[WestG] [LIT] Winkler, Stephan: Die Stadt Muenster: Ausgrabungen an der Stubengasse (1997-1999)
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Okt 23 10:48:03 CEST 2008
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 23.10.2008, 09:00
LITERATUR
Neues aus der Stadtgeschichte Münsters
Publikation über die Ausgrabungen an der Stubengasse
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat die Ergebnisse
der Ausgrabungen an der Stubengasse veröffentlicht. Die
wissenschaftliche Publikation "Die Stadt Münster. Ausgrabungen
an der Stubengasse 1997-1999" ist in der Reihe "Denkmalpflege
und Forschung in Westfalen" der LWL-Archäologie für Westfalen
erschienen.
Ein in seinen Einzelteilen vergrabenes Haus, eine mit Figuren
verzierte Backform und ein illegitimer Friedhof - das sind nur
einige der Funde, vom Areal des ehemaligen Parkplatzes an der
Stubengasse. Die Archäologen der Denkmalbehörde Münster gruben
sich zwischen 1997 und 1999 bei der bisher größten
innerstädtischen Ausgrabung durch die Stadtgeschichte. In den 13
Kapiteln der nun erschienene Publikation werten die
Wissenschaftler die Funde wie Tongefäße, Spinnwirtel, Kämme,
Tierknochen, Pflanzenreste und die architektonischen Überreste
aus. Ein Katalog und ein Plan der wichtigsten Grabungsbefunde
sowie ein Gesamtplan der historischen Altstadt Münsters runden
das Werk ab.
"Mit dieser Publikation legen wir der interessierten
Öffentlichkeit nicht nur einen Mosaikstein, sondern einen
größeren Bildausschnitt vor, der eine neue Sicht auf den
Stadtraum südlich der Domburg anbietet," freut sich Dr.
Christoph Grünewald, kommissarischer Leiter der LWL-Archäologie
für Westfalen über die gute Zusammenarbeit mit der Stadt
Münster. "Die Ausgrabungen an der Stubengasse haben uns
unerwartete Einblicke in die Stadtgeschichte vom 13. Jahrhundert
bis heute gegeben."
So stießen die Ausgräber in einer knapp ein mal drei Meter
großen Grube auf bereits verzimmerte sorgfältig geschichtete
Eichenbalken. Es gelang ihnen, die ursprüngliche Funktion von 18
Hölzern zu ermitteln. Demnach stammen die 1572 gefällten Balken
von einem massiven Fachwerkbau. Möglicherweise handelte es sich
um ein einstöckiges Wohngebäude oder um das Obergeschoss eines
Flügelbaus. Eine solche Aufstockung beziehungsweise ein
Hinterhaus war in den westfälischen Städten des 16. Jahrhunderts
üblich. Warum jedoch jemand das Holzgerüst auseinandergenommen
und ordentlich vergraben hat, ist auch für die Archäologen ein
Rätsel geblieben.
Eine bei den Holzbalken gefundene Backform, ein sogenanntes
Model, macht diesen Fundkomplex noch ungewöhnlicher. Denn ein
Teil der reich verzierten Form lag unterhalb, ein anderer
oberhalb der Hölzer.
Die Rekonstruktion der Fragmente ergibt eine runde Form mit
einem Durchmesser von elf Zentimetern. Auf dem Model sind fünf
Szenen aus dem Neuen Testament figürlich dargestellt und mit
biblischen Zitaten ergänzt. Sie zeigen unter anderem die
dreimalige Versuchung Jesu durch den Teufel. Neben dem
künstlerischen Aspekt hatte dieses Model auch eine praktische
Funktion: In ihm wurden an Festtagen spezielle Gebäcke,
sogenannte Springerl aus Teig oder Marzipan geformt. In ganz
Westfalen sind nur zwei weitere Model dieser Art bekannt.
In einem eigenen Kapitel beschreiben die Autoren einen bis zu
seiner Ausgrabung nicht bekannten Friedhof. Auf gut 40
Quadratmetern waren hier dicht aneinandergereiht 50 Tote in fünf
Schichten begraben. An einem der Körper hatten Mediziner
anatomische Untersuchungen vorgenommen. Der Schädel des 35 bis
55 Jahre alten Mannes war geöffnet, eine abgetrennte
Schädeldecke einer anderen Leiche lag im linken Brustbereich des
Skeletts. Der Fund, den die Wissenschaftler in das zweite
Drittel des 18. Jahrhunderts datieren, war deswegen so
außergewöhnlich, weil nach 1776 innerhalb der Stadt nicht mehr
bestattet werden durfte. Der Friedhof lag an einer von außen
schlecht einsehbaren Ecke und war auch schriftlich nicht
überliefert.
INFO
Stephan Winkler, Die Stadt Münster: Ausgrabungen an der
Stubengasse (1997-1999), mit Beiträgen von Mathias Austermann,
Peter Barthold, Aurelia Dickers, Monika Doll, Holger Jakobi,
Karl-Heinz Kirchhoff, Alfred Pohlmann, Mechthild Siekmann, Bernd
Thier, Ralf Urz.
Denkmalpflege und Forschung in Westfalen 41.1 (Mainz 2008).
308 Seiten mit 153 Abbildungen und 2 Beilagen.
ISBN 978-3-8053-3912-4. 29 Euro.