[WestG] [AKT] Archiv fuer westfaelische Volkskunde wird digitalisiert

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Feb 7 10:43:49 CET 2007


Von: "Pressestelle der Uni Münster" <pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 05.02.2007, 13:42


AKTUELL

Historische O-Töne aus Westfalen 
Archiv für westfälische Volkskunde wird digitalisiert

Welche Lieder waren Anfang des 20. Jahrhunderts in Westfalen 
beliebt? Wie lief ein westfälisches Schützenfest oder eine 
Hochzeit in den 1950er Jahren ab? In schriftlicher Form liegt 
über derartige Themen einiges vor, Original-Tonaufnahmen (O-Töne)
von Zeitzeugen und damit Informationen aus erster Hand zu 
diesen und anderen kulturellen Erscheinungen sind jedoch 
spärlich gesät und deshalb besonders wertvoll. Die vom Verfall 
bedrohten Tondokumente des Archivs für westfälische Volkskunde 
des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe werden in den kommenden 
zwei Jahren vom Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie 
der Universität Münster digitalisiert und damit für die Nachwelt 
gerettet.

Auf 270 Magnettonbändern und 425 Audiokassetten haben 
Wissenschaftler seit den 1950er Jahren Alltägliches und 
Festtägliches aus Westfalen dokumentiert. Zu diesen 
authentischen Aufnahmen aus der ethnologischen Feldforschung 
zählen unter anderem Volksliedgesänge mit entsprechenden 
Erklärungen, Erzählungen, Interviews über Bräuche und ehemalige 
Arbeitsverfahren sowie Lebenserinnerungen. Die 
Liedaufzeichnungen enthalten das Repertoire einzelner 
Volksliedsänger sowie Liedsammlungen aus verschiedenen Orten und 
Lieder bestimmter Singgemeinschaften. Dazu zählen auch 
Lambertus-Lieder aus Münster, die rund um das Lambertusfest am 
17. September von Kindern auf den Straßen und Plätzen gesungen 
wurden und teilweise heute noch werden.

Die Nutzung und wissenschaftliche Auswertung solcher wertvollen 
Quellen ist seit mehreren Jahren nahezu unmöglich: 
Funktionierende Abspielgeräte für die verschiedenen Bandformate 
sind kaum noch verfügbar, und die Qualität insbesondere der 
Magnettonbänder verschlechtert sich aufgrund der zeitbedingten 
chemischen Zersetzungsprozesse zusehends. Angesichts der 
veralteten Karteikartendokumentation, die sich auf die 
Zählerstände der nicht mehr vorhandenen Aufnahmegeräte stützt, 
gestaltet sich eine gezielte inhaltliche Suche darüber hinaus 
als schwierig.

Um die gefährdeten Tondokumente vor dem endgültigen Verstummen 
zu retten und den gezielten Zugriff auf die Inhalte zu 
erleichtern, werden sie jetzt professionell digitalisiert und 
neu erschlossen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 
fördert das Projekt mit dem Titel "Digitale Erfassung, 
Erschließung und Langzeitarchivierung von Beständen des Archivs 
für westfälische Volkskunde der Volkskundlichen Kommission für 
Westfalen". Die Durchführung liegt in den Händen des Seminars 
für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Universität Münster 
unter Leitung von Prof. Dr. Ruth-E. Mohrmann und der 
LWL-Kommission unter Leitung von Christiane Cantauw.

Parallel zur Erfassung des Tonarchivs ist als zweite Säule des 
Projekts die Digitalisierung und Neuerschließung des 
schriftlichen Volksliedarchivs mit seinen mehr als 9.000 
Liederblättern geplant. Bereits während des ersten Weltkriegs 
legte Karl Wagenfeld, Gründer und Geschäftsführer des 
Westfälischen Heimatbundes, den Grundstock für das Archiv. Die 
Sammlung, die durch 100 handschriftliche Liederbücher aus der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zahlreiche gedruckte 
Gebrauchsliederbücher ergänzt wird, ist unter anderem durch 
gemeinsame Gewährspersonen und transkribierte Audioaufnahmen eng 
mit dem Tonarchiv verflochten. So findet man viele Lieder sowohl 
in schriftlicher als auch akustischer Form.

Spätestens wenn beide Archivteile in digitaler Form vorliegen 
und die zugehörigen Metadaten, wie etwa Liedtitel, Aufnahmeort 
und Datum in eine Datenbank eingetragen worden sind, werden sie 
auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Geplant ist ein 
Internet-Auftritt, der die Möglichkeit bietet, online nach 
Liedern und anderen Tonaufnahmen sowie schriftlichem Liedgut aus 
Westfalen zu recherchieren und sich Inhalte kostenfrei auf den 
eigenen Rechner zu laden. Dann wird auch das typische 
Lambertuslied aus Münster "O Buer, wat kost' dein Hai..." 
endgültig für künftige Generationen gesichert sein.


INFO

Weitere Informationen:
Anne Wolf
Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie
Telefon 0251/83-25409, 
E-Mail: wolfanne at uni-muenster.de.

Link: Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie 
(http://www.uni-muenster.de/Volkskunde/)