[WestG] [AKT] Studie ueber Schuetzenvereine im Nationalsozialismus
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Feb 24 11:32:09 CET 2009
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 19.02.2009, 14:35
AKTUELL
Feiern und schießen für das Regime
Studie über Schützenvereine im Nationalsozialismus
RUB-Historiker revidiert 60 Jahre altes Selbstbild
Aktiv haben die deutschen Schützenvereine die Ziele des
Nationalsozialismus im "Dritten Reich" unterstützt: teils im
vorauseilenden Gehorsam, zum Beispiel beim Ausschluss der Juden
aus den Vereinen bereits 1933, und teils in einem Maße, das weit
über die vom Regime geforderte Beteiligung hinausging, etwa bei
der "Wehrhaftmachung" großer Teile der Bevölkerung im Krieg.
Das ist das zentrale Ergebnis der Masterarbeit von Henning
Borggräfe am Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum
(Betreuer: Prof. Dr. Constantin Goschler). Am Beispiel dreier
westfälischer Schützenvereine und ihrer Dachverbände und auf
breiter Quellenbasis legt Borggräfe damit erstmals eine
detaillierte Studie über Schützenvereine zur gesamten NS-Zeit
vor und revidiert das seit rund 60 Jahren bestehende Bild ihrer
damaligen Rolle. Für seine herausragende Arbeit erhielt er einen
der "Preise an Studierende" 2008 der Ruhr-Universität.
Fallstudien: Hattingen, Lippstadt, Lünen
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen drei unterschiedliche
Schützenvereine: aus Lippstadt, einer "katholischen Hochburg des
Zentrums"; aus dem mehrheitlich evangelischen Hattingen, einer
"frühen Bastion der extremen Rechten"; sowie aus Lünen, einer
"gemischtkonfessionellen Stadt, die die Linke politisch
dominierte".
Borggräfe hat zahlreiche Quellen ausgewertet, unter anderem die
Berichte über die Vereine in den lokalen Tageszeitungen zu jener
Zeit. Erstmals hat er darüber hinaus die einschlägigen
Verbandszeitschriften, insbesondere die "Schützenwarte" in der
Deutschen Nationalbibliothek Leipzig und in der Staatsbibliothek
Berlin systematisch analysiert. In der bisherigen Forschung
vollkommen unberücksichtigt, erwiesen sie sich als "ergiebigste
Quelle", so der Autor.
Weder Opfer noch Hort des Widerstandes
Die Studie rückt die deutschen Schützenvereine in ein neues
Licht: Sie waren weder Opfer des NS-Regimes, wozu sie sich bis
heute selbst stilisieren, noch waren sie Hort des Widerstandes.
Auch wurden die Vereine keineswegs totalitär gleichgeschaltet.
Auf organisatorischer, personeller und inhaltlicher Ebene haben
sie sich seit 1933 an das System angepasst und gleichzeitig
bestimmte Traditionen bewahrt. So wehrten sich viele Vereine zum
Beispiel erfolgreich gegen eine einheitliche Uniformierung der
Schützen, was jedoch kein politischer Widerstand war.
"Resistenz" habe sich allenfalls gelegentlich gegenüber
Zumutungen der Veränderung gezeigt, zum Beispiel bei der
Organisationsstruktur, nicht aber gegenüber den Zielen des
Nationalsozialismus. "Vielmehr haben sich die Schützenvereine in
den Nationalsozialismus und der Nationalsozialismus in die
Schützenvereine integriert", so Borggräfe. "Der Nationalismus
war das gemeinsame Bindeglied und bildete die Basis für die
Zustimmung der NS-Gemeinschaft." Die Ergebnisse der Untersuchung
belegen die "partielle Elastizität" der NS-Herrschaft, die in
der neueren Forschung als ein Kernelement der Stabilität des
Regimes gilt.
Vom Feiern und vom Schießen
Zwei Dinge zeichnen den Schützenverein aus: das Feiern und das
Schießen. Damit berührten und beförderten die Schützen zwei
Kernziele des Nationalsozialismus: die "Volksgemeinschaft" zu
realisieren und die Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten.
Insbesondere beim Schießen weiteten viele Schützenvereine ihr
Engagement in jeder Phase über das von ihnen geforderte Maß aus.
Die Studie zeigt, dass die Vereine "aus eigenem Antrieb" ihren
Beitrag zur Wehrhaftmachung der Bevölkerung leisteten - vor
allem in der vormilitärischen Schießausbildung der männlichen
Bevölkerung. Die Vereine stellten zudem der Hitlerjugend (HJ)
und der Sturmabteilung (SA) ihre Expertise und Infrastruktur zur
Verfügung. Dass dies auch in den Kriegsjahren der Fall war,
belegt Borggräfe in seiner Arbeit, und damit widerlegt er die
Selbstdarstellung der Schützen, dass die Vereine mit
Kriegsbeginn ihre Aktivitäten hätten einstellen müssen.
Selbstsicht fundamental in Frage gestellt
Die Selbstsicht der Schützen auf ihre Vergangenheit sei damit
"fundamental in Frage gestellt", heißt es in der Studie. Zum
Teil gingen die Vereine in ihrem Aktionismus sehr weit. "Der
freiwillige Ausschluss der Juden zeigt, dass die Schützen in
ihrer Annäherung an den NS vorauseilend bereit waren,
zivilisatorische Standards aufzugeben. Ob aus Kalkül oder
Überzeugung lässt sich nicht klären", so Borggräfe.
Unstrittig ist jedoch, dass die Schützenvereine die NS-Ideologie
schließlich weitgehend übernommen hatten. So riefen sie zum
Beispiel ebenfalls frühzeitig zum Angriff auf die Sowjetunion
auf. "Die inhaltliche Radikalisierung war ein Wandlungsprozess
der Schützen selbst, ein Prozess, der im evangelischen Hattingen,
aber auch im gemischtkonfessionellen Lünen anfänglich schneller
von statten ging als im katholischen Lippstadt, letztlich aber
zu den gleichen Ergebnissen führte."
INFO
Henning Borggräfe, M.A.
E-Mail: henning.borggraefe at rub.de
Prof. Dr. Constantin Goschler
Lehrstuhl für Zeitgeschichte
Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB
Tel.: 0234/32-22540
E-Mail: constantin.goschler at rub.de
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