[WestG] [KONF] Raeume, Grenzen, Identitaeten, Soest, 13./14.09.2007
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Nov 5 11:58:13 CET 2007
Von: "Martin Dröge" <martin.droege at lwl.org>
Datum: 05.11.2007, 10:00
TAGUNGSBERICHT
Räume, Grenzen, Identitäten - Westfalen als Gegenstand landes-
und regionalgeschichtlicher Forschung
Tagung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte,
der Historischen Kommission für Westfalen und der Abteilung
für Westfälische Landesgeschichte der Universität Münster
13./14.09.2007, Soest
Die Aktualität der Begriffe "Raum", "Grenze" und "Identität"
eröffnet sich bei einem Blick in die geschichtswissenschaftliche
Forschung: Der Historikertag 2004 in Kiel mit dem
Schwerpunktthema "Kommunikation und Raum" unterstrich die
Relevanz raumbezogener Fragestellungen. Ebenso ist in der
Diskussion um die Globalisierung seit längerem eine
Gegenbewegung zurück zur Region festzustellen. Ein verstärktes
Bewusstsein für den Raum und dessen Grenzen kann auch insgesamt
für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften festgestellt
werden, das entsprechende Schlagwort lautet: "spatial turn".
Dieser "turn" bringt nach einer langen Zeit der
Raumvergessenheit eine verstärkte Hinwendung zu Raumfragen.[1]
Was aber bedeutet das konkret für die landes- und
regionalgeschichtliche Forschung, die sich schon per defitionem
mit Raumfragen, begrenzten Räumen und Regionen befasst? Sagen
Raumvorstellungen nur etwas über die Perspektive und die
Fähigkeit von Raumkonstrukteuren oder auch etwas über die
tatsächlichen Einflüsse von Räumen und deren Eigenschaften aus?
Wie prägen bestimmte Raumfaktoren die unterschiedlichen
Raumkonstruktionen? Für die Tagung "Räume, Grenzen, Identitäten
- Westfalen als Gegenstand landes- und regionalgeschichtlicher
Forschung" am 13./14. September 2007 in Soest konnten die drei
Veranstalter - das LWL-Institut für westfälische
Regionalgeschichte, die Historische Kommission für Westfalen und
die Abteilung für Westfälische Landesgeschichte der Universität
Münster - Experten aus der Geschichtswissenschaft, der
Sprachwissenschaft und der Geographie zur Erörterung dieser
Fragen zusammenführen.
BERND WALTER (Münster) eröffnete die von EVA LABOUVIE (Magdeburg)
moderierte Sektion "Tendenzen und Probleme der Forschung". Er
bilanzierte die "Geschichtsforschung und -schreibung aus
regionaler Perspektive" und fragte nach neuen Herausforderungen
für die Regional- und die Landesgeschichte. Für die regionale
Geschichtsforschung sei das Verhältnis von partikularer und
allgemeiner Geschichte konstitutiv. Walter äußerte zu diesem
Verhältnis theoretische Überlegungen auf
gesellschaftspolitischer, erkenntnistheoretischer und
methodischer Ebene, um diese auf die historische Perspektive zu
beziehen. Der Nationalstaat von 1871 habe in räumlicher Hinsicht
für verfestigte Raumstrukturen und starre Grenzen gestanden;
eine derartige staatliche und räumliche Konstruktion beschreibe
die Soziologie mit dem 'Container-Konzept'. Im Gegensatz dazu
habe sich seit den 1920er-Jahren das Konzept der
Kulturraumforschung entwickelt, das nicht länger die politische
Geschichte im Fokus gehabt und zu teils diffusen, teils
flexiblen Grenzen geführt habe. Walter ging auf die Kontroverse
zwischen Landes- und Regionalgeschichte ein und wies daraufhin,
dass für ihn die Definition der Regionalgeschichte allein über
die Methode kein hinreichendes Kriterium mehr zu sein scheint.
Er sah in der kritischen Reflexion über das wissenschaftliche
und gesellschaftliche Selbstverständnis der Landes- und
Regionalgeschichte eine ständige Herausforderung. Heute würden
vor allem die erkenntnistheoretischen Herausforderungen der
allgemeinen Geschichtswissenschaft und deren Transfer auf die
regionale Ebene interessieren. Daher müssten die Landes- sowie
die Regionalgeschichte in gleicher Weise um eine
gegenstandsadäquate Anwendung neuer Konzepte bemüht sein.
GERD SCHWERHOFF (Dresden) referierte über "Historische
Raumpflege. Der 'spatial turn' und die Praxis der
Geschichtswissenschaften". Schwerhoff prüfte im ersten Teil
seiner Ausführungen die Behauptung eines "spatial turn" vor dem
Hintergrund der geschichtswissenschaftlichen Traditionen.
Wichtiger als die Erklärung des neuen "turn" seien die
methodischen Schlussfolgerungen. Es gehe keineswegs um die
Wiederentdeckung des Raumes schlechthin, sondern um eine
sensiblere, systematischere, konzeptuell reflektierte und
theoretisch informierte Umgangsweise mit der Kategorie "Raum".
Schwerhoff beschrieb den absolutistischen Raumbegriff und das
relationale bzw. relativistische Raumkonzept und führte
abschließend mehrere Raum-Typologien an. Einen anderen Zugang
zur heterogenen Raumdiskussion sah Schwerhoff darin, diejenigen
konkreten historischen Forschungsfelder und Leitthemen der
letzten Jahre zu benennen und zu systematisieren, die eine
besondere Nähe zu den programmatischen Diskussionen erkennen
lasse. So wären etwa verschiedene Modi im Umgang mit dem Raum zu
unterscheiden: die Bewegung im Raum, das Unterteilen des Raumes
in Form von Grenzziehungen und das Ordnen des Raumes in Form von
schriftlichen und visuellen Repräsentationen.
URSULA BRAASCH-SCHWERSMANN (Marburg) moderierte die Sektion
"Wahrnehmung Westfalens als Raum und das Raumbewusstsein" in der
zunächst GUNNAR TESKE (Münster) über "Westfalen im Verständnis
westfälischer Eliten" referierte. Ausgehend von
Raumvorstellungen Westfalens aus dem 16. und 18. Jahrhundert
stellte er heraus, dass sich damals ein noch unspezifischer
Raumbegriff gezeigt habe; Westfalen war mehr ein historischer
als ein geographischer Begriff. Obwohl die Grenzen mit der
Bildung der Provinz Westfalen 1815 festgelegt waren, habe sich
in der ersten Zeit noch ein historisches Westfalenbild gehalten.
Im Bewusstsein der Oberschicht habe sich die Verwaltungseinheit
'Provinz' dennoch rasch verankert. Der Bildung eines inneren
Einheitsbewusstseins hätten die räumlichen, ökonomischen,
sozialen, vor allem aber die territorialen (Alt-/Neupreußen) und
konfessionellen Unterschiede und Gegensätze entgegenstanden. Aus
der Finanzierung von Denkmälern und Repräsentationsbauten
versuchte Teske auf die Existenz eines Westfalenbewusstsein
geldgebender Eliten während des 19. Jahrhunderts zu schließen.
So konnte er regionale Unterschiede des Westfalenbewusstseins
festmachen, die mit einer weltanschaulich-politischen Gesinnung
korrespondierten. Für die heutigen Verhältnisse befand Teske,
dass sich ein Westfalenbewusstsein am deutlichsten im
Münsterland artikuliere; er sprach sogar von einem
Münsterzentrismus, während die anderen Subregionen kritisch auf
die Rolle Münsters als westfälischer Verwaltungszentrale
blickten.
WERNER FREITAG (Münster) wandte sich der Bedeutung der
Religiosität für eine westfälische Identität zu. Sein Vortrag
"Fromme Traditionen, konfessionelle Abgrenzung und kirchliche
Strukturen: Religiosität als Faktor westfälischer Identität
(16.-18. Jahrhundert)?" gliederte sich in zwei Teile: Zunächst
prüfte er die Hypothese, inwieweit der Faktor Religion ein
einheits- und identitätsstiftendes mentales oder kartierbares
Phänomen abgeben konnte. Im zweiten Teil ging er der Frage nach,
welche Elemente der vormodernen frommen Westfalenbilder in der
Moderne neu konturiert und welche erfunden wurden. Freitag kam
zu dem Schluss, dass Religion als raumprägendes Moment für ein
'Gesamtwestfalen' zunächst ausschied. Seiner Ansicht nach trugen
verschiedene konfessionell bedingte Abgrenzungsstrategien nicht
nur in den heißen Phasen der Reformation zu einer
Selbstverortung ohne Westfalenbezug bei. Das Trennende, sprich
die Konfession und die bekenntnismäßig differenzierten
Kultformen, habe mehr Gewicht erhalten als das Gemeinsame, etwa
Sprache und Herkunft. Nach dem Kulturkampf sei jedoch ein vor-
und überkonfessionelles frommes Westfalenbild entstanden: Die
traditionell behauptete Beharrlichkeit der Westfalen wurde mit
dem Attribut der Frömmigkeit gekoppelt. Daraus habe sich nach
1900 eine westfälische Treugläubigkeit als Klammer zwischen den
Konfessionen ergeben; Westfalen wurde zunehmend
überkonfessionell wahrgenommen.
WILFRIED REININGHAUS (Düsseldorf) sprach über "Die räumlichen
Dimensionen der Wirtschaft zwischen Rhein und Weser (1700-1918)".
Zusammenfassend kam er zu dem Ergebnis, dass Westfalen um
1800 keinen zusammenhängenden Wirtschaftsraum gebildet habe,
sondern in einzelne Wirtschaftsregionen zerfallen sei, die
untereinander vernetzt waren. Westfalen sei nicht in den
Fabriken entstanden, sondern vielmehr in den Köpfen von
Verwaltung und Politik: Die Wirtschaft habe Westfalen nicht
integriert. Er beschrieb Westfalen aus wirtschaftshistorischer
Sicht als Summe von mehreren wirtschaftlich unterschiedlich
geprägten Kleineinheiten und forderte, bei der weiteren
wirtschaftshistorischen Erforschung nicht an den Provinzgrenzen
halt zu machen und die Wirtschaft Westfalens in größere
räumliche Zusammenhänge einzuordnen.
"Herrschaft, Verwaltung und Recht als Faktoren der Raumbildung
in Westfalen" nahm NICOLAS RÜGGE (Osnabrück) im nächsten Vortrag
in den Blick. In der Frühen Neuzeit habe sich die Ausbildung von
Flächenherrschaften in intensiver Weise fortgesetzt: Die
Thematisierung von Grenzen habe geboomt, Grenzstreitigkeiten
hätten Territorialvorstellungen verdeutlicht. Die äußeren
Grenzen seien stärker markiert worden, und auch die innere
Staatsbildung habe eine herrschaftliche Durchdringung des Raumes
zur Voraussetzung gehabt. Nach einem chronologischen Durchgang,
der vorwiegend den Aspekten "Herrschaft" und "Verwaltung"
gewidmet war, stellte Rügge abschließend einige rechtsbezogene
Forschungsansätze für das Städtewesen und die ländliche
Güterverfassung vor. Westfalen sei städtisch geprägt gewesen und
habe sich als eine selbstbewusste Stadtregion gezeigt. Dabei
hätten die Städte die Region nicht nur wirtschaftlich, sondern
auch politisch-herrschaftlich und vor allem als Verwaltungsebene
strukturiert. Das vom Anerbenrecht geprägte ländliche Westfalen
habe im 19. Jahrhundert intensive Diskussionen um das Güter- und
Erbrecht erlebt, die geholfen hätten, auf diesem Rechtsgebiet
eine besondere Identität der Provinz innerhalb Preußens
auszubilden.
Im letzten Vortrag der Sektion befasste sich der
Sprachwissenschaftler JÜRGEN MACHA (Münster) mit
"Sprachbewusstsein in Westfalen". Er machte deutlich, dass der
Aspekt "Sprache" bei der Bildung räumlicher Strukturen eine
wichtige Position einnimmt. Er näherte sich diesem Aspekt über
zwei Zugriffsweisen, die er vorstellte und kritisch diskutierte.
Im Mittelpunkt seines Vortrages stand der Zusammenhang zwischen
Dialekt und Raum, wobei ein Schwergewicht auf den historischen
westfälischen Verhältnissen lag. Die erste Untersuchungsmethode,
die er ansprach, nähere sich dem Forschungsgegenstand objektiv,
indem sie auf empirische Daten des Deutschen Sprachatlas und
regionaler Wörterbücher gestützt eine sprachliche Raumgliederung
Westfalens vornehme. Das zweite Verfahren beruhe auf Urteilen
und Aussagen von sprachwissenschaftlichen Laien. Dieses
"volkslinguistische" Verfahren, dass in der Zunft eine spürbare
Konjunktur erfahre, ermögliche bei aller Problematik einen zum
Teil neuen, jedenfalls ergänzenden Zugriff auf die sprachliche
Konstitution des Raumes. Macha stellte den Pionier Heinrich Büld
vor, der diese Methode schon in den 1930er-Jahren angewandt habe
und zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei. Im Schlussteil
erörterte er, inwieweit Prinzipien und Untersuchungspraktiken
zur Frage "Sprache und Raum" auch im Blick auf heutige
Konstellationen tragfähig seien.
KARL DITT (Münster) hielt den öffentlichen Abendvortrag zum
Thema "Der Raum als Gegenstand der Kulturpolitik. Westfalen im
19. und 20. Jahrhundert". Ditt bot einen kritischen Überblick
zur Geschichte der Kulturpolitik des Provinzial- bzw.
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe im 19. und 20. Jahrhundert.
Das elementare Eigeninteresse des Verbandes bestehe in der
Erhaltung und Ausdehnung seiner Kompetenzen. Auf diese Weise
könne er am besten seine Existenz, Entfaltungsmöglichkeiten und
seinen räumlichen Geltungsbereich sichern. Die Kulturpolitik,
die auf der Grundlage der Kulturraumideologie erfolgt sei, habe
ein mehrgliederiges Organisations- und Institutionensystem
aufgebaut. Sie habe sich nicht im Sinne ihres ursprünglichen
Auftrages auf Subventionen und Beratungen beschränkt, sondern
darüber hinaus auch weitere Aufgabenbereiche erschlossen. Ditt
skizzierte die Reaktionen der Kulturpolitik des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe seit den 1970er-Jahren auf
die Infragestellung ihrer ideologischen Grundlagen und die
Relativierung ihrer Alleinzuständigkeit. Von Bedeutung erschien
ihm letztlich das Grundsatzproblem, welches der Rückblick auf
die Geschichte der landschaftlichen Kulturpolitik in Westfalen
deutlich macht: Wie können traditionelle Räume mittlerer
Größenordnung jenseits der alten Stereotypen wissenschaftlich
neu definiert werden?
Die von JÖRG ENGELBRECHT (Essen) moderierte dritte Sektion
befasste sich mit "Westfalens Teilräume, Grenzräume, Westfalen
aus der Sicht der Nachbarn". Erster Referent war der Geograph
und Raumplaner HANS HEINRICH BLOTEVOGEL (Dortmund). Blotevogel
referierte über "'Geographische Grundlagen' oder 'räumliche
Konstrukte'? Westfälische Räume und Grenzen aus geographischer
Sicht" und stellte alte und neue raumkonzeptionelle Ansätze aus
der Geographie vor. Zunächst wandte sich Blotevogel dem
klassischen holistischen Ansatz zu, der Räume als gegliederte
Ganzheiten betrachtet. Hierzu referierte er die Kerngedanken von
Wilhelm Müller-Wille, die dieser 1952 in seinem Buch geäußert
hat. Die Definition der Außengrenzen Westfalens von Müller-Wille
sei politisch motiviert gewesen, die Grenzziehung der Teilräume
hingegen sei in ihrer Grobgliederung anerkannt. Blotevogel
stellte anschließend den raumanalytischen Ansatz vor, der nicht
Ganzheiten betrachtet, sondern eine flächendeckende räumliche
Gliederung unter verschiedenen Kategorien - naturräumlich,
wirtschaftlich und zentralörtlich - vornimmt, wobei die
zentralörtliche Perspektive eine große praktische Wirkung
erlangt habe. Blotevogel hielt fest, dass Räume und Grenzen als
kulturelle Konstrukte zu gelten hätten, die auch wieder
dekonstruiert werden könnten. Jedoch sei eine Region nicht
beliebig konstruierbar, denn reale geographische
Anknüpfungspunkte seien nötig; eine Verbindung zwischen Realraum
und den Diskursen müsse berücksichtigt werden.
Unter dem Titel "Rheinland und Westfalen. Regionale Identitäten
im südlichen Westfalen im 18. und frühen 19. Jahrhundert"
konkretisierte STEPHAN GORIßEN (Bielefeld) die Frage nach
regionalen Identitäten als Frage nach einem spezifischen
Raumbewusstsein, wie es sich in räumlichen
Handlungsorientierungen und Selbstbeschreibungen einer
entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit greifen lässt. In einem
ersten Schritt fragte Gorißen, ob sich in Handlungsmustern und
Interaktionskreisen eine auf "Westfalen" bezogene räumliche
Orientierung feststellen lasse. Er betrachtete die
konfessionelle Struktur des bergisch-märkischen Grenzraums, die
räumliche Ausrichtung der Wirtschaftsbeziehungen in den
südwestfälischen Gewerberegionen sowie die Reichweite von
Heiratskreisen der bürgerlichen Schichten. Die Bedeutsamkeit
eines "Raumes Westfalen" ließ sich nicht belegen. In einem
zweiten Schritt untersuchte Gorißen die Relevanz des
Westfalenbegriffs für die Selbstbeschreibung der bürgerlichen
Öffentlichkeit im Spiegel der aufgeklärten Zeitschriften des
bergisch-märkischen Raumes. Regionale Identitäten seien gegen
alle Versuche einer Essentialisierung von Raumkonzepten nur als
Ergebnisse einer konkreten kommunikativen Praxis zu verstehen,
die ihrerseits sozialhistorisch präzise verortet werden müssen,
will man ihre Bedeutung und Reichweite ermessen. Als Aufgabe
bleibe somit, die Kommunikationsmuster der Menschen weiter zu
erforschen und nach deren Wirkung zu fragen.
"Die nordwestfälischen Stiftsgebiete Münster und Osnabrück.
Politische Grenzen und mentale Orientierungen" waren das Thema
von ALWIN HANSCHMIDT (Vechta). Er zeichnete kenntnisreich die
politische Geschichte und die mentalen Ausrichtungen - darunter
spielte die Konfession eine wichtige Rolle - verschiedener
Teilregionen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart nach:
Niederstift Münster, Emsland, Oldenburger Münsterland und den
Weg vom Hochstift Osnabrück zum Osnabrücker Land. Bemerkenswert
ist, dass in der jüngeren Geschichte einige der behandelten
Regionen aus wirtschaftlichen Gründen oder regionalem Marketing
entstanden sind bzw. konstruiert wurden. Hanschmidt fragte nach
künftigen Haltepunkten einer mentalen Orientierung und Identität
und stellte dazu die These auf, dass an die Stelle der früheren
staatlichen und administrativen Zugehörigkeiten neue, nunmehr
ökonomisch bestimmte treten könnten. Alternativ weise aber
einiges darauf hin, dass die kleinräumige Identität wegen ihrer
Überschaubarkeit umso wichtiger und auch widerstandsfähiger
werde, je mehr es den politischen und wirtschaftlichen
Großräumen daran fehle.
GUILLAUME VAN GEMERT (Nijmegen) betrachtete "Westfalen aus der
Sicht der Niederlande" unter dem Fokus von Kontinuitäten und
Diskontinuitäten kollektiver Fremd- und Selbstwahrnehmungen.
Wahrnehmung setze Identität voraus, die sich in einem
Wechselspiel von Fremdbild und Selbstbild konstituiere.
Stereotype über Völker seien in erster Linie Konstrukte, die der
Abgrenzung und Selbstpositionierung von Völkern im Umgang mit
Nachbarvölkern dienen würden. Die Niederlande habe ein Fremdbild
zunächst auf alle deutschen Länder bezogen, darunter sei das
Westfalenbild subsumiert worden. Etwa um 1700 sei Westfalen
zunehmend als eigenständige Einheit verstanden worden. Seit dem
18. Jahrhundert hätten sich die Belege für eine negative
Kontextualisierung von Westfalen und Westfälischem im
niederländischen Sprachgebrauch gehäuft; bis weit ins 19.
Jahrhundert habe man Westfalen in abfälliger Konnotation
gebraucht. Seit etwa den 1960er-Jahren sei Westfalen als
Tourismusziel attraktiv geworden und wieder positiver betrachtet
worden. Generell sei zu beachten, dass es den Niederländer und
den Westfalen nicht gebe; eine Pauschalisierung sei fiktional,
denn in den Niederlanden habe man sich nicht überall in der
gleichen Weise mit Westfalen befasst, nur der östliche Teil habe
sich aufgrund der geographischen Nähe intensiver mit der
Nachbarregion beschäftigt.
Den letzten Vortrag der Tagung hielt DIETMAR VON REEKEN
(Oldenburg). Er befasste sich mit "Regionalismen im Konflikt.
Auseinandersetzungen zwischen 'Niedersachsen' und 'Westfalen' in
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts". Von Reeken ging
zunächst auf die Genese eines Niedersachsenbewusstseins ein,
dessen räumliche Basis als Raumkonstrukt im 19. Jahrhundert
erfunden worden ist: Die entstehenden Heimatvereine und die
dazugehörigen Zeitschriften trugen den Begriff "Niedersachsen"
bzw. "niedersächsisch" als Programmatik im Namen. Ende der
1920er-Jahre habe im Kontext der Diskussionen um eine
Reichsreform und forciert durch die sich verbreitenden
Heimatbewegungen eine fünfundzwanzigjährige Auseinandersetzung
zwischen 'Niedersachsen' und 'Westfalen' begonnen. Träger dieser
Auseinandersetzung seien Verwaltungsbeamte und Politiker gewesen;
regional arbeitende Wissenschaftler aus unterschiedlichen
Disziplinen hätten die Argumente geliefert. In den 1930er-Jahren
habe ein reales Niedersachsen noch nicht existiert, jedoch eine
Fülle von Institutionen, die sich niedersächsisch genannt
hätten. Nach 1946 sei die innerniedersächsische Integration ein
wichtigeres Thema als das Interesse an Westfalen gewesen. Die
Motive und Argumente bei den Auseinandersetzungen seien auf
beiden Seiten sehr ähnlich gewesen; hier nannte von Reeken als
Kategorien: ökonomische Interessen, politische Zielsetzungen,
kulturelle Interessen und historische Aspekte.
Die einzelnen Tagungsbeiträge zeigten aus ihren verschiedenen,
auf den Raum Westfalen blickenden Perspektiven, dass dieser ein
konstruiertes Gebilde darstellt. Die Tagung ist jedoch nicht nur
bei den Fragen, wer in welcher Zeit zu welchem Zweck mit welcher
Ideologie Westfalen konstruiert hat, stehen geblieben; nach der
Dekonstruktion der "Einheit" Westfalens richtete sich der Blick
zwangsläufig auf die Teilräume. Die Frage nach der Verwurzelung
und Wirkungsmächtigkeit eines westfälischen Raumbewusstseins ist
sicher noch weiterzuverfolgen, gleiches gilt für die
westfälischen Teilräume und deren Identitäten. Zudem brachten
die interdisziplinären Aspekte der Tagung interessante
Ergebnisse.
Anmerkung:
[1] Vgl. Bavaj, Riccardo, Was bringt der "spatial turn" der
Regionalgeschichte? Ein Beitrag zur Methodendiskussion, in:
Westfälische Forschungen 56 (2006), S. 457-484, hier S. 457.
Konferenzübersicht:
Sektion I - Tendenzen und Probleme der Forschung
Moderation: Eva Labouvie (Magdeburg)
Bernd Walter (Münster)
Geschichtsforschung und -schreibung aus regionaler Perspektive.
Bilanz und neue Herausforderungen
Gerd Schwerhoff (Dresden)
Historische Raumpflege. Der "spatial turn" und die Praxis der
Geschichtswissenschaften
Sektion II - Die Wahrnehmung Westfalens als Raum und das
Raumbewusstsein
Moderation: Ursula Braasch-Schwersmann (Marburg)
Gunnar Teske (Münster)
Westfalen im Verständnis westfälischer Eliten
Werner Freitag (Münster)
Fromme Traditionen, konfessionelle Abgrenzung und kirchliche
Strukturen: Religiosität als Faktor westfälischer Identität
(16.-18. Jahrhundert)?
Wilfried Reininghaus (Düsseldorf)
Die räumlichen Dimensionen der Wirtschaft zwischen Rhein
und Weser (1700-1918)
Nicolas Rügge (Osnabrück)
Herrschaft, Verwaltung und Recht als Faktoren der Raumbildung
in Westfalen
Jürgen Macha (Münster)
Sprachbewusstsein in Westfalen
Sektion III - Westfalens Teilräume, Grenzräume, Westfalen
aus der Sicht der Nachbarn
Moderation: Jörg Engelbrecht (Essen)
Hans H. Blotevogel (Dortmund)
'Geographische Grundlagen' oder 'räumliche Konstrukte'?
Westfälische Räume und Grenzen aus geographischer Sicht
Stefan Gorißen (Bielefeld)
Zwischen Rheinland und Westfalen. Regionale Identitäten im
südlichen Westfalen im 18. und frühen 19. Jahrhundert
Alwin Hanschmidt (Vechta)
Die nordwestfälischen Stiftsgebiete Münster und Osnabrück.
Politische Grenzen und mentale Orientierungen
Guillaume van Gemert (Nijmegen)
Westfalen aus der Sicht der Niederlande
Dietmar von Reeken (Oldenburg)
Regionalismen im Konflikt. Auseinandersetzungen zwischen
"Niedersachsen" und "Westfalen" in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts