[WestG] [LIT] Huismann, Frank (Bearb.): Die Stadt Lage und der Zweite Weltkrieg. Die Kriegschronik des Fritz Geise

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jan 14 09:46:56 CET 2009


Von: "Robert Gahde" <robert.gahde at lav.nrw.de>
Datum: 07.01.2009, 14:00 


LITERATUR

Fritz Geises Kriegschronik
Eine Quelle zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges

In der Reihe "Lippische Geschichtsquellen", die vom Lippischen 
Heimatbund e.V. und dem Naturwissenschaftlichen und Historischen 
Verein für das Land Lippe e.V. gemeinsam herausgegeben wird, ist 
erstmals eine Quelle zur Zeitgeschichte erschienen. Der Lehrer 
Fritz Geise führte in Lage/Lippe während des Zweiten Weltkrieges 
Tagebuch. Er sammelte außerdem Feldpostbriefe, Todesanzeigen, 
Zeitungsartikel und ähnliches und verarbeitete diese Materialien 
in seinen Aufzeichnungen. Diese "Kriegschronik", wie er sie 
selbst nannte, wuchs bis 1945 im Manuskript auf annähernd 1.000 
Seiten an.

Der ehemalige DDP-Politiker Geise besaß ein distanziertes 
Verhältnis zum nationalsozialistischen Regime. Er war jedoch 
auch kein offener Regimegegner. Er kann daher als typischer 
Vertreter der damals älteren Generation gelten, "patriotisch" 
gesinnt, aber nicht im eigentlichen Sinne 
"nationalsozialistisch". Seine Aufzeichnungen zeigen in aller 
Klarheit verbreitete politische Ansichten, Weltmachtsehnsüchte 
oder auch gängige rassistische Vorstellungen. Daneben erlaubt es 
die "Kriegschronik", die wirtschaftlichen und sozialen 
Auswirkungen des Krieges am Einzelfall der lippischen Kleinstadt 
nachzuvollziehen.

Der Quellenwert der "Kriegschronik" wird zum Einen durch die 
vielen eingearbeiteten Feldpostbriefe und zum Anderen durch die 
von Geise geführten Interviews mit Soldaten auf Heimaturlaub 
deutlich erhöht. Nur selten kann man so klar erkennen, wie sich 
staatliche Propaganda und Wahrnehmung der Soldaten in den 
Vorstellungen der Menschen ergänzten und vermischten. Die 
tagebuchartige Abfassung der Quelle erlaubt es außerdem, die 
dazugehörigen Brüche unmittelbar wahrzunehmen.

Geises Werk ist lang und hier und da auch langatmig, wer sich 
jedoch in den Text vertieft, der erfährt viel über Stimmungen, 
Hoffnungen und Ängste der Menschen in Lage und Umgebung. Durch 
die vielen eingearbeiteten Briefe von Soldaten und Gespräche mit 
Heimaturlaubern, erfährt der Leser außerdem so manches über die 
Stimmungen an den verschiedenen Fronten. Nicht zuletzt 
beantwortet die "Kriegschronik" die immer wieder gestellten 
Fragen, was man unter den Bedingungen der NS-Diktatur wissen 
konnte und worüber geredet wurde.

Den Kriegsverlauf schildert der 1871 geborene Fritz Geise so, 
wie ihn wohl viele Deutsche erlebt haben, euphorisch ob der 
Siege am Anfang, geschockt und ängstlich gegen Ende des Krieges. 
Breiten Raum nehmen die vielen Bombenangriffe ein, die Geise 
durch Verwandte und Bekannte aus den Großstädten eindrücklich 
geschildert werden. Im Februar 1945 schließlich erlebt Fritz 
Geise den Bombenangriff auf Lage, den schwersten Angriff in 
Lippe während des gesamten Krieges. Das Leben in der Stadt wird 
überhaupt von den vielen Luftalarmen mitgeprägt, aber auch die 
Versorgungsengpässe, die Aufnahme von Flüchtlingen und der 
Einsatz von Zwangsarbeitern beschäftigen Geise. Alles in allem 
liegt hier eine Quelle vor, die viel zu berichten hat, und 
manche Einsicht bereit hält.

INFO

Der Band kostet im Buchhandel 25,- Euro

Frank Huismann (Bearb.) unter Mitarbeit von Barbara Deppe, Hans 
Jacobs und Christina Pohl: Die Stadt Lage und der Zweite 
Weltkrieg. Die Kriegschronik des Fritz Geise. Detmold 2008 
(Lippische Geschichtsquellen, Band 26). ISBN 
978-3-923384-17-4.


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