[WestG] [AKT] Volkskundliche Kommission fuer Westfalen beim LWL beobachtet Halloween seit zehn Jahren
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Okt 30 11:47:22 CET 2007
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 26.10.2007, 12:13
AKTUELL
Volkskundliche Kommission für Westfalen beim LWL beobachtet
Halloween seit zehn Jahren
"Rüben-Halloween" schon früher in Westfalen
Wenn Graf Dracula in Bielefeld-Jöllenbeck um die Ecken schleicht
und sieben Geister sich in Dortmund-Hörde kichernd in einen
Hauseingang drücken, ist es wieder einmal soweit: Das
Halloween-Fest hat begonnen und Menschen mit schwachen Nerven
sollten lieber zu Hause bleiben.
"Anfang der 1990er Jahre war Halloween fast nur in der
Studentenszene bekannt. Mit gruseligen Kostümen bekleidet
feierte man in vielen Universitätsstädten Halloween-Partys", so
Christiane Cantauw vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
"Für uns ist es besonders spannend zu beobachten, wie sich ein
neuer Brauch verbreitet und entwickelt", so die Volkskundlerin
weiter. Der in den USA weit verbreitete Brauch, dass Kinder in
der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November, der
Halloween-Nacht, von Tür zu Tür gehen und mit dem Spruch "trick
or treat" Süßigkeiten einfordern, hat sich in Westfalen erst vor
etwa zehn Jahren eingebürgert. "Hier heißt es, Süßes, sonst
gibt's Saures' und wenn sich jemand weigert, etwas zu geben,
muss er mit Streichen rechnen", warnt Christiane Cantauw.
Nicht nur die Kinder haben den neuen Brauch für sich entdeckt:
"In den Vorgärten und Häusern finden sich neue Dekorationen:
angefangen von Lichterketten in Geisterform bis hin zu
Fledermäusen als Fensterbilder sind der Fantasie hier keine
Grenzen gesetzt. Ein geläufiges Symbol des Halloween-Festes, das
auch in der festtypischen Dekoration immer wieder auftaucht, ist
der ausgehöhlte und von innen beleuchtete Kürbis, im
angelsächsischen Sprachraum 'jack-o-lantern' genannt. Dieses mit
dem Halloween-Fest scheinbar untrennbar verbundene Symbol war
anfangs ein Ersatz für die Laternen aus Rüben, die es in Amerika
nicht gab. Die irischen Einwanderer stellten in Übersee bald
fest, dass sich die ihnen bis dahin nicht bekannten Kürbisse
noch weitaus besser zur Anfertigung von Laternen eigneten als
die harten Rüben."
Rübenlaternen und Erheischen von Gebäck oder Obst waren auch in
Westfalen nicht unbekannt: "Früher haben die Kinder in Westfalen
aus Rüben Laternen geschnitzt. Diese Laternen waren meist mit
Mustern verziert, zum Teil leuchteten die Kerzen aber auch aus
ausgeschnittenen Gesichtern oder sogar Fratzen, die denen der
Halloween-Kürbisse ähneln. Mit diesen Laternen gingen die Kinder
am St. Martinstag von Tür zur Tür und baten um kleine Gaben.
Dabei drohten sie allerdings keine Streiche an, sondern es ging
in den plattdeutschen Sprüchen um die abgeschlossene Ernte und
den anstehenden Jahreszeitenwechsel", vergleicht Cantauw den
alten westfälischen Brauch mit Halloween. Im benachbarten
Emsland fanden diese Umzüge sogar an Allerheiligen statt. In
Bayern wurden die ausgehöhlten Rüben teilweise auch als
Grableuchten benutzt. Ein eingeschnittenes Kreuz ließ das Licht
dabei weit in die Nacht hinein leuchten.
Das Halloween-Fest hat heute eine nicht zu übersehende
kommerzielle Komponente, dazu gehören Filmproduktionen,
Dekorationsartikel, öffentliche Partys, besondere Angebote von
Freizeitparks oder spezielle Angebote von Süßwarenherstellern.
Da Halloween nicht auf eine bestimmte Region beschränkt ist,
sondern sich in ganz Europa ausbreitet, eignet es sich noch mehr
als andere Bräuche zur Vermarktung. "Insgesamt entspricht der
Halloween-Brauch einem wachsenden Bedürfnis nach öffentlichen
Bräuchen mit hohem 'Spaßfaktor', die noch nicht durch ein genau
einzuhaltendes Zeremoniell festgelegt sind. Auch die Tatsache,
dass das Fest in die ansonsten relativ braucharme Zeit zwischen
Spätsommer und Advent fällt, hat sicherlich zu seiner guten
Aufnahme auch in Westfalen beigetragen", so Cantauw.
Hintergrund: Der Halloween-Brauch geht auf das alte
irisch-keltische Fest "Samuin"" zurück, in dessen Mittelpunkt
die Kommunikation der Lebenden mit der Anderwelt stand. Im
Frühmittelalter wurde an diesem Tag das Fest "Allerheiligen"
eingeführt, das dem Halloween-Fest auch seinen Namen gab: An
"All Hallow's Eve" oder "All Hallow's Evening", also dem
Vorabend des Allerheiligenfestes, gedachte man der Verstorbenen.
Die irischen Einwanderer führten den Brauch im 19. Jahrhundert
in den USA ein. Statt aus Rüben wurden die Geisterfratzen dort
bald aus Kürbissen geschnitzt, auch die so genannten
Heischegänge der Kinder mit ihrem Ruf "trick or treat" (Geschenk,
sonst gibt es einen Streich) nahmen hier ihren Anfang.