[WestG] [AKT] Tagungsbericht: 6. Detmolder Sommergespraech am 24. Juni 2009

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Aug 10 11:03:45 CEST 2009


Von: "Bettina Joergens" bettina.joergens at lav.nrw.de 
Datum: 06.08.2009, 11:20  
  
  
AKTUELL
  
Tagungsbericht

"…wie würde ich freudig an die Arbeit gehen, wenn ich meinen 
Beruf ausüben könnte…".

Arbeit, Beruf und Genealogie im Spiegel 
archivischer und musealer Quellen

6. Detmolder Sommergespräch am 24. Juni 2009

Zum nunmehr 6. Mal veranstaltete das Landesarchiv NRW Abteilung 
Ostwestfalen-Lippe am 24. Juni 2009 das "Detmolder 
Sommergespräch". Traditionell verstehen sich die "Detmolder 
Sommergespräche" als eine offene Kommunikationsplattform und 
eine fachliche Schnittstelle zwischen Familienforschung, 
Geschichtswissenschaft, Behörde und Archiv; die Programme der 
"Sommergespräche" richten sich gleichermaßen an Historiker, 
Familienforscher und Archivare sowie Mitarbeiter von Behörden. 
Die Resonanz der bisherigen Veranstaltungen verdeutlichen die 
regionale und überregionale Attraktivität dieses Konzepts, und 
auch diesmal kamen rund 100 Gäste und Referentinnen sowie 
Referenten aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten 
Ausland.

Im Zentrum der Vorträge und Diskussionen stand in diesem Jahr 
das Thema "Arbeit". Insgesamt sieben Referentinnen und 
Referenten diskutierten dabei verschiedene Fragen der Arbeits- 
und Wirtschaftsgeschichte und zeigten beispielhaft Biografien 
und genealogische Zusammenhänge auf. Sie stellten archivische 
und museale Quellen vor, anhand derer z. B. die eigene 
Familiengeschichte und vergangene Arbeitssituationen weiter 
erforscht und besser verstanden werden können.

Waschen, Nähen, Brot backen, Pflügen, Schweißen, Schmieden, 
Fische säubern, Ziegel brennen, Kohle fördern, Schafe hüten, 
Schreiben oder Unterrichten und viele Arbeiten mehr dienen und 
dienten dem Erwerb des Lebensunterhalts. Arbeit konnte und kann 
aber auch Beruf und Berufung sein. Von welchem Einkommen jemand 
lebte, unter welchen Bedingungen welche Art von Arbeit 
geleistet wurde, welche Berufe in einer Familie bevorzugt 
ausgeübt wurden, und wer in welcher Weise das Familieneinkommen 
erwirtschaftete, ist Teil von Biografien und 
Familiengeschichten.

Umgekehrt wird Familien- und Personengeschichte erst dann 
besonders interessant, wenn die Arbeitswelt der Einzelnen und 
deren wirtschaftliche Verhältnisse erkennbar werden. Fragen der 
Alltags-, Arbeits- und Wirtschaftsgeschichte sind insofern 
untrennbar mit genealogischen und biografischen Forschungen 
verbunden.

Den Einführungsvortrag der Veranstaltung hielt Dr. Julia Paulus 
vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster 
zu dem Thema "Arbeit und Beruf. Definitionen, historische 
Einordnung und genealogische Bezüge", in dem sie ein 
theoretisches und methodisches Grundgerüst für die Erforschung 
der Geschichte von "Arbeit" vorstellte. Ihr zufolge sei nach 
dem modernen Verständnis Arbeit "Männersache", "ein produktiver 
und kollektiver Prozess", der Vergemeinschaftung schaffe, und 
der einen geregelten Anfang und ein durch Freizeit begrenztes 
Ende aufweist.

Um historische Arbeitssituationen kultur- und 
geschlechtergeschichtlich zu analysieren, reiche diese 
verkürzte und zu historisierende Sicht auf Arbeit nicht aus. 
Stattdessen müssen weitere Differenzierungen für einen 
erweiterten Arbeitsbegriff vorgenommen werden, die sowohl 
produktive und reproduktive Arbeit berücksichtigen sowie 
deutlich machen, dass die unterschiedliche Verortung von Frauen 
und Männern im Erwerbssystem das Ergebnis sozialer 
Konstruktionen darstellt, die auf der Ebene sozialer 
Interaktion hergestellt und in Institutionen verfestigt wird.

Daraus ergeben sich Vorstellungen von sogenannten Frauen- und 
Männerberufen, die insbesondere durch die Familienforschung 
anzufragen seien. Schließlich, so Paulus, seien "Arbeit" und 
"Beruf" abhängig von der jeweiligen Struktur und Funktion, die 
Familie in diesem System besitzt, wodurch der "Beruf" als 
qualifizierte Arbeit in hohem Maße geschlechtsspezifisch 
codiert sei. Diese Leitthesen wurden im Laufe der Tagung immer 
wieder aufgegriffen und diskutiert.

In der ersten Sektion mit dem Titel "Arbeit, Beruf und Familie",
 moderiert und eingeführt von Dr. Bettina Joergens 
(Landesarchiv NRW, Detmold), fragten die Referentin und die 
Referenten nach 1) dem Wandel von Arbeit, Arbeits- und 
Berufsverständnissen sowie verhältnissen von der 
vorindustriellen Zeit bis zum 20. Jahrhundert; 2) nach den 
damit verbundenen Veränderungen der Familienökonomie, also der 
Verteilung der Arbeiten und der Einkommen unter den 
Familienmitgliedern, und 3) nach Kontinuitäten und Brüchen in 
Biografien aufgrund veränderter Arbeitswelten und nach 
geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Tradierung von 
Berufen und Tätigkeiten.

Wurden - besonders im 20. Jahrhundert - Berufe in der 
männlichen Linie eher tradiert, während Frauen gegenüber ihren 
Müttern und Großmüttern neue Wege einschlugen? Die Sektion 
gliederte sich in zwei Teile: Zunächst referierten Stefan 
Gorißen und Hermann Metzke über die Verschränkung von 
Wirtschafts- und Familiengeschichte in der vorindustriellen 
Zeit und nahmen dabei eher eine synchrone Betrachtung vor. 
Anschließend beleuchteten Jan Lucassen und Dagmar Kift Arbeit 
im 19. und 20. Jahrhundert unter biografischen Aspekten.

Dr. Stefan Gorißen (Universität Bielefeld) ging unter dem Titel 
"Arbeiten und Wirtschaften in vorindustrieller Zeit" der Frage 
nach, inwieweit verwandtschaftliche Netze im 18. Jahrhundert 
für den beruflichen Erfolg entscheidend waren. Dazu betrachtete 
er die in Zünften organisierten städtischen Handwerker, 
ländliches Gewerbe sowie ländliche und städtische Kaufleute. 
Dabei stellte er fest, dass die Bedeutung von Familie in diesen 
Branchen sehr unterschiedlich war.So spielte z. B. das 
Verwandtschaftsnetz für Kaufmannsfamilien eine enorme Rolle für 
den wirtschaftlichen Erfolg, wie etwa an den angelegten 
Familienarchiven und der Aufstellung von Genealogien sichtbar 
wird.

Dr. Hermann Metzke (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Genealogischer 
Verbände, Jena) wandte sich in seinem Vortrag seinem Thema 
"Genealogie und Berufsgeschichte - Verwandtschaftskreise und 
soziale Netze in der vorindustriellen Gesellschaft" dieser 
Frage aus Sicht des Genetikers und Genealogen zu. Er gewährte 
Einblicke in seine Detailstudie zu Verwandtschafts- und 
Berufsfolgen einzelner Familien insbesondere für den heutigen 
Raum Thüringen und Sachsen. Sein Befund wies dabei einerseits 
häufige Tradierungen von Berufen männlicherseits, aber auch 
immer wieder Brüche auf, die mithilfe der traditionellen 
genealogischen Ansätze kaum systematisch erklärt werden können.

Metzke kritisierte in diesem Zusammenhang, dass in der 
Genealogie meist nur patrilinear geforscht würde, obwohl die 
Betrachtung der mütterlichen Linie weitere Erklärungen für 
Arbeits- und Berufsbiografien liefern würde. Auch ist 
grundsätzlich zu fragen, ob die gerade Linie immer maßgebend 
war, etwa im Vergleich zur oft vernachlässigten Bedeutung der 
Seitenverwandten. Beide Referenten, Gorißen und Metzke, 
betonten, dass zur Erforschung der Arbeitsgeschichte auf jeden 
Fall sowohl die Verwandtschaftsbindungen als auch außerhalb der 
Familie liegende Faktoren einbezogen werden müssten.

Im zweiten Teil der ersten Sektion knüpfte Prof. Dr. Jan 
Lucassen an dieses Desiderat an, indem er unter dem Titel 
"Fünfhundert lippische Ziegler: Lebensläufe und Karriere" 
Arbeitsbiografien von Wanderzieglern vorstellte, die als 
Saisonarbeiter in Holland arbeiteten. Dieses etwa vom 18. bis 
zum 20. Jahrhundert zu beobachtende Phänomen war prägend für 
Lippe. So verließen um 1900 etwa 40% der männlichen 
Erwerbstätigen die ostwestfälische Region. Anhand der im 
Landesarchiv NRW in Detmold aufbewahrten Passlisten und 
Zieglerbotenlisten erforscht er zusammen mit seinem Kollegen 
Piet Lourens bereits seit vielen Jahren die „lippischen 
Wanderziegler“.

Laut Lucassen gebe es "weltweit kein Archiv", in dem eine so 
umfangreiche Überlieferung zur Wanderarbeit aufbewahrt wird. 
Bislang arbeiteten beide Forscher überwiegend quantitativ. In 
seinem Vortrag demonstrierte Lucassen, wie sie nun versuchen, 
Arbeitskarrieren und Lebensläufe der lippischen Wanderarbeiter 
detaillierter herauszuarbeiten.

Dr. Dagmar Kift (LWL-Industriemuseum Dortmund) nahm für ihren 
Beitrag "Großmutter Bergarbeiterfrau - Enkelin Studentin. 
Weibliche Arbeits- und Berufsbiografien im Ruhrgebiet" Frauen 
mehrerer Generationen in den Blick, um insbesondere die starken 
Veränderungen bei weiblichen Arbeitsbiografien im 20. 
Jahrhundert aufzuzeigen und damit ein Stück 
Ruhrgebietsgeschichte zu erhellen. Die Brüche waren in der 
fiktiven, aber exemplarischen Generationenfolge (ohne 
tatsächliche verwandtschaftliche Verbindungen) enorm:

Die "Großmutter“ (geb. 1890) war Bergarbeiterehefrau, "ihre 
jüngere Schwester" Kioskbesitzerin, die "Töchter" mit den 
Jahrgängen 1915 und 1920 erwirtschafteten ihr Einkommen als 
Arbeiterin, dann Werksfürsorgerin sowie als 
Pestalozzidorfmutter und Heimleiterehefrau. Die "dritte 
Tochter" (geb. 1930) arbeitete als Medizinisch Technische 
Assistentin, und die "Schwiegertochter" (geb. 1931) als 
Näherin. Die 1949 geborene "Enkelin" hatte erstmals die 
Möglichkeit zu studieren. Die etwa gleichaltrige 
Pendelmigrantin repräsentierte aktuelle Formen der Wanderarbeit,
 wie sie heute von Ost- nach Westeuropa führt.

In der zweiten Sektion "'’Zeugen' der Geschichte von Arbeit und 
Beruf: behördliche Überlieferung, archivische und museale 
Materialien", moderiert und eingeführt von Dr. Christian 
Reinicke (Landesarchiv NRW, Detmold), richtete sich der Blick 
auf die möglichen Quellen zur Erforschung von 
Arbeitsgeschichte. Dafür wurden zwei unterschiedliche Bereiche 
gewählt: Erstens die Überlieferung der Arbeitsgerichte, deren 
Schriftgut von dem jeweils zuständigen staatlichen Archiv in 
Auswahl übernommen wird, und zweitens museale Quellen.

Bereits im Vorgriff auf den letzten Tagungsteil zeigten 
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesarchivs in Detmold 
(Dr. Wolfgang Bender, Karin Eickmeier, Gabriele Hamann, Ulrike 
Hammes und Dr. Hermann Niebuhr) bei Führungen durch das Archiv 
Unterlagen aus dem Personenstandsarchiv, der 
Justizüberlieferung, zur Geschichte der Ziegler und der 
Landwirtschaft in Lippe sowie Personen- und Firmennachlässe.

Reinhard Wolf (ehemaliger Direktor des Arbeitsgerichts in 
Detmold) gewährte mit seinem Vortrag "Arbeit und 
Arbeitsbedingungen im Spiegel der Arbeitsgerichtsüberlieferung" 
einen Einblick in die Aufgaben der Arbeitsgerichte, die zwar 
immer nur die Streitfälle des Arbeitslebens in den Blick nehmen,
 trotzdem jedoch, wie Wolf beispielhaft demonstrierte, 
regional- und zeittypische Phänomene widerspiegeln. So könnte 
etwa der Niedergang der ostwestfälischen Möbelindustrie oder 
die Umschulung vieler Arbeiter auch aus dem Ruhrgebiet für den 
erstarkten Gesundheitssektor anhand von Akten der 
Arbeitsgerichtsbarkeit nachvollzogen werden.

Dr. Elisabeth von Dücker (ehem. Museum der Arbeit, Hamburg) 
präsentierte in ihrem Beitrag "Arbeitsorten auf der Spur mit 
musealen Quellen: Männerarbeit und Frauenarbeit am Beispiel der 
Hamburger Fischindustrie", mit welchen Quellen ein Museum 
arbeitet. Der mit zahlreichen Bildern angereicherte Beitrag 
verdeutlichte nicht nur, wie Quellen gesichert wurden, wie etwa 
der Räucherofen der Fischerei Steffens & Mewes, sondern auch 
wie Zeugnisse, wie Fotos und Interviews, bei der Erforschung 
von Arbeitsbedingungen in der Fischindustrie erst entstanden. 
Von Dücker zeigte am eindrücklichen Beispiel dieser 
stigmatisierten Branche (" ...ohne Not geht niemand zu den 
Fischen...") die Differenzierung von Frauen- und 
Männerarbeitsplätzen und -bedingungen. Die Referentin schlug 
damit einen Bogen zum Eingangsvortrag und bestätigte die 
Leitthesen von Julia Paulus.

Parallel zu der Veranstaltung wurde - und wird noch bis Anfang 
August 2009 - eine Ausstellung der Teilnehmerinnen und 
Teilnehmer des Studiengangs "Studieren im Alter" an der 
Universität Münster zum Thema "Verliebt - Verlobt - 
Verheiratet: Wandel der Hochzeit im 20. Jahrhundert" und auch 
der Familienökonomie präsentiert. Die nun im Foyer der 
Detmolder Abteilung des Landesarchivs NRW zu besichtigenden 
Poster sind das Ergebnis eines Seminars und einer Projektarbeit 
unter der Leitung von Dr. Veronika Jüttemann, die mit ihren 
Studierenden an der Tagung teilnahm. Gleichzeitig sind an einem 
besonderen Bildschirm ausgewählte Fotografien aus der 
umfangreichen Bildersammlung des Landesarchivs NRW Abt. 
Ostwestfalen-Lippe zu sehen. Abgerundet wurde das 6. Detmolder 
Sommergespräch erstmals mit einer etwa zweistündigen Führung 
durch das LWL-Freilichtmuseum in Detmold, bei der ebenso die 
Geschichte von "Arbeit" in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Der interdisziplinäre und multiperspektivische Zuschnitt der 
Detmolder Sommergespräche, wie sie von der Unterzeichnerin 
initiiert und konzipiert wurden, war bei der diesjährigen 
Veranstaltung "Arbeit, Beruf und Genealogie im Spiegel 
archivischer und musealer Quellen" besonders fruchtbar, da die 
in der sozial- und kulturhistorischen Forschung erst allmählich 
wieder aufgegriffene Arbeitsgeschichte nicht zuletzt aus Museen 
und Archiven, aber auch von der von Laien betriebenen 
Genealogie Impulse erhält.
  
  
INFO 
  
Weitere Informationen (und der ausführliche Bericht) 
sind zu finden unter:
URL:
http://www.archive.nrw.de/LandesarchivNRW/abteilungOstwestfalenLippe/Service/Genealogie/index.html.

Veranstaltungsdaten: 
6. Detmolder Sommergespräch: Tagungsbericht 
Datum: 24. Juni 2009 
Landesarchiv NRW Abt. OWL 
Willi-Hofmann-Str. 2 
32756 Detmold 
Tel.: 05231/766-0 
Fax: 05231/766-114 
E-Mail: owl at lav.nrw.de 
URL: www.lav.nrw.de 
  
Kontakt: 
Dr. Bettina Joergens 
Landesarchiv NRW Abt. OWL 
s.o.


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