[WestG] [LIT] Perrefort, Maria: Links liegengelassen: Das rote Herringen
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Aug 5 11:26:18 CEST 2008
Von: "Maria Perrefort" <Perrefort at Stadt.Hamm.de>
Datum: 25.07.2008, 12:57
LITERATUR
Links liegengelassen:
Kommunisten in Herringen
"Oma war gar keine Kommunistin im Sinne von sowjetischem
Kommunismus. Sie war eine volksnahe Frau. Ihr ging es um
Hilfeleistungen, Besorgungen und soziales Engagement! Und
schließlich wagte sie zu sagen, was sich sonst kaum jemand
traute."So charakterisierte Wolfgang Gand seine Großmutter,
die rührige Kommunistin Karoline Gand. Die Kritik an den
sozialen Verhältnissen, die den Menschen in den 1920er und
1930er Jahren zweifellos vieles abverlangten, das war der Kern
des hiesigen Kommunismus.
Das bestätigt auch eine Zeitzeugin, Tochter des Herringer
Zechenarbeiters Andreas Schillack: "Aus Armut geboren war Vaters
politische Arbeit". Und Willi Berlitz sagt über seinen
gleichnamigen Vater: "Er hatte ein ausgesprochen starkes
Gerechtigkeitsgefühl und war immer bereit, dafür einzutreten.
"Wie Karoline Gand, Andreas Schillack und Willi Berlitz gab es
viele andere Frauen und Männer in Herringen, die sich für Brot
und Arbeit all derer stark machten, die erwerbslos oder durch
die miserablen Arbeitsbedingungen in Not gestürzt worden waren.
Zu Fürsprechern der Zechenbelegschaft und sozial Benachteiligter
machten sich in Herringen die roten Gemeindevertreter und
-vertreterinnen: Die KPD konnte hier dank der großen
Unterstützung ihrer Anhängerschaft über etliche Jahre hinweg
sogar die Mehrheit im Gemeindeparlament für sich verbuchen. Mehr
noch: Bei der Reichstagswahl 1928 erhielt die kommunistische
Partei in Herringen sage und schreibe 64 % aller Wählerstimmen.
In der Tat ein bemerkenswertes Ergebnis, wenn dass zwei Drittel
der in Herringen lebenden Menschen in den 1920er Jahren den
Kommunisten ihr Vertrauen aussprachen.
Mut und eine schier unglaubliche Durchhaltekraft und
Einsatzbereitschaft bewiesen die kommunistischen Frauen und
Männer aus Herringen vor allem in der Zeit der gnadenlosen
Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Kaum den Gefängnissen
und Konzentrationslagern wieder entronnen, machten sie sich
erneut an die politische Arbeit gegen das verbrecherische
Hitler-Regime. Dabei schwebten sie und ihre Familien immer in
Gefahr, handelten meist ohne Rücksicht auf irgendwelche
persönlichen Verluste.
Und diese persönlichen Nachteile hatten die widerständigen
Frauen und Männer ständig zu gewärtigen: Entlassungen,
Inhaftierungen, Schläge, Folter und selbst Ermordung. Auch nach
dem Zweiten Weltkrieg, in einer Situation, in der die
Kommunisten wegen des kontinuierlichen antifaschistischen
Engagements gewissermaßen als moralische Sieger hätten dastehen
können, begegnete ihnen die Öffentlichkeit keineswegs mit
ungeteilter Sympathie. Wie gering die Anerkennung ausfiel, das
wird beispielsweise an den Erfahrungen von Maria Schillack, der
Ehefrau des hingerichteten KPD-Mannes Andreas Schillack,
deutlich: Sogar auf öffentlichen Ämtern musste sie sich den
Vorwurf anhören: "Ihr Mann war ein Vaterlandsverräter".
Nach 1945 waren die Parteistrukturen der KPD aufgerieben, viele
Parteimitglieder verarmt, durch menschenunwürdige
Haftbedingungen chronisch krank, manche ermordet. Doch damit
nicht genug: Es drängt sich der Eindruck auf, als hätten die
Nationalsozialisten mit ihrer Kommunistenhetze und den
Vernichtungsversuchen am Ende gar Erfolg gehabt: Die Geschichte
der KPD in Herringen war beinahe gänzlich vergessen. Fast
ausschließlich bewiesen die vom Antikommunismus der 1950er und
1960er Jahre geprägten Horrorvorstellungen von orthodoxen
Stalinisten ihre Wirkmächtigkeit in der Überlieferung.
Zwar ist es in der einschlägigen Literatur zur Hammer
Stadtgeschichte nicht unbekannt, dass es gerade in den
Zechenorten lebhafte kommunistische Vereinigungen gegeben hatte,
doch ist weit mehr darüber zu erzählen, als bislang geschah.
Insbesondere für Herringen lassen die ortsgeschichtlichen
Darstellungen einiges offen. Der folgende Text gibt einen
Überblick über die Entwicklung der kommunistischen Bewegung in
Herringen, über die einzelnen Gliederungen der Partei, über die
Gemeindevertreter, über Widerstand und Verfolgung in der Zeit
des Nationalsozialismus, über die Rolle der Justiz und die
Probleme der Wiedergutmachung.
Porträts politisch aktiver Kommunisten erlauben in einer
biografischen Perspektive Einblick in den Widerstand, in die
politische Justiz des Nationalsozialismus und den
Antikommunismus der frühen Bundesrepublik. Aus dem Zeitraum von
der Gründung der Partei 1919 bis etwa zur Zeit ihres zweiten
Verbots im Jahr 1956 werden dabei zahlreiche Archivmaterialien
und Aktentexte mit einer dichten Fülle von Namen und Fakten
wiedergegeben. Der Text bleibt häufig sehr nah an den Quellen,
damit die zeittypische Atmosphäre fassbar wird.
Sie stammen weitgehend aus der Überlieferung der Polizei, der
Gestapo, des Gerichts, also der verfolgenden und überwachenden
Behörden und bieten eine entsprechend einseitige Perspektive.
Selbstdarstellungen der Kommunisten und Kommunistinnen aus
Herringen - oder auch aus Hamm - sind recht selten, meist
stammen sie aus den Entschädigungsakten. Auch wenn hier und da
lose Enden bleiben müssen: "Links liegengelassen: Das rote
Herringen" erzählt die spannende Geschichte der kommunistischen
Frauen und Männer der Bergbaugemeinde im Kampf gegen Not und
Faschismus.
INFO
Das Buch kostet: 14.90EUR im Buchhandel, ist in Hamm auch
im Stadtarchiv und im Gustav-Lübcke-Museum zu erwerben.
Dr. Maria Perrefort
Stadt- und Regionalgeschichte
Gustav-Lübcke-Museum
Neue Bahnhofstraße 9
59065 Hamm
Tel.: 02381/175705