[WestG] [AKT] LWL-Chefarchaeologin geht in den Ruhestand. Eine Frau graebt sich durch Westfalen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Aug 4 11:05:19 CEST 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 29.07.2008, 09:23


AKTUELL

LWL-Chefarchäologin geht in den Ruhestand 
Eine Frau gräbt sich durch Westfalen

Dr. Gabriele Isenberg, die Chefarchäologin des 
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) geht in den 
Ruhestand. Kaum eine Kirche, kaum ein mittelalterliches 
Stadtzentrum, kaum ein Kloster in Westfalen, das sie nicht 
untersucht hat - die 65jährige Direktorin der LWL-Archäologie 
für Westfalen hat sich in den vergangenen 34 Jahren durch 
Westfalen gegraben.

Die Leiterin eines Hauses mit 90 Mitarbeitern kam erst spät und 
auf Umwegen zur Archäologie. Studiert hatte sie zunächst 
Geschichte, Kunstgeschichte und Deutsch, geliebäugelt auch mit 
dem Theater. Schon vor ihrem Studienaufenthalt in England 
erhielt die in Hattingen aufgewachsene Westfälin Ende der 60er 
Jahre die Möglichkeit, an Ausgrabungen in Winchester 
teilzunehmen. Damit war sie "infiziert" von der Archäologie, wie 
die Arzttochter selbst sagt. Von den Engländern, damals führend 
im Ausgrabungswesen, lernte sie alle Techniken und Methoden im 
Umgang mit "Kulturgütern im Boden": vom Vermessen des Geländes 
über das Freilegen von Mauern und Scherben bis zum Zeichnen und 
das Wichtigste, die Interpretation der Funde, also sie zum 
Sprechen zu bringen.

Vom Mindener Stadtkern bis zum Haus Herbede in Witten 
(Ennepe-Ruhr-Kreis), vom Heidenturm in Ibbenbüren (Kreis 
Steinfurt) bis zur Vituskirche in Hilchenbach (Kreis 
Siegen-Wittgenstein) hat die Mittelalter-Expertin seit 1974 
hunderte archäologische Untersuchungen geleitet, von der 
kurzzeitigen Baustellenbeobachtung bis zur mehrjährigen 
Großgrabung.

"Daneben hat Gabriele Isenberg in den elf Jahren als Direktorin 
die umfassenden räumlichen Veränderungen der LWL-Archäologie für 
Westfalen maßgeblich mitgestaltet, nämlich den Neubau des 
LWL-Museums für Archäologie in Herne und den Umzug der Zentrale 
der LWL-Archäologie für Westfalen innerhalb Münsters. Und 
immerhin ist sie als erste und bislang einzige Frau in die 
Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen 
Instituts berufen worden," würdigte LWL-Direktor Dr. Wolfgang 
Kirsch die Verdienste der scheidenden Direktorin.

Standorte in Münster und Herne 
1997 wurde Isenberg Direktorin der LWL-Archäologie für 
Westfalen. Seitdem versteht sie sich in besonderer Weise als 
Anwältin für die Zeugen der Vergangenheit im Boden, können diese 
laut Isenberg doch "in hervorragender Weise neue 
Geschichtsarchive erschließen und die schriftliche Überlieferung 
ergänzen und sogar korrigieren".

In den vergangenen Jahren hat Dr. Gabriele Isenberg Umzüge der 
LWL-Archäologie für Westfalen vorangetrieben. Nachdem das 
LWL-Archäologiemuseum 2003 nach Herne gezogen war, ziehen im 
Oktober 2008 die verbliebenen Teile der LWL-Archäologie für 
Westfalen, darunter die Direktion, die Verwaltung und die 
Bibliothek, aus Münsters Innenstadt in die sogenannte 
Speicherstadt nach Münster-Coerde. Die Aufgabe des Standortes in 
der Innenstadt Münsters an der Rothenburg war im Zuge des Aus- 
und Umbaus des LWL-Museums für Kunst- und Kulturgeschichte 
erforderlich geworden.

Die Standortverlagerung des LWL-Archäologiemuseums von Münster 
nach Herne habe sie "als Chance begriffen", sagt sie. Das in 
Herne 2003 eröffnete Landesmuseum zeigt mit rund 10.000 Funden 
die Geschichte der Menschen in der Region von der Steinzeit bis 
heute. Es feierte im März 2008 seinen fünften Geburtstag und zog 
bisher mehr als 400.000 Besucher an.

Hintergrund 
Als Mittelalter-Expertin und seit 1981 Leiterin der 
LWL-Mittelalterarchäologie lagen Isenbergs Schwerpunkte vor 
allem in Kirchen, Stadtkernen und Klöstern, aber auch in einigen 
Burgen. Bei ihrer Ausgrabung 1974 in Minden wurde zum ersten Mal 
in Westfalen ein mittelalterlicher Stadtkern großflächig und in 
den natürlichen Schichten untersucht. Fünf Jahre dauerten die 
Ausgrabungen des LWL, in deren Verlauf die Geschichte der Stadt 
in wesentlichen Zügen erhellt wurde, was eine eigene große 
Wanderausstellung wert war.

Während Ihrer Direktionszeit hat die Archäologin die Einrichtung 
von Stadtarchäologien in den Städten mit einer komplizierter 
Entwicklung gefördert, z.B. in Soest und Dortmund, und die 
Zusammenarbeit der LWL-Archäologie mit dem 
Naturwissenschaftlichen Verein für Westfalen in Form von 
Tagungen und Publikationen vorangetrieben. Außerdem bildete sie 
Nachwuchswissenschaftler in der Mittelalter- und 
Neuzeitarchäologie aus. Denn obwohl 50 Prozent aller 
Ausgrabungen diese Epochen betreffen, gibt es für dieses Fach 
nur zwei Lehrstühle in ganz Deutschland. Um das Defizit 
auszugleichen entwickelte Isenberg ein methodischstrategisches 
Konzept für die Mittelalter- und Neuzeitarchäologie, 
insbesondere für die Archäologie des 20. Jahrhunderts und die 
KZ-Archäologie.

Ausgrabungen 
Großes Interesse bei der Bevölkerung erregten die 
Untersuchungen in der Kirche der Heiligen Ida (am 26. November 
980 heilig gesprochen) in Lippetal-Herzfeld (Kreis Soest) von 
1975 bis 1976. Die Archäologen interessierten sich besonders für 
den Bau, denn die erste Kirche gehörte zu den frühesten 
Steinkirchen Westfalens im 9. Jahrhundert. Für Aufsehen sorgte 
besonders ein leerer Steinsarkophag und die dazugehörige Grube. 
Es handelte sich um die ursprüngliche Ruhestätte der Ida, bevor 
ihre Gebeine unter den Altar umgebettet wurden. Das Ensemble mit 
den Spuren der ersten Kirche sind nun in der Krypta zu sehen.

Bei Höxter-Corvey (Kreis Höxter) legten die 
Mittelalter-Archäologen unter Leitung von Isenberg von 1975 bis 
1980 das Kloster Tom Roden frei. Die Propstei, im 12. 
Jahrhundert gegründet und im 16. Jahrhundert aufgegeben, war nie 
überbaut worden. Deshalb gelang es, den vollständigen Grundriss 
einer mittelalterlichen Klosteranlage zu erhalten. Außerdem 
lernten die Archäologen das ausgeklügelte System der 
Wasserversorgung sowie verschiedene Typen von Heizungsanlagen 
kennen. Mit dem Nachweis dieser technischen Einbauten 
veränderten die Archäologen das Bild vom rückständigen "dunklen 
Mittelalter. Das Kloster, nur 800 Meter von der Reichsabtei 
Corvey entfernt gelegen, ist in Teilen wieder aufgemauert und 
der Öffentlichkeit zugänglich.

Auf dem Kohlbrink-Gelände in Soest erforschte Gabriele Isenberg 
von 1981 bis 1982 ein mittelalterliches Sälzerquartier. Hier 
hatte man spätestens seit dem 6. Jahrhundert Salz hergestellt. 
Mehr als 100 auf einem Teilstück ausgegrabene Öfen verdeutlichen,
dass die Kapazität der gesamten Gewerbeanlage sehr hoch gewesen 
ist. Die Soester Sälzer haben somit auch den überregionalen 
Markt bedient.

Unter den Burgen ist besonders Haus Witten in Witten-Herbede 
(Ennepe-Ruhr-Kreis) zu nennen. Von 1985 bis 1991 untersuchten 
Isenberg und ihre Kollegen der LWL-Archäologie für Westfalen die 
Wasserburg aus dem 13./14. Jahrhundert komplett. Die 
bedeutendsten Funde machte das Team im Brandschutt eines 
Verlieses: Brustpanzer, Arm- und Beinschienen und andere Teile 
von Turnierrüstungen waren vollständig erhalten. Sie sind seit 
nun ein Schmuckstück im LWL-Museum für Archäologie, dem 
westfälischen Landesmuseum in Herne.

Auch in Münster selbst hat die promovierte Historikerin eine 
große Untersuchung geleitet. Im Stadtzentrum waren Ausgrabungen 
von 1986 bis 1989 nötig, bevor hier die Stadtbibliothek in ihren 
Neubau einzog. Die dreijährigen Untersuchungen legten die 
älteste Besiedlung Münsters außerhalb der Domburg frei. Seit dem 
10./11. Jahrhundert hatten hier Wohnhäuser, Speicherbauten und 
Keller gestanden. Die Entwicklung konnten die Forscher bis hin 
zur Kaufmannsbebauung verfolgen, die sich im 18. Jahrhundert auf 
den Alten Steinweg ausrichtete.

Die letzte große Grabung (Isenberg: "Eine meiner 
Lieblingsgrabungen") liegt inzwischen 15 Jahre zurück: St. Peter 
und Paul in Marsberg-Obermarsberg (Hochsauerlandkreis) in den 
Jahren 1991, 1992 und 1994. Hier konnte sie nachweisen, dass die 
Kirche aus dem 13. Jahrhundert tatsächlich auf den Fundamenten 
der Peterskirche steht, die Karl der Große 785 in der ehemaligen 
Sachsenfestung Eresburg errichten ließ.