[WestG] [AKT] Fasten hat sich von 150-taegiger Bußuebung zur spirituellen Erfahrung gewandelt, Muenster

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Feb 26 11:51:23 CET 2007


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 20.02.2007, 12:22


AKTUELL

"Schmachtlappen", Eierpfannkuchen und Strafpredigten: Fasten hat 
sich von 150-tägiger Bußübung zur spirituellen Erfahrung 
gewandelt

"Jeder fünfte Deutsche macht beim Fasten mit", das meldete die 
Zeitschrift "Stern": Nach einer repräsentativen Umfrage wollen 
20 Prozent der Deutschen in der Zeit zwischen Aschermittwoch und 
Ostern auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel, wie etwa auf 
Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol oder Zigaretten verzichten. 
"Während das Fasten heute eher als spirituelle Erfahrung die 
eigene Persönlichkeit bereichern soll, war das Fasten früher als 
Kirchengebot nicht freiwillig. Es war eine streng 
vorgeschriebene Bußübung, der jeder Katholik nachkommen musste, 
wollte er nicht abseits der Gemeinschaft stehen und sein 
Seelenheil aufs Spiel setzen", erklärt Dr. Peter Höher, 
Volkskundler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Heute sind nur noch die 40 Tage vor Ostern als Fastentage 
bekannt. Noch im 19. Jahrhundert zählte das katholische 
Kirchenjahr fast 150 solcher Tage: neben den vierzig Tagen von 
Aschermittwoch bis Karsamstag auch die vierzig Tage vor 
Weihnachten. "Da die Sonntage bei den Fastenzeiten ausgenommen 
sind, begann die weihnachtliche Fastenzeit mit dem 11. November, 
der heute eher als Beginn des Karnevals verstanden wird", so 
Höher. Zu diesen achtzig Tagen kamen alle Freitage und die so 
genannten Quatembertage und die Vigiltage. Das sind die Tage, 
die hohen kirchlichen Feiertagen vorausgehen oder ihnen folgen.

"Diese zahlreichen Fasttage konnte sich natürlich kaum jemand 
merken. Damit sie nicht vergessen wurden, war es eine wichtige 
Aufgabe für den Pfarrer, den Gläubigen jeden Sonntag von der 
Kanzel aus ausdrücklich einzuschärfen, ob und wann in der 
nächsten Wochen Fastengebote zu beachten sind", sagt Höher. Das 
könne man noch heute in den so genannten Verkündbüchern 
nachlesen, die für einige Pfarrgemeinden erhalten geblieben sind,
so beispielsweise für die Pfarrei St. Mauritius in Enniger 
(Kreis Warendorf). 

Hier seien seit dem frühen 19. Jahrhundert 
alle kirchlichen Angelegenheiten, die der Pfarrer von der Kanzel 
"verkündet" habe, sorgfältig notiert. Die Beachtung der Fasttage 
und -zeiten sei dabei ein immer wiederkehrendes Thema. "So 
ereiferte sich der Pfarrer im Jahre 1830, weil die Knechte am 
Fastnachtsdienstag von dem überreich gedeckten Tisch die 
Fleischportionen, die sie beim besten Willen nicht mehr essen 
konnten, einfach mitnahmen und dann in der Nacht beim Tanz 
verzehrten. Einige von ihnen, so empörte sich der Pfarrer, haben 
ihren Fleischimbiss nach Mitternacht verzehrt, also am 
Aschermittwoch. Und das sei ja, wie jedermann wisse, ein 
schlimmer Verstoß gegen das Fastengebot", berichtet der Experte 
von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen.

Es waren aber nicht allein der Zwangscharakter und die ungleich 
größere Zahl der Fasttage, die das Fasten früherer Zeiten von 
dem Fasten heute unterscheideten, sondern auch die Art und Weise,
 wie gefastet werden musste. Es gab zwar seit dem ausgehenden 
Mittelalter immer wieder Änderungen, doch die Grundregel blieb 
bestehen: Es durfte kein Fleisch von vierfüßigen Tieren und 
Vögeln gegessen werden und lange Zeit waren auch Produkte dieser 
Tiere wie Eier, Milch, Käse, Butter und tierisches Fett 
verboten. Außerdem gab es Tage, an denen die Zahl der täglichen 
Mahlzeiten reduziert war ("Botfasten", "Abbruchfasten").

Diese Nahrungsbeschränkungen versuchten einige Gläubige zu 
kompensieren. Bekannt sind Schlemmereien bei Fischmahlzeiten 
(Karpfen) und dem Starkbier (Fastenbier). "Das war aber wohl nur 
bei einer kleinen vermögenden Oberschicht so, in der Regel 
dürfte es wesentlich karger zugegangen sein", vermutet Höher. 
Küchenrechnungen großer Güter oder Hospitäler, in denen auch 
ältere Leute ähnlich den heutigen Altenheimen versorgt wurden, 
bestätigen das. 

Die Knechte, Mägde und Hausangestellten auf Haus 
Hülshoff bei Münster und Haus Berge bei Gelsenkirchen bekamen in 
der Fastenzeit nur selten Fisch. In der Stadt, bei den 
Pfründnern im Magdalenenhospital zu Münster, stand dagegen 
Salzhering und Stockfisch häufiger auf dem Speiseplan. Typischer 
Fleischersatz war lange Zeit die Feige, erst gegen Ende des 18. 
Jahrhunderts kamen auch Eier und Milchprodukte in der Fastenzeit 
auf den Tisch, und das machte eine einigermaßen ausgeglichene 
Ernährung möglich: Eierpfannkuchen wurden in großen Mengen 
verzehrt und liefen den Feigen als Fleischersatz schnell den 
Rang ab.

Charakteristische Fastenspeisen im Münsterland und darüber 
hinaus, waren auf dem Land die "Micken", kleine Küchlein aus 
Roggenmehl. Im städtischen Bereich gab es die "Heißwecken" aus 
Weizenmehl. Am Karfreitag gab es "Struwen", "Püfferkes" oder 
"Bollebäumskes", in Pflanzenöl gebackene süße Pfannküchlein, oft 
mit Rosinen und anderen Gewürzen verfeinert. Sie dienten dazu, 
das quälende Hungergefühl etwas zu stillen.

In vielen Kirchen hing ab Aschermittwoch das so genannte 
Fastenvelum, ein großes, besticktes Tuch, zwischen den Gläubigen 
und dem Altar. Es wurde als das Zeichen der Fastenzeit angesehen 
und westfälischderb "Smachtlappen" genannt. Im Hochdeutschen hat 
sich die mildere Bezeichnung "Hungertuch" eingebürgert. Einige 
dieser alten, bildreich bestickten Stücke haben die Zeiten 
überdauert. Das in Westfalen bekannteste ist das Hungertuch aus 
Telgte (Kreis Warendorf), das dort im Museum zu sehen ist.

Das Hungertuch wurde erst am Mittwoch der Karwoche wieder 
abgenommen. An diesem Tag wurde die Lukaspassion verkündet, und 
genau an der Stelle, an der es heißt: "Der Vorhang des Tempels 
riss mittendurch" (Lk 23,45), ließ der Küster den "Smachtlappen" 
zu Boden fallen. "Für das Kirchenvolk wird es ein erhebender 
Moment gewesen sein. Der freie Blick auf den Altar 
signalisierte: Bald hat das Darben ein Ende!", so Höher.