[WestG] [KONF] Tagungsbericht zum 4. Detmolder Sommergespraech am 08.08.2007
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Sep 4 11:01:04 CEST 2007
Von: "Bettina Joergens" <bettina.joergens at lav.nrw.de>
Datum: 31.08.2007, 15:44
TAGUNGSBERICHT
Tagungsbericht zum 4. Detmolder Sommergespräch
im Staats- und Personenstandsarchiv Detmold am 8. August 2007
Genealogie für die Ewigkeit?
Familienforschung, Geschichtswissenschaft und Archive
gemeinsam im digitalen Zeitalter
Die Detmolder Sommergespräche haben sich in den vergangenen
Jahren als ein Diskussions- und Begegnungsforum für
Familienforscher, Wissenschaftler und Archivare etabliert. Gut
100 Teilnehmer, Familienforscher, Genealogen, Erbenermittler,
Archivare und Wissenschaftler aus dem gesamten Bundesgebiet
sowie aus der Schweiz und aus den Niederlanden, kamen am 8.
August 2007 zu fruchtbaren Diskussionen zusammen. Im Mittelpunkt
standen dieses Mal mit der Archivfähigkeit und -würdigkeit
genealogischer Sammlungen zwei Kernfragen familienkundlicher
Forschung, denen sich Referenten und Diskussionsteilnehmer auf
ebenso unterschiedlichen wie anregenden Wegen näherten.
Öffentliche Archive profilieren sich gegenüber der
interessierten Öffentlichkeit damit, dass sie private Nachlässe
und Sammlungen übernehmen und aufbewahren. Die
Hinterlassenschaften von Genealogen gehören üblicherweise zu
diesen nichtstaatlichen Archivalien. Auch Wissenschaftler
überlassen ihrer Nachwelt ein meist immenses Datenmaterial oder
Karteien. Die zusammengetragenen Materialien können, sofern sie
öffentlich zugänglich sind, eine Fundgrube für andere
Forscherinnen und Forscher sein. Da die meisten Familienforscher
inzwischen von der Kartei auf die Datenbank, meist auf
Genealogieprogramme, umgestiegen sind, werden zunehmend CDs
oder DVDs mit digitalen Erschließungsdaten zur Aufbewahrung im
Archiv abgegeben.
Für die Archive stellen sich angesichts des Angebots
genealogischer Arbeitsergebnisse zwei wesentliche Fragen:
Erstens muss geprüft werden, inwiefern genealogische Sammlungen
als Teil des nicht-staatlichen Archivguts aufgrund der
Datenauswahl archivwürdig sind. Oder müssen darüber hinaus
weitere Arbeitsergebnisse der universitären Familien- oder
Demographieforschung akquiriert werden? Hierfür sind Kriterien
erforderlich, die gegenüber den "Schriftgutproduzenten"
transparent zu machen sind. Zweitens ist besonders bei der
Anbietung digitaler Daten aus der Forschung nach der
Archivfähigkeit zu fragen: Entsprechen die angebotenen Daten,
Metadaten und Datenstrukturen den Anforderungen für die
Langzeitarchivierung nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse?
Die erste Sektion wurde von zwei Vertretern des Landesarchivs
NRW bestritten. Sie legten archivfachliche Kriterien für die
inhaltliche und technische Bewertung von privat und
wissenschaftlich erarbeitetem Datenmaterial, v. a.
genealogischen Sammlungen, dar und lieferten somit zu Beginn der
Tagung einen Problemaufriss und archivischen Sachstand.
Im ersten Vortrag ging Dr. Hermann Niebuhr, Leiter des Dezernats
"Nichtstaatliches und nichtschriftliches Archivgut" im Staats-
und Personenstandsarchiv Detmold, der Frage nach, was
"Archivwürdigkeit" in Bezug auf genealogische Sammlungen
bedeutet. Bereits lange vor dem digitalen Zeitalter hat es
Datenbanken gegeben. Dies sind strukturierte Sammlungen, die aus
verschiedenen Quellen zusammengestellt sind, wie Stammbäume,
formalisierte Tafeln sowie Erzählungen von Zusammenhängen, aber
auch sachthematische Inventare. Seit etwa 40 Jahren werden
solche Sammlungen als sinnvolle Ergänzung zum Behördenschriftgut
gesehen und befinden sich dementsprechend auch in den
Staatsarchiven. Wichtige genealogische Sammlungen sind zwischen
1933 und 1945 im Rahmen der NS-Sippenforschung entstanden, wie
die Sammlungen des professionellen Genealogen Karl Gustav von
Recklinghausen oder des Steuerberaters und Erbenermittlers Paul
Gersie in Detmold.
Anhand dieser beiden Sammlungen erläuterte der Referent wichtige
Kriterien zur Archivwürdigkeit. Dazu zählen erstens die
Benutzbarkeit durch Dritte, zweitens müssen die Quellen genannt
werden, aus denen sich die Sammlung zusammensetzt, um die Daten
nachprüfen zu können. Drittens ist bei der generellen Übernahme
von Sammlungen ins Archiv der regionale Bezug wichtig.
Abschließend plädierte der Referent dafür, eigene Sammlungen
unter Beachtung der genannten Kriterien anderen Benutzern zur
Verfügung zu stellen und warnte vor einer unkritischen
Verwendung der von der NS-Ideologie beeinflussten Sammlungen.
In dem auf Probleme der Praxis bezogenen Vortrag "Digitaler
Stammbaum - für die Ewigkeit? Technische Aspekte der
Langzeitarchivierung" erläuterte Dr. Wolfgang Kahnert (Leiter
des Technischen Zentrums in Münster) die Anforderungen, welche
die langfristige Datensicherheit an Datenträger, -formate und
Metadaten stellt. Bei Datenträgern (CDs, DVDs, Festplatten und
Magnetbänder) ist die auf einige Jahre begrenzte Lebensdauer
sowie die extreme Abhängigkeit von Nutzungs- und
Aufbewahrungsbedingungen zu beachten. Beim Einsatz von
Datenformaten sollten Software-Versions-Inkompatibilitäten und
Inkompatibilitäten zwischen Software- bzw.
Software-Hardware-Systemen bedacht und von proprietären
Datenformaten sowie von Komprimierungen und Verschlüsselungen
von Daten abgesehen werden. ISO-genormte Formate eignen sich am
besten. Für eine problemlose Nutzung der Daten durch Dritte ist
darüber hinaus eine sorgfältige Dokumentation und gegebenenfalls
eine Ergänzung der Metadaten unerlässlich. So ist also die
aktive Pflege der digitalen Daten eine absolute Notwendigkeit,
um ihre Verfügbarkeit und Interpretierbarkeit auf Dauer zu
erhalten. Dazu gab der Referent folgende grundsätzliche
Empfehlungen: regelmäßiges Umkopieren (Refreshing) der Daten auf
neue Datenträger (CDs, DVDs und Festplatten alle drei Jahre) und
Überprüfung der Daten auf ihre Nutzbarkeit hin; rechtzeitiger
Wechsel (Migration) auf etablierte Datenträger und -formate.
"Offene" Standards gewährleisten die Benutzbarkeit durch Dritte.
Des Weiteren erleichtert eine frühzeitige Abstimmung mit dem
Archiv die Übernahme der digitalen Daten (weitere Informationen
unter www.langzeitarchivierung.de).
In der zweiten Sektion kam die Forschung zu Wort: Zunächst
wurden Datenbankanwendungen sowohl der Genealogie als auch aus
der historischen Kulturwissenschaft vorgestellt.
Als erstes stellte Dr. Günter Junkers, Vorstandsmitglied der
Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde e. V. und
Redakteur bei der Zeitschrift "Computergenealogie", die bunte
Vielfalt an Genealogieprogrammen vor, die Verkartungsprojekte
von Laienforschern unterstützen. Junkers ging dabei besonders
auf die Verkartung von Kirchenbüchern und die Erstellung und
virtuelle Bereitstellung von Ortsfamilienbüchern
(www.ortsfamilienbuecher.de) ein, die in der Regel nach einem
schematisierten Ablauf erfolgen. Vielfach werden dafür
proprietäre Software-Lösungen verwendet - eine Einbahnstraße,
wie Junkers herausstellte. Wichtig für die Wahl eines Programms
ist daher die Wahl eines Programms mit gängigen Schnittstellen
(XML) und entsprechenden Exportfunktionen. An die
Anschlussfähigkeit mit archivischen Erschließungsstandards wird
jedoch noch nicht gedacht. Anschließend berichtete Junkers von
den Aktivitäten der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde
e. V., die neuerdings die programmunabhängige Erfassung der
Kirchenbücher anstrebt.
Der Vortrag von Dr. Michaela Hohkamp (Freie Universität Berlin)
und Astrid Reinecke (Georg-August-Universität Göttingen): "Die
Tante: eine Beziehung im Familien- und im Datennetz" ging auf
die Frage ein, welche Sichtweise auf Abstammungszusammenhänge
gängige Genealogieprogramme vermitteln und welche Erkenntnisse
bei der Betrachtung der Seitenverwandten, v.a. der Tante als
"Schlüsselfigur" gewonnen werden können. Die Referentinnen
betrachteten zunächst die Programme kritisch, die eine
patrilineare Perspektive fördern. Sie stellten ein weitaus
komplexeres Programm (Kleio) vor, das eine erweiterte
historische Fragestellung ermöglicht und somit durch einen
Graphen ohne Hierarchien (Animation mit dem Programm "Payek")
das Vernetzungspotenzial der Seitenverwandten sichtbar macht.
Datenbank basierte Forschung einerseits und archivfachliche
Anforderungen (v. a. an elektronische Daten) andererseits
fordern geradezu einen engeren Kontakt zwischen Forschung und
Archiv heraus.
Im Nachmittagsblock der Tagung wurden Kooperationsmöglichkeiten
zwischen Familienforschung und Archiv anhand von konkreten
Beispielen ausgelotet. Rudolf Voss, Vorsitzender der MAUS -
Gesellschaft für Familienforschung in Bremen e. V., stellte in
seinem Vortrag "Die Maus und das Staatsarchiv: Beispiel Bremen"
die Möglichkeiten einer erfolgreichen Kooperation zwischen
Archiv und Familienforschern vor. Die MAUS ist mit dem Bremer
Staatsarchiv als Zentralstelle für Bremische Familienforschung
eng verbunden; sie verfügt im Haus des Archivs über Arbeits- und
Bibliotheksräume. Ein Drittel der Besucher des Staatsarchivs
wendet sich mit ihren familienkundlichen Anfragen an die MAUS.
Die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter der Gesellschaft bearbeiten
auch schriftliche Anfragen kostenlos. Für die Nutzung der
Archivalien zahlt der Verein keine Gebühr. Jedoch nicht nur im
Bereich der Beratung oder Recherchetätigkeit ist die MAUS ein
Kooperationspartner des Archivs - auch die Erschließung und
Publikation sind Tätigkeitsfelder des Vereins. Die Mitglieder
beteiligen sich z. B. an der Digitalisierung von Kirchenbüchern,
um sie online zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise ist
bereits eine Reihe von Ortsfamilienbüchern entstanden. Das
Bremer Kooperationsmodell hat sich im Laufe der Jahre als
überaus fruchtbar für beide Seiten erwiesen.
Im letzten Vortrag des Tages berichtete Dr. Bettina Wischhöfer,
Leiterin des Landeskirchlichen Archivs in Kassel, von ihren
Erfahrungen mit der Kooperation von ehrenamtlichen Mitarbeitern
und Archiv, dem so genannten "friendraising". Dieser Begriff
steht für die Notwendigkeit für das Archiv, Unterstützung von
außen zu finden. Dies geschieht in Kassel durch die Gewinnung
von Freiwilligen, die Innovationen ermöglichen und die
Handlungsfähigkeit des Archivs sichern. Die Ehrenamtlichen
werden dafür zweimal jährlich im Bereich der Archivpflege
geschult. Die Freiwilligen haben bis jetzt die Realisierung von
mehreren Ausstellungen und Publikationen ermöglicht. Außerdem
haben sie in den vergangenen zwölf Jahren ein Drittel der
Verzeichnungsarbeit geleistet. Für Genealogen interessant wird
in Zukunft das Internetportal www.kirchenbuchportal.de sein, das
zunächst eine archivübergreifende Bestandsübersicht und die
Bereitstellung von digitalisierten Kirchenbüchern anstrebt.
In der anschließenden von Dr. Bettina Joergens, Leiterin des
Dezernats Personenstandsarchiv im Staats- und
Personenstandsarchiv, moderierten Podiumsdiskussion wurde
schnell deutlich, dass eine Kooperation zwischen Genealogen bzw.
Freiwilligen und Archiven grundsätzlich wünschenswert ist. Wie
und unter welchen Bedingungen Freiwilligen-Arbeit umgesetzt
werden kann, wurde z. T. kontrovers diskutiert, wie etwa das
Konzept des "friendraising". Gerade die Ansicht, dass ein Archiv
auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sei, um seine
Kernaufgaben wahrzunehmen, wurde aus Archivarssicht als sehr
problematisch gesehen. Die Grenze zwischen jahrelang
ausgebildeten Archivaren und fortgebildeten Laien verschwimmt
hier zu sehr. Andererseits wurde jedoch die Schulung der
Freiwilligen positiv aufgenommen.
In den Vorträgen, die in der Schlussdiskussion noch einmal
aufgegriffen wurden, hatten sich drei Kernbereiche
herauskristallisiert, in denen eine Beteiligung ehrenamtlicher
Mitarbeiter möglich ist: Erschließung, Verkartung und Beratung.
Zu der Frage, wie eine solche Kooperation von Genealogen und
Archiv konkret gestaltet werden kann, wurden verschiedene Ideen
gesammelt. Als besonders wichtig wurde die frühzeitige
Zusammenarbeit erachtet, um ein gemeinsames Anforderungsprofil
für die Freiwilligen festzulegen. Dazu zählen bei
Erschließungsarbeiten v. a. die Auswahl der zur Bearbeitung
vorgesehenen Bestände sowie die Festlegung von
Erschließungsstandards. Darüber hinaus ist eine Schulung der
Laien sinnvoll, um eine gewisse Qualität zu sichern und die
Ehrenamtlichen mit archivgesetzlichen und
datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraut zu machen. Jacques
van Rensch berichtete eindrucksvoll vom niederländischen
Genlias-Projekt, bei dem über die rein fachliche Kooperation
hinaus auch die Bereitstellung von geeigneten Räumlichkeiten
sowie gemeinsame Aktivitäten von Archivaren und Freiwilligen
wichtige Elemente seien, um die Ehrenamtlichen an das Archiv zu
binden. Als eine wichtige Kontaktbörse zwischen Genealogen
erläuterte Marie-Luise Carl das Internetportal GenWiki.
Diskutiert wurden die Möglichkeiten, wie dieses Portal zur
Kooperation mit den Archiven genutzt werden kann.
Abschließend kann festgehalten werden, dass die Kooperation
zwischen "Profis" und "Laien" sehr fruchtbar sein kann, wenn die
geeigneten Rahmenbedingungen und Regelungen vorhanden sind. Die
Ausgestaltung dieser Zusammenarbeit liegt in der Hand beider
Seiten. Ein wichtiger Schritt hin zu einer engeren
Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen professionellen
Genealogen, Familienforschern, Wissenschaftlern und Archivaren
wurde mit dem diesjährigen Sommergespräch gemacht.
Es bestand außerdem die Möglichkeit, im Rahmen von drei
Führungen das Personenstandsarchiv von innen und die Bandbreite
genealogischer Quellen kennen zu lernen.
INFO
Veranstaltungsdaten:
4. Detmolder Sommergespräch
Datum: 8. August 2007
Landesarchiv NRW Staats- und Personenstandsarchiv Detmold
Willi-Hofmann-Straße 2
32756 Detmold
Tel.: 05231/766-0
Fax: 05231/766-114
E-Mail: stadt at lav.nrw.de
URL: www.archive.nrw.de
Kontakt:
Dr. Bettina Joergens
Landesarchiv NRW Staats- und Personenstandsarchiv Detmold
Willi-Hofmann-Str. 2
32756 Detmold
Tel.: 05231/766-112
Fax: 05231/766-114
E-Mail: bettina.joergens at lav.nrw.de
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