[WestG] [AKT] Roemerschiff im Praxistest: Forscher schließen Wissensluecken in der roemischen Schiffsarchaeologie

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Apr 21 10:46:05 CEST 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 18.04.2008, 11:43


AKTUELL

Römerschiff im Praxistest:
Forscher schließen Wissenslücken in der römischen 
Schiffsarchäologie

In einem Experiment auf dem Ratzeburger See bei Hamburg testen 
Wissenschaftler zur Zeit ein in Originalgröße rekonstruiertes 
Römerschiff. Der Nachbau ist Teil des Ausstellungsprojekts 
"Imperium Konflikt Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht", das im 
kommenden Jahr die Varusschlacht (auch bekannt als Schlacht im 
Teutoburger Wald) auf verschiedene Weise thematisiert.

Wie die römischen Kriegsschiffe aussahen, die das Imperium 
Romanum vor 2000 Jahren während seiner Eroberungen befehligte, 
wissen Forscher längst. Bauweisen und -materialien sind 
ebenfalls bekannt. Welche Geschwindigkeiten solche Schiffe 
erreichten und welche Fahreigenschaften sie auszeichneten, 
wollen die Forscher in Ratzeburg herausfinden.

Dazu steuern sie das rekonstruierte Kriegsschiff über das 
Gewässer nahe der Hansestädte Hamburg und Lübeck. An dem Nachbau 
des 16 Meter langen und fast drei Meter breiten Schiffes 
arbeiteten zwei Bootsbauer, drei Lehrlinge und 17 Studierende 
über ein Jahr. Als Vorlage für den Bau dienten den 
Konstrukteuren zwei römische Schiffwracks. Sie wurden im Jahr 
1986 in der Nähe des Legionslagers bei Oberstimm unweit von 
Ingolstadt entdeckt und 1994 geborgen.

Startschuss für die Tests "Jetzt ist die Zeit des Wartens 
vorbei. Wir können endlich loslegen", freute sich Prof. Dr. 
Christoph Schäfer vom Institut für Alte Geschichte der 
Universität Hamburg vor dem Beginn der Testfahrten Mitte April. 
Schäfer leitete die Gruppe von Geschichtswissenschaftlern, die 
gemeinsam mit der Werft Jugend in Arbeit e. V. Hamburg-Harburg 
das vier Tonnen schwere Holzschiff bauten. Auch die Testfahrten 
stehen unter dem Kommando des erfahrenen Seglers, der schon am 
Nachbau eines spätantiken Kriegsschiffes in Regensburg beteiligt 
war.

Im Rahmen des archäologischen Experiments wollen Schäfer und 
sein Team ermitteln, wie leistungsstark und manövrierfähig das 
Römerschiff ist. Die zweiwöchigen Tests sollen zu Auskünften 
über Geschwindigkeiten und Beschleunigungsverhalten führen. "Aus 
den ermittelten Geschwindigkeiten können wir schließen, welche 
Strecken solche Schiffe vor 2000 Jahren pro Tag zurücklegen 
konnten", so Schäfer. Die Manövrierfähigkeit des Wasserfahrzeugs 
werde sowohl unter Einsatz der 20 Ruderer als auch unter Segel 
erprobt: "Wir wollen wissen, wie hoch man mit dem Schiff an den 
Wind gehen kann."

Mittels einer ursprünglich für den America's Cup entwickelten 
Messeinheit dokumentieren die Forscher die Segeleigenschaften 
des Römerschiffes. Außerdem wollen die Historiker und 
Archäologen herausfinden, wie lang es dauert, eine Crew für ein 
solches Ruderschiff seetauglich zu machen. Von den Antworten auf 
ihre Fragen erwartet das Team von Wissenschaftlern neue 
Erkenntnisse über die Etablierung der römischen Herrschaft auf 
germanischem Boden.

Schiffstaufe am 30. Mai in Hamburg Nach Abschluss der 
Testfahrten rudert die Crew das Römerschiff Mitte Mai in 
Richtung Lübeck. Von dort aus fährt die Mannschaft über den 
Elbe-Lübeck-Kanal ins 40 Kilometer südlich von Ratzeburg 
gelegene Lauenburg und dann über die Elbe zur Harburger Werft. 
In Hamburg findet am 30. Mai die Taufe statt. Bislang fuhr das 
Schiff unter dem Arbeitstitel "Oberstimm I". Unter neuem Namen 
setzt es im Frühsommer das Segel.

"Mit der Fertigstellung des frühkaiserlichen Schiffstypus 
konnten wir eine Lücke in der experimentellen Schiffsarchäologie 
schließen", sagt Dr. Rudolf Aßkamp, Projektleiter und Chef des 
LWL-Römermuseums im westfälischen Haltern am See. Nach Abschluss 
der wissenschaftlichen Untersuchungen soll das Schiff der 
Öffentlichkeit zugänglich werden. Im Sommer und Herbst steuert 
es deshalb verschiedene Städte in Deutschland sowie im 
europäischen Ausland an und bietet dort Archäologie zum 
Anfassen. Zugleich ist das Römerschiff der Botschafter für ein 
besonderes Ausstellungsprojekt: "IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS. 2000 
Jahre Varusschlacht".

Kooperationsprojekt erinnert 2009 an Varusschlacht Drei Museen 
an Originalschauplätzen in Haltern, im niedersächsischen 
Kalkriese und im ostwestfälischen Detmold beleuchten unter 
diesem Titel ab Mai kommenden Jahres unterschiedliche Facetten 
des historischen Ereignisses im Jahr 9 nach Christus. Damals 
wurden der römische Feldherr Varus und seine drei Legionen in 
der "Schlacht im Teutoburger Wald" von germanischen Kriegern 
vernichtend geschlagen. Partner des Großprojekts sind der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), die Varusschlacht im 
Osnabrücker Land GmbH - Museum und Park Kalkriese, der 
Landesverband Lippe sowie der Kreis Lippe.

Schiff geht auf Reise Das Römerschiff geht auf seiner Reise zum 
Beispiel im münsterländischen Rheine (11.-13.7.), in Nijmwegen 
(22.-24.8.) und in Bonn (29.8.-31.8.) vor Anker. Als weitere 
Stationen sind unter anderem Magdeburg, Mainz, Ingolstadt und 
Hannover geplant. Die Termine werden zur Schiffstaufe am 30. Mai 
in Hamburg bekannt gegeben.

Die Kooperationspartner des Ausstellungsprojektes IMPERIUM 
KONFLIKT MYTHOS. 2000 Jahre Varusschlacht, die Universität 
Hamburg sowie die Werft Jugend in Arbeit e.V. haben das über 
200.000 Euro teure Schiffsprojekt finanziert. Durch die 
Zusammenarbeit mit der Werft Jugend in Arbeit e.V., die 
arbeitslose Jugendliche ausbildet, leistet das Projekt einen 
Beitrag zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit.


INFO

URL: www.imperium-konflikt-mythos.de