[WestG] [AKT] Der Weg von Schlesien nach Westfalen im Jahre 1946, Vreden, 20.11.2008

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Nov 11 11:38:36 CET 2008


Von: "Thomas Ridder" <ridder at jmw-dorsten.de>
Datum: 10.11.2008, 12:20 


AKTUELL

Die Gesellschaft für historische Landeskunde lädt in 
Zusammenarbeit mit dem Heimatverein Epe e.V. herzlich zum 
nächsten Termin am Donnerstag, 20. November, nach Gronau-Epe in 
den Pfarrhof ein. Es spricht Dr. Manfred Wolf zum Thema "Das 
Projekt Swallow. Der Weg von Schlesien nach Westfalen im Jahre 
1946". Zuvor wird um 19:00 Uhr der Förderpreis der Gesellschaft 
für "Nachwuchsforscher" an die diesjährigen Preisträger 
verliehen.

"Die deutschen Einwohner in unserem Dorf wurden in den frühen 
Morgenstunden des 18. März 1946 darüber informiert, dass sie 
sich innerhalb von zwei Stunden mit ihrem Gepäck im Gasthaus des 
Ortes einzufinden hätten. Der polnische Bürgermeister hatte dort 
die größte Amtshandlung seines Lebens durchzuführen. 
Rückendeckung gaben ihm einige Milizionäre, die aber sonst nicht 
in Erscheinung traten. Es gab kein lautes Wehklagen, keine 
Proteste, keine Schimpferei.

In jedem Haus musste im Hausflur eine Liste der Hausgenossen 
ausgehängt werden; so war es für den Bürgermeister wohl nicht 
schwer, eine Liste der Dorfbewohner zu erstellen. Pferd und 
Wagen standen zum Transport des Gepäcks bereit. Die Dorfbewohner 
hatten den Weg von etwa 10 km zum Sammelpunkt 
Mittelwalde/Miedzylesie zu Fuß zurückzulegen. Die polnische 
Bevölkerung blieb beim Auszug der Deutschen im Hintergrund. Es 
gab keine offenen Bekundungen des Mitgefühls, aber auch nicht 
der Schadenfreude. [...]

Die Fahrt durch die sowjetische Zone verlief bei unserem 
Transport ohne Zwischenfälle mit Ausnahme ihres Endes. [...] Die 
Russen verzichteten nicht auf eine letzte Kontrolle. So wurde 
auch bei unserem Waggon die Waggontür aufgezogen, ein russischer 
Soldat leuchtete mit einer Taschenlampe über die im Dunkel 
befindlichen Insassen, verschwand aber zu aller Erleichterung 
wieder. Unerwartet setzte sich der Zug dann ohne Signal wieder 
in Bewegung. Er fuhr an den am Rande des Bahndamms stehenden 
unglücklichen Insassen von Waggon Nr. 4 vorbei. Obwohl sie 
jämmerlich schrieen, konnte niemand etwas für sie tun. 
Anscheinend waren nicht alle Russen mit der Weiterfahrt des 
Zuges einverstanden, und sie schossen mit ihren 
Maschinenpistolen wie wild in die Luft.

Am Nachmittag des 21. März 1946 wurde für den Weitertransport in 
Alversdorf ein neuer Zug bereitgestellt. Er bestand zur Hälfte 
aus Personenwaggons, zur Hälfte aus Güterwagen. Erstere waren 
sehr schnell besetzt. Der Zug fuhr die gesamte Nacht über 
Hannover, Minden, Osnabrück und Rheine. In Maria Veen traf er am 
frühen Morgen ein. Es war der 22. März, der Todestag des 
Kardinals von Galen. Der erste Eindruck vom Münsterland war 
nicht sehr einladend. Es war nasskalt. Es trug nicht zum 
Wohlbefinden bei, dass die Ankömmlinge zum großen Teil aus dem 
Schlaf aufgeschreckt worden waren. Sie hatten sich zu Fuß zum 
etwa 1 km entfernten Gebäude der Arbeiterkolonie zu begeben. Es 
war ein im preußischen Baustil der Jahrhundertwende erbautes 
Gebäude aus rotem Backstein mit der anheimelnden Atmosphäre 
einer Kaserne.

Am Sonntag, dem 24. März 1946, wurde gegen Mittag unsere Gruppe 
ohne vorherige Ankündigung aufgefordert, sich mit Gepäck wieder 
zum Bahnhof in Maria Veen zu begeben. Dort stand eine Lokomotive 
mit zwei Güterwagen bereit. Diese waren gerade ausreichend zum 
Transport unserer Dorfgemeinschaft, die trotz des Durchlaufens 
von drei Lagern nicht getrennt worden war. Dies war kein Zufall, 
sondern offensichtlich Prinzip bei der Aufteilung der 
Vertriebenen, und galt auch für die Angehörigen anderer Dörfer.

So erhielt jedes Dorf der Aufnahmegemeinden zu einem gewissen 
Prozentsatz den Kern der Einwohner eines früheren ostdeutschen 
Dorfes. Für die Vertriebenen war dieses Zusammenbleiben 
zweifelsohne hilfreich für die ersten Jahre in ihrer neuen 
Heimat. In der Schule erschien dann bald der Bürgermeister mit 
seinem Vertreter. In der Hand hielt er die Liste, auf der 
verzeichnet war, welchem Bauern die Aufnahme von "Flüchtlingen" 
zuzumuten war bzw. wer dazu bereit war. Man kann sich leicht 
vorstellen, dass niemand über eine solche Einquartierung erfreut 
war. Doch nur einer der vorgesehenen Gastgeber sperrte sich 
gegen die Aufnahme von Flüchtlingen."

So haben nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen ihre 
alte Heimat verloren und ihre neue gefunden. Wie es dazu kam und 
wie es im einzelnen ablief, erzählt in seinem Vortrag der 
Historiker und Zeitzeuge Dr. Manfred Wolf.

Der Vortrag findet im Pfarrhof St. Agatha, Gronau-Epe, 
Agathastr. 36, in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein Epe e.V. 
statt. Beginn ist um 19:30 Uhr.

Vor dem Vortrag, ab 19:00 Uhr, verleiht die Gesellschaft für 
historische Landeskunde zum dritten Mal ihren Preis für 
"Nachwuchsforscher" an Schüler und Schülerinnen. Den ersten 
Preis erhält Robin Hermes vom Kopernikus-Gymnasium Rheine für 
seine Arbeit "Tradition und Propaganda. Kindheit und Jugend 
zwischen Schule, Kirche und Nationalsozialismus in Dreierwalde". 
Der zweite Preis geht an Franka Vehlken vom Gymnasium Remigianum 
in Borken, einen Sonderpreis erhalten vier ehemalige 
Schülerinnen der Overberg-Hauptschule in Reken.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist 
frei.


INFO

Veranstaltungsdaten:
Das Projekt Swallow. 
Der Weg von Schlesien nach Westfalen im Jahre 1946.
Datum: 20. November 2008, 19:00 Uhr
Gesellschaft für historische Landeskunde des westlichen 
Münsterlandes e.V.
p/a Landeskundliches Institut Westmünsterland
Gasthausstraße 15
48691 Vreden
Tel.: 02564-391820 (donnerstags 14:00 - 18:00 Uhr)
E-Mail: info at ghl-westmuensterland.de 
URL: www.ghl-westmuensterland.de 

Kontakt:
Thomas Ridder M.A.
Tel.: 02362-951431