[WestG] [AKT] Eine Nonne als Faelscherin: Wie Aebtissin Adelheid das Stift Essen retten wollte
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Dez 3 10:32:17 CET 2009
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 02.12.2009, 09:35
AKTUELL
Eine Nonne als Fälscherin
Wie Äbtissin Adelheid das Stift Essen retten wollte
Adelheid, Äbtissin des Stifts Essen im 13. Jahrhundert, ist für
Forscher bis heute eine Unbekannte. Fest steht aber: Sie war
die lachende Dritte in einem Rechtsstreit, der mit einem der
bekanntesten Kriminalfälle des Mittelalters endete. Der Mord am
Kölner Erzbischof Engelbert von Berg im November 1225 führte
zur Hinrichtung von Adelheids ärgstem Widersacher, Graf
Friedrich von Isenberg. Die neue Ausstellung "Aufruhr 1225" im
LWL-Museum für Archäologie in Herne hinterfragt, welche Rolle
die Äbtissin in dem Streit spielte, der die weitere Geschichte
Nordrhein-Westfalens prägte. In der Schau des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) geht es ab dem 27.
Februar 2010 um Ritter, Burgen und Intrigen im Ruhrgebiet.
"Wir wissen praktisch nichts über Adelheid", sagt der
Projektleiter der Ausstellung, Dr. Stefan Leenen. Nur das
Todesjahr ihrer Vorgängerin und die ersten Erwähnungen ihrer
Nachfolgerin ließen darauf schließen, dass sie etwa zwischen
1216 und 1237 dem Reichsstift Essen vorgestanden haben müsse.
Das Stift unterstand direkt König und Papst und verfügte über
großen Besitz. "Als Adelheid die Kontrolle über den eigenen
Hoheitsbesitz bedroht sah, setzte sie sich zur Wehr", so der
Mittelalterexperte. Dabei habe die fromme Frau auch vor
Fälschung nicht zurückgeschreckt.
Streit um die Vogtei
Graf Friedrich von Isenberg verwaltete wie andere
Familienmitglieder vor ihm die weltlichen Besitztümer des
Essener Frauenstifts. Die Position des sogenannten Vogtes stand
nach Auffassung des Grafen ausnahmslos seiner Familie zu. "Sie
hätte demnach vererbt werden können", erklärt Leenen. Adelheid
widersprach diesem Anspruch Friedrichs. Ihrer Meinung nach
hatte das Stift das Recht, den Vogt frei zu wählen. Nach den
Angaben des Mönches Caesarius von Heisterbach soll sie mehrfach
Hilfe beim Papst und beim Kaiser gesucht haben. Leenen:
"Demnach müssen beide das Thema irgendwann leid gewesen sein,
weshalb sie wohl den Erzbischof Engelbert gebeten haben, das
Problem zu lösen."
Während Friedrich seine Ansprüche aufschreiben ließ, um diese
zu bekräftigen, verwies Adelheid auf alte Urkunden des Stifts.
"Die Äbtissin beließ es aber nicht dabei, sich auf die
Dokumente zu berufen", so der Archäologe und Historiker. Zum
Teil habe sie die Schriften verfälscht, indem sie Passagen
ergänzte. Unter den zumeist geistlichen Schriftgelehrten sei
das eine übliche Praxis gewesen, die der eher ungebildete Adel
nicht habe durchschauen können.
Lachende Dritte
Inzwischen haben Forscher die Veränderungen identifiziert.
Äbtissin Adelheid betonte mit ihren Ergänzungen das Wahlrecht
ihres Stifts. Außerdem beschränkte sie die Rechte des Vogtes in
der Stadt Essen.
Erzbischof Engelbert, der die Vogtei in Kirchenhand
zurückbringen wollte, verhandelte Anfang November 1225 mit
Friedrich in Soest. Auf der Heimreise wurde er ermordet und der
Graf später als Beschuldigter hingerichtet. "Somit wurde
Adelheid plötzlich zur lachenden Dritten, die ihre Position
durchsetzen konnte", sagt Leenen. Die nachfolgenden Vögte waren
in ihrer Stellung geschwächt. Auch vom Tod des Erzbischofs
profitierten die Ordensfrauen. Denn Engelbert habe vorgehabt,
das Stift zu kontrollieren. Da seine Nachfolger dieses Ziel
ebenfalls langfristig verfehlten, blieb das Stift noch bis ins
19. Jahrhundert weitgehend unabhängig.
Die Ausstellung
1225 kommt der Kölner Erzbischof Engelbert, einer der
mächtigsten Männer des Reiches, während eines Überfalls bei
Gevelsberg im heutigen Ruhrgebiet gewaltsam ums Leben. Wie
dieser Mord die ganze Ruhrregion veränderte - das ist
Ausgangspunkt und Leitmotiv der größten Mittelalterausstellung,
die bisher im Ruhrgebiet gezeigt wurde: "Aufruhr 1225! Ritter,
Burgen und Intrigen", läuft vom 27. Februar bis 28. November
2010 im LWL-Museum für Archäologie in Herne.
Events, Workshops, Führungen und Mittelaltermärkte sowie ein
Außenprogramm in elf Burgen und Schlössern der Region begleiten
die Ausstellung.
INFO
27. Februar bis 28. November 2010
"AufRuhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen"
LWL-Museum für Archäologie
Europlatz 1
44623 Herne
Di, Mi, Fr 9-17 Uhr, Do 9-19 Uhr
Sa, So und feiertags 11-18 Uhr
Eintritt: Zwischen 6 und 2 Euro, Familienkarte 12 Euro, Gruppenrabatte
URL: http://www.aufruhr1225.de
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