[WestG] [LIT] Gilhaus, Ulrike: Kumpel auf vier Beinen - Grubenpferde im Ruhrbergbau

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Aug 24 10:51:02 CEST 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 24.08.2010, 09:11


LITERATUR

Kumpel auf vier Beinen - Grubenpferde im Ruhrbergbau
LWL-Industriemuseum stellt neues Buch über das Leben der 
Vierbeiner unter Tage vor

Tobias mochte gerne Butterbrote, Äpfel und gepellte Apfelsinen. 
Zwölf Jahre lang arbeitete das Grubenpferd als Schlepper auf 
der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen - bis zum 23. 
Juni 1966. Als der braune Wallach in den Ruhestand ging, wurde 
er als das letzte bekannte Grubenpferd zu einem echten 
Medienstar. Nach gut 100 Jahren endete so die Ära der 
Grubenpferde im Ruhrbergbau. Ein neues Buch, das der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) am Dienstag (24.8.) in 
seinem Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund vorstellte, 
berichtet umfassend über Leben und Arbeit der Grubenpferde: von 
der Rekrutierung bis zum Gnadenbrot.

Fotos, Zeichnungen, Erinnerungen, Interviewpassagen, 
Zeitungsberichte, Grafiken und eine Karte veranschaulichen 
dieses wichtige Kapitel der Bergbaugeschichte. "Die 
Grubenpferde bilden für viele Menschen heute auch eine 
emotionale Brücke zu einer scheinbar weit zurückliegenden 
Epoche und zu einer Branche, die den meisten fremd geworden 
ist", erklärte Autorin und Museumsleiterin Dr. Ulrike Gilhaus.

Die Darstellung mit dem Titel "Kumpel auf vier Beinen" knüpft 
an die gleichnamige Ausstellung an, die 2005 auf der Zeche 
Zollern Premiere feierte und später in Bochum sowie in Vreden 
zu sehen war. Weitere Stationen stehen bevor. "Mit 
Unterstützung des Fördervereins Industriemuseum Zollern, der 
den Druck finanzierte, konnten wir jetzt die Publikation 
realisieren", freut sich die Museumsleiterin.

Hintergrund
Das Bild vom Grubenpferd, das auf der siebten Sohle schuftete 
und niemals die Sonne sah, erregt heute vor allem Mitleid. 
Mitte des 19. Jahrhunderts, als Grubenpferde erstmals im 
Ruhrbergbau eingesetzt wurden, gab es keine moralisierende 
Diskussion um ihren Einsatz. Zweckrationale Aspekte gaben den 
Ausschlag: Pferde erleichterten Menschen durch ihre Zugkraft 
die Arbeit und steigerten die Produktivität der aufstrebenden 
Branche.

Ulrike Gilhaus: "Lediglich Künstler sahen im Grubenpferd schon 
damals ein Symbol für die von der Industriearbeit geschändete 
Kreatur." Während ein erwachsener Schlepper nur eine Lore 
fortbewegte, konnte ein Pferd acht bis zehn Loren ziehen. 
Zeichnungen aus Bergbaukompendien geben eine Vorstellung von 
der schieren Plackerei im Bergwerk, bevor das Grubenpferd 
Einzug hielt.

Seinen Höhepunkt erreichte der Pferdeeinsatz im 
Untertagebetrieb 1910 mit 8.384 Tieren im Bezirk des 
Oberbergamtes Dortmund. Nach dem Ersten Weltkrieg ging ihre 
Zahl mit der einsetzenden Mechanisierung deutlich zurück. 
Lokomotiven und Förderbänder lösten das Pferd in der 
Streckenförderung ab. 1950 gab es noch 550 Grubenpferde im 
Oberbergamtsbezirk. Auf Zollern II/IV ging mit Nurmi 1953 das 
letzte Grubenpferd in den Ruhestand. Von seinem Arbeitsleben 
sind zahlreiche Fotos überliefert.

Arbeiten und Leben unter Tage
Grubenpferde gehörten nicht den Zechen, sondern waren Eigentum 
von Pferdeverleihfirmen, die auch das Futter, Geschirr, Decken 
und sonstiges Zubehör lieferten. Nach der Anlieferung ging es 
mit dem Förderkorb unter Tage. Wie lange sie dort blieben, war 
sehr unterschiedlich.

Während es auf den kleinen Stollenzechen kein Problem bereitete,
 die Pferde täglich auf die Weide zurück zu führen, blieben die 
vierbeinigen Schlepper auf den großen Schachtanlagen monatelang,
 manchmal auch jahre- und sogar lebenslang unter Tage. "Zu 
Beginn des 20. Jahrhunderts wäre der logistische Aufwand, 
Dutzende von Pferden täglich oder wöchentlich ans Tageslicht zu 
bringen, zu groß gewesen", erklärt die Autorin.

Im Stall unter Tage erholte sich das Grubenpferd von den 
Strapazen der Schicht. Hier wurde das Tier gestriegelt und 
gepflegt. In regelmäßigen Abständen kamen Schmied und Tierarzt. 
Zu den häufigsten Krankheiten zählten Verletzungen der Hufe 
durch Feuchtigkeit oder scharfe Metallteile und 
Verdauungsstörungen. Außerdem verletzten sich die Tiere in den 
oft engen Streckenquerschnitten leicht an Kopf und Flanken, so 
dass ihr Körper bald mit Narben und Schwielen übersät war.

Erst seit den 1930er Jahren erregten die Arbeits- und 
Lebensbedingungen der Grubenpferde die Aufmerksamkeit des 
internationalen Tierschutzes. Gilhaus: "Durch internationale 
Kampagnen versuchte man, Arbeitsbedingungen und Pflege der 
Tiere zu verbessern und forderte, auf die Arbeitskraft der 
Pferde zugunsten von technischen Transportmöglichkeiten ganz zu 
verzichten. Doch erst die Verbesserung der Arbeitsbedingungen 
für Bergleute änderte etwas an der traurigen Situation der 
Grubenpferde. Tierschutz und Arbeitsschutz entwickelten sich 
gemeinsam zum Positiven."

Betriebstechnisch galt das Grubenpferd als "Schlepper" und 
wurde auf den Schichtenzetteln auch so geführt. Seine Aufgabe 
war es, die beladenen und leeren Förderwagen von den 
Abbaustellen zum Schacht und zurück zu ziehen. Neben der Kohle 
beförderten die Tiere auch sämtliches Material für den 
Untertagebetrieb - oft in Doppelschichten.

Ihre 400 bis 1500 Meter lange Strecke kannten die vierbeinigen 
Schlepper zwar "blind". Dass die meisten Grubenpferde in der 
ewigen Nacht unter Tage ihr Augenlicht verloren, ist aber ein 
Vorurteil. Ulrike Gilhaus: "Zur Hochzeit des Pferdeeinsatzes 
gab es auf den Strecken und in den Ställen schon elektrisches 
Licht. Die Tiere lebten also nicht in vollständiger Dunkelheit. 
Zeitgenössische Tierärzte bescheinigen, dass ein- oder 
beidseitige Blindheit überwiegend das Resultat mechanischer 
Verletzungen war."

Mythos Grubenpferd
Unmittelbarer Kamerad des Pferdes war oft ein sehr junger 
Bergmann. "Wer aus der Landwirtschaft kam oder mit Tieren 
umgehen konnte, bekam vom Steiger die Arbeit des Pferdeführers 
zugewiesen. Eine Anlernzeit gab es nicht."

Seit den 1920er Jahren identifizierten sich die Bergleute immer 
stärker mit ihren vierbeinigen Kameraden; eine Vermenschlichung 
setzte in dem Maße ein, wie die Sicht vom Pferd als 
"biologische Maschine" nachließ. Die schwere tägliche 
Anstrengung der Tiere beim Schleppen, vor allem aber ihr Dasein 
in der Dunkelheit und ihr eintöniges Leben in dem unnatürlichen 
Lebensraum erregten Mitgefühl und weckten Hilfsbereitschaft. 
Viele Bergleute verwöhnten ihre Tiere deshalb mit Leckereien.

Seit den 1930er Jahren widmeten Bergleute verstorbenen 
Grubenpferden symbolische Grabsteine, schrieben Bücher und 
Gedichte, schnitzten oder malten nach Feierabend Abbilder ihrer 
tierischen Kameraden.

"Seppel" war das letzte Grubenpferd
Nicht alle wurden übrigens so gebührend verabschiedet wie 
Tobias in Recklinghausen. Bei den Recherchen zum Buch stellte 
sich heraus, dass ein Schimmel-Wallach mit Namen Seppel auf der 
Zeche Lothringen in Bochum-Gerthe noch zwei Monate länger unter 
Tage rackerte, bevor auch er sein Rentnerdasein in Lüdinghausen 
begann. Im Gegensatz zu Tobias war Seppel allerdings ein 
Mauerblümchen; vom ihm gibt es kein Foto. Doch mit ihm endete 
im August 1966 endgültig die Ära der Grubenpferde im Ruhrbergbau.


INFO

Ulrike Gilhaus: Kumpel auf vier Beinen. 
Grubenpferde im Ruhrbergbau
hg. vom LWL-Industriemuseum, 
Klartext-Verlag Essen 2010
ISBN 978-3-8375-0211-4, Preis 16,95 Euro
147 Seiten, 110 z.T. farbige Abbildungen, 
1 doppelseitige Karte, Diagramme, Tabellen, Quellen


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte