte Anwerbung.

Flüchtlinge und Spätaussiedler
In den 1980er und 1990er Jahren kamen zahlreiche Flüchtlinge 
und Spätaussiedler ins Ruhrgebiet. Nach dem Militärputsch in 
der Türkei suchten 1980 vor allem gut ausgebildete Kurden 
politisches Asyl. Das Verbot der Gewerkschaft Solidarnosc und 
die Verhängung des Kriegsrechts in Polen drängte rund 100.000 
polnische Aktivisten und Bürgerrechtler nach Deutschland. 
Zeitgleich nutzte gut eine Millionen Menschen aus Polen den 
Status als deutsche Spätaussiedler zur Einwanderung nach 
Deutschland. Die meisten von ihnen zogen nach Berlin oder in 
das Ruhrgebiet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 
erreichte der Zuzug von Spätaussiedlern 1992 einen neuen 
Höhepunkt.

Miteinander Leben im Ruhrgebiet
Heute leben Menschen aus 170 Nationen im Ruhrgebiet. Mehr als 
100 verschiedene Glaubensrichtungen werden praktiziert. Nachdem 
die industriellen Massenarbeitsplätze während des 
Strukturwandels entfallen sind, hat sich der Anteil von 
Kleingewerbetreibenden unter den Menschen mit 
Migrationsgeschichte deutlich erhöht. So finden sich heute in 
den großen Städten des Reviers oft Wohn- und Geschäftsviertel 
von Zuwanderern.

Die lange Geschichte der Zuwanderung ins Ruhrgebiet und die 
Tradition der Solidarität der Menschen in der Region hilft 
heute im Ruhrgebiet oft, Lösungen für die kleinen und großen 
Konflikte im Zusammenleben zu finden und gemeinsame 
Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.


INFO

LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
Günnigfelder Straße 251
44793 Bochum-Hordel
Öffnungszeiten: Mi - Sa 14 -18 Uhr, So 11 - 18 Uhr


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