[WestG] [AKT] LWL-Volksliedarchiv sammelt Lieder aus Westfalen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Jul 6 11:16:08 CEST 2007


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 03.07.2007, 13:44


AKTUELL

"Im schönsten Wiesengrunde" statt bei den Caprifischern  
LWL-Volksliedarchiv sammelt Lieder aus Westfalen 

"Komm ein bißchen mit nach Italien, komm ein bißchen mit ans 
blaue Meer..." klang es ab 1955 aus vielen bundesdeutschen 
Radios. Die Caprifischer, "rote Rosen, rote Lippen, roter Wein 
und Italiens blaues Meer" waren in aller Munde und prägten das 
Italienimage nachhaltig: Italien war in den 1950er und 60er 
Jahren zweifellos das beliebteste Reiseziel der Deutschen im 
Ausland. Doch viele Menschen konnten ihren Urlaub nur in der 
Heimat verbringen. Mit einem Lied auf den Lippen gingen sie auf 
Wanderschaft. Diese Lieder sammelt der Landschaftsverband 
Westfalen-Lippe (LWL) im Westfälischen Volksliedarchiv.

"Wird über Reiseziele gesprochen, so gerät leicht in 
Vergessenheit, dass bis in die 1950er Jahren der Urlaub in "Bad 
Meingarten" oder auf "Balkonien" sehr viel stärker verbreitet 
war als die Italienreise. Angesichts der angespannten 
wirtschaftlichen Lage leistete sich noch zu Beginn der 1950er 
Jahre nur ein Fünftel der Bevölkerung eine Urlaubsreise. Viele 
Menschen waren nach wie vor damit ausgelastet, ihre 
Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem 
Kopf zu organisieren. Andere hatten sich wirtschaftlich zwar 
schon ein wenig konsolidiert, sie maßen aber Luxusgütern wie 
z.B. einem Kühlschrank oder einem eigenen Auto größere Bedeutung 
bei", erläutert Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der 
Volkskundlichen Kommission des LWL. Bei einer Umfrage des 
Allensbacher Institutes 1955 gaben noch 29 Prozent der Befragten 
an, sie hätten in ihrem Leben noch nie eine Urlaubsreise 
gemacht.

Teils notgedrungen, teils aber auch aus ehrlicher Überzeugung 
begaben sich laut Cantauw viele Zeitgenossen im Urlaub in die 
heimische Umgebung, deren Reize sie durchaus wahrnahmen, wie das 
Liedgut belegt:

"Ich bin so gern daheim, daheim in meiner stillen Klause. / Wie 
klingt es doch dem Herzen wohl, dies liebe traute Wort Zuhause. 
/ Und nirgends auf der weiten Welt, bin ich befreit so von 
Beschwerden. / Ein braves Weib, ein herzig Kind, das ist mein 
Himmel auf der Erde", lautet etwa die erste Strophe eines alten 
Volksliedes, das der Tierarzt August Lange aus Bad 
Laasphe-Feudingen (Kreis Siegen-Wittgenstein) der 
Volkskundlichen Kommission mitgeteilt hat.

Naturbegeisterung drückt sich in einem anderen alten Liedtext 
aus: Seht den Himmel wie heiter, / Laub und Blumen und Kräuter, 
/ Schmücken Feld und Hain. / Balsam atmen die Weste, / Und im 
schattigen Neste, / Girren brütende Vögelein. / Über grünliche 
Kiesel, / Rollt der Quelle Geriesel. / Purpur blinkender Schaum. 
/ Und die Nachtigall flötet, / Und vom Abend gerötet, / Wiegt 
sich spiegelnd der Blütenbaum. / Alles tanzt vor Freude. / Dort 
das Reh auf der Heide. / Hier das Lämmchen im Tal, / Vögel hier 
im Gebüsche, / Dort im Teiche die Fische. / Tausend Mücken im 
Sonnenstrahl."

"Die älteren Liedtexte sprechen eine sehr eindeutige Sprache. 
Hier ist nicht von Sonne, Strand und Meer die Rede, sondern von 
der heimischen Tier- und Pflanzenwelt", erläutert Cantauw. Die 
Begeisterung für die Natur, die die Romantiker geweckt hatten, 
hielt nach ihren Angaben bis weit in die 1950er Jahre hin an. 
Seit den 1960er Jahren gab es aber kein Halten mehr: Spätestens 
jetzt war es nicht mehr der "schöne Wiesengrund", der Emotionen 
auslöste, sondern der Sonnenuntergang auf Capri.

Seit neuerer Zeit ist aber wieder ein gegenläufiger Trend zu 
beobachten: Deutschland als Reiseziel ist wieder "sexy" wie die 
Stern-Redaktion kürzlich feststelle. "Leider können wir diesen 
Trend nicht an bestimmten Liedern festmachen, denn nach dem Tod 
von Renate Brockpähler, die das Archiv bis 1990 betreut hat, 
konnten wir die Liedersammlung im Westfälischen Volksliedarchiv 
aus personellen Gründen nicht fortsetzen", bedauert Anne Wolf. 
Sie digitalisiert und erschließt derzeit in einem von der 
Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt insgesamt 
9000 schriftliche Liedbelege und Tonaufnahmen, die zwischen 1900 
und 1990 in ganz Westfalen zusammengetragen wurden.


INFO

Weitere Informationen zum Westfälischen Volksliedarchiv erhalten 
Interessierte unter: www.westfaelisches-volksliedarchiv.de. oder 
montags bis mittwochs bei Anne Wolf unter Tel.: 0251/83-25409.