[WestG] [AKT] Kirche und Obrigkeit war "wuestes und unsittliches Fastnachtstreiben" ein Dorn im Auge

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Feb 18 10:49:19 CET 2009


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 17.02.2009, 12:19


AKTUELL

Kirche und Obrigkeit war "wüstes und unsittliches 
Fastnachtstreiben" ein Dorn im Auge:
Andachtsübung drängt "Ausschweifungen" zurück

Beim Blick auf die vielen Uniformen der Karnevalisten könnte man 
glauben, Fastnacht sei preußisches Brauchtum. Doch gerade die 
Preußen waren es, die im 19. Jahrhundert in Westfalen mit sehr 
unterschiedlichem Erfolg versuchten, viele karnevalistische 
Bräuche zu verbieten. Es gab zum Beispiel das "Wurstaufholen", 
ausgelassene Zechereien und Tanzvergnügen bis weit über die 
Polizeistunde hinaus oder die Beerdigungszeremonie, bei der die 
Jecken zu Beginn der Fastenzeit die Fastnacht in Gestalt einer 
Strohpuppe in feierlichem Zug zu Grabe trugen.

LWL-Volkskundler Dr. Peter Höher: "Das lag in erster Linie daran,
 dass Preußen protestantisch geprägt war. Denn die evangelische 
Kirche hat schon kurz nach der Reformation die ihrer Meinung 
nach unmäßigen und ausufernden Feiern an Karneval recht 
erfolgreich verboten. Die katholische Kirche wollte nicht so 
rigoros sein und den Menschen vor der kargen Zeit des Fastens 
noch etwas Lebensfreude und Genuss gönnen. Deshalb ging sie eher 
halbherzig vor und bekämpfte nur die schlimmsten Auswüchse", 
erklärt LWL-Volkskundler Dr. Peter Höher.

Hintergrund
Mit der Preußen-Herrschaft kamen auch in die katholischen 
Gegenden Westfalens schärfere Verbote. "So haben die Preußen zum 
Beispiel jungen Männern das heute noch im Münsterland bekannte 
Wurstaufholen verboten, bei dem junge, unverheiratete Männer von 
Haus zu Haus gingen und Würste für eine gemeinsame Feier 
sammelten", so Höher. Sie verboten auch das Gänsereiten und 
Hahnköppen - ein "Turnierspiel" bei dem die Reiter versuchten, 
einer an den Beinen aufgehängten lebenden Gans oder einem Hahn 
den Kopf abzureißen oder abzuschlagen.

Untersagt wurden auch die ungezügelten, wilden Umritte zu Pferd, 
die man mit den ebenfalls verbotenen Autorennen der Jugendlichen 
heute vergleichen kann. Wenig Verständnis hatten die Preußen 
auch für die ausgelassenen Zechereien und Tanzvergnügen, bei 
denen die Polizeistunde einfach ignoriert wurde und sich - zur 
Entrüstung der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit - die 
unverheiratete Jugend ohne jegliche Beaufsichtigung traf.

Dennoch wagte man nicht, ein generelles Fastnacht-Verbot 
auszusprechen. Der entscheidende Wandel kam dann durch eine 
Initiative der katholischen Kirche: Vor allem im Bistum Münster 
gelang es vielen Pfarrern, dem "wüsten, unsittlichen 
Fastnachtstreiben", wie sie es nannten, ein Ende zu setzen. Sie 
hatten nämlich an diesen "tollen Tagen" das so genannte 
Vierzigstündige Gebet in ihrer Pfarrei eingeführt - eine 
besondere Form der Andacht ohne Unterbrechung.

Überraschenderweise hörten die Pfarrkinder auf ihre Pastöre und 
machten die Andachtsübung mit; die Fastnachtsausschweifungen 
gingen stark zurück. Deshalb ermunterte der Bischof von Münster 
seit den 1850er Jahren alle Pfarrer seiner Diözese, diese 
Andacht zur Bekämpfung der Fastnacht einzuführen. Um dem 
kirchlichen Termin aus dem Weg zu gehen, findet in Gescher 
(Kreis Borken) der Karnevalsumzug daher bis heute weit vor den 
"tollen Tagen" statt.

Karnevalsgesellschaften, wie sie vom Bürgertum der größeren 
katholischen Städte in Westfalen bereits recht früh gegründet 
worden waren (in Münster und Paderborn in den 1830er Jahren), 
gab es in ländlichen und kleinstädtischen Gemeinden vor 1890 nur 
selten, meistens entstanden sie erst im 20. Jahrhundert.

Je mehr Vereine gegründet wurden, desto mehr Karnevalsfeiern und 
-bälle wurden veranstaltet. Die alten Fastnachtsbräuche dagegen 
empfand man mehr und mehr als "peinlich", als unmodern und 
provinziell; so ließ die Beteiligung mit der Zeit immer mehr 
nach. Schließlich blieb zum Beispiel das "Heischen", also das 
Einsammeln der Würste und Bonbons, als reiner Kinderbrauch in 
einigen Teilen Westfalen bis heute erhalten.


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