[WestG] [AKT] Ur- und Fruehgeschichtler der WWU Muenster graben auf einem Feld bei Nottuln

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Mai 16 11:15:54 CEST 2007


Von: "Pressestelle der Uni Münster" <pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 15.05.2007, 11:26


AKTUELL

Immer wieder Mittelpunkt der frühen Menschen 
Ur- und Frühgeschichtler der WWU Münster graben auf einem 
Feld bei Nottuln

Vor 6000 Jahren wurden auch die Menschen in Westfalen sesshaft. 
Sie lebten nicht mehr zufällig von dem, was sie sammelten und 
jagten, sondern begannen, vorausschauend zu leben und kleine 
Siedlungen zu bilden. Eine dieser Siedlungen findet sich auf 
einem Feld bei Nottuln-Uphoven im Landkreis Coesfeld. Untersucht 
wird es derzeit gemeinsam von der Abteilung für Ur- und 
Frühgeschichtliche Archäologie des Historischen Seminars der WWU 
Münster zusammen mit dem Westfälischen Amt für 
Bodendenkmalpflege und Landesmuseum des LWL im Rahmen des 
DFG-Projektes "Neolithisierungsprozesse in Nordwestdeutschland: 
Tradition, Innovation und Adaption zwischen 6000 und 3500 vor 
Christus". Grabungsleiter ist der Doktorand Christian Groer.

Die Stelle ist aus früheren Untersuchungen des damals noch 
eigenständigen Seminars für Ur- und Frühgeschichte zusammen mit 
dem Institut für Geophysik bekannt. Hauptaugenmerk einer 
geomagnetischen Untersuchung 2003 und 2004 war ein Graben, der 
für eine neolithische Befestigung, ein so genanntes Erdwerk, 
eine beachtliche Breite von 7,5 Metern besaß. Im März dieses 
Jahres konnten die Forschungen fortgesetzt werden: "Ich wollte 
den Graben eigentlich nur wiederfinden, aber dank des 
Bodenradars konnten wir so präzise vorgehen, dass wir ihn gleich 
gefunden haben und weitergraben konnten", erzählt Groer. Mit 
vier Studierenden konnte er innerhalb von drei Wochen auf einer 
Fläche von zwei mal zehn Metern bis in eine Tiefe von 1,70 Meter 
vorstoßen. Über 150 Funde brachten sie in dieser Zeit zu Tage. 
Viele Feuersteine sind dabei, aber auch Keramiken, die eine 
genaue zeitliche Einordnung erlauben.

So gehören die ältesten Funde aus der Zeit um 4500 vor unserer 
Zeitrechnung zu den ältesten neolithischen Kulturen in 
Norddeutschland. In Süddeutschland waren die Menschen rund 1500 
Jahre zuvor in agrarisch geprägten Siedlungen sesshaft geworden. 
In Nottuln-Uphoven sind Keramik-Bruchstücke der so genannten 
Michelsberger-Kultur zu finden, die hier um 4000 vor Christus 
ansässig wurde, dann Fundstücke aus der Trichterbecher-Kultur, 
rund 1000 Jahre jünger. Im fortgeschrittenen Neolithikum 
explodierte die Kultur der Menschen, sie lernten beispielsweise, 
mit dem Pflug die Felder zu bearbeiten und erfanden das Rad.

"Nottuln war offensichtlich einer der frühesten Vorposten für 
Ackerbauern im Norden", ist Groer sicher. "Aber ob hier 
ununterbrochen Menschen lebten, wozu der Graben genutzt wurde, 
wie die Siedlung ausgesehen haben mag, das können wir alles noch 
nicht sagen."

Die lockeren Trockenböden sind gut durchlüftet, Organisches 
bleibt über so einen langen Zeitraum oft nicht erhalten. 
Holzhäuser, wenn es sie denn gegeben hat, sind längst zerfallen, 
Knochen haben sich aufgelöst. Eine Schutzfunktion, das vermutet 
Groer, wird der Graben, dessen Verlauf über 200 Meter zu 
verfolgen ist, bevor er an beiden Enden in einem Waldstück 
verschwindet, nicht gehabt haben. "Der innere Teil der Anlage, 
mit seinen Siedlungsspuren wie Hütten und Gruben, liegt nicht 
nach oben, sondern nach unten, der Stever, zu", erklärt Groer. 
"Damit bietet der Graben keine Sicherheit für ein Dorf." Eine 
Erklärung dafür ist nicht einfach. Welchen Anreiz hatten die 
Menschen, sich an dieser Stelle immer wieder anzusiedeln?

Das möchte Groer in den kommenden zwei Jahren klären, ebenso wie 
die Frage, wann und warum die Menschen im Münsterland begannen, 
sesshaft zu werden. Ob sie nun aus Süddeutschland über das 
Rheingebiet und die Hellwegzone einwanderten oder ob die 
ansässigen Jäger und Sammler aus eigenem Entschluss den Ackerbau 
erlernten, ist umstritten. Dass es Kontakte und einen Austausch 
auch zwischen weit auseinanderlebenden Menschen gegeben haben 
muss, ist klar. So fand Groer ein Arbeitsgerät aus einem 
Feuerstein, der aus Belgien importiert wurde.

In den folgenden Kampagnen der Jahre 2007 und 2008 werden 
weitere durch die Geophysik erschlossene auffällige Strukturen 
mit Hilfe einer weit größeren Mannschaft ergraben. Einbezogen 
ist bereits jetzt das Institut für Landschaftsökologie zur 
Rekonstruktion der alten Umwelt. Weiter vorgesehen sind 
Untersuchungen zur frühen Tier- und Pflanzenwelt dieser 
wichtigen Umbruchszeit.


INFO

Abteilung für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
URL: http://www.uni-muenster.de/UrFruehGeschichte