[WestG] [LIT] Fiegert, Monika / Ziessow, Karl-Heinz: Evangelische Gemeinden im Osnabruecker Land
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Aug 23 08:43:22 CEST 2007
Von: "Birgit Kehne" <Birgit.Kehne at nla.niedersachsen.de>
Datum: 21.08.2007, 14:24
LITERATUR
Monika Fiegert, Karl-Heinz Ziessow: "* die ganze Schöpfung
auszuspähen*" Evangelische Gemeinden im Osnabrücker Land
aus der Sicht ihrer Seelsorger am Beginn einer neuen Zeit
(1801 - 1808)
Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen Bd. 49,
hg. vom Verein für Geschichte und Landeskunde von
Osnabrück e.V.,
Selbstverlag des Vereins, Osnabrück 2007, 22,- €
Der neueste Band der Reihe "Osnabrücker Geschichtsquellen und
Forschungen" enthält Berichte, die evangelische Pfarrer aus dem
Osnabrücker Land zu Beginn des 19. Jahrhunderts an das
Evangelische Konsistorium in Osnabrück zu richten hatten. Sie
sollten jährlich Auskunft erteilen über alle historischen
Ereignisse und sonstige wichtige Begebenheiten in ihrer Pfarre:
über den Zustand von Kirche und Schule, den Unterricht, die
wirtschaftlichen Verhältnisse, Religiosität, Moral und Sitten.
Die Pfarrer haben hierbei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt,
durch alle Berichte hindurch ziehen sich aber die wechselvollen
Ereignisse der ersten Jahre des 19. Jahrhunderts, einer
Umbruchszeit in vieler Hinsicht. Was sich in der kleinen Welt
einer Landgemeinde abspielte, stand durchaus in Beziehung zu den
großen Umwälzungen der Zeit. Auch die evangelischen Pfarrer
spürten die Auswirkungen der Säkularisation; eine neue Situation
entstand vor allem für die gemischtkonfessionellen Gemeinden des
Osnabrücker Landes. Die Säkularisation, d.h. die Umwandlung
geistlicher Besitzungen in weltliche und die Aufhebung der
Klöster bei Übergang ihrer Güter in den Besitz des Landesherrn,
betraf Osnabrück in besonderem Maße.
Das Fürstbistum Osnabrück wurde Ende 1802 vom Kurfürstentum
Hannover übernommen. Der französische Expansionsdrang beließ es
aber nicht dabei. Im folgenden Jahrzehnt gehörte Osnabrück mal
zu Preußen, dann wieder zu Hannover, dann zum französischen
Generalgouvernement, zum kurzlebigen Königreich Westfalen und
zum Kaiserreich Frankreich. Nach der Niederlage Napoleons 1813
kam Osnabrück schließlich wieder an das Kurfürstentum Hannover.
Diese Wechsel in der Zugehörigkeit des Fürstentums waren mit
ständig neuen Truppeneinquartierungen verbunden, worüber in
allen Berichten geklagt wird. So schreibt Pastor Kramann aus
Iburg zum Jahr 1805 über die wetterbedingte Missernte und fährt
fort: "Diese physischen Ursachen der Noth vermehrten in unserm
unglüklichen Vaterlande noch andere des Kriegs. Wir blieben noch
durch die ganze erste Hälfte dieses Jahres und weiter unter der
französischen Occupation. Die unvermeidlichen Erlegungen
mancherlei Steuern und Naturallieferungen und eine kostbare
Bequartierung der Feinde schlug unsern Gemeinheiten Wunden, an
welchen die Nachkommen noch werden das Blut zu stillen haben."
Pastor Metzener aus Engter kommentiert die politische
Veränderung 1807: "Noch vor dem Schluße des Jahrs gieng die
große Umwandlung der hiesigen Landesverfassung vor, die die
Herzen aller Einwohner mit den größesten Erwartungen erfüllet.
Unser Fürstenthum wurde mit dem Königreiche Westphalen
vereiniget. Sr. Majestät des Königes von Westphalen, Hieronymus
Napoleon, übernahmen die Regierung und wollten noch vor Ende des
Jahrs die Huldigung annehmen. Diese wurde aber bis zum ersten
Januar 1808 ausgesezt. Mit dem ersten Tage dieses Jahres hebt
also eine ganz neue Epoche in der Geschichte unsers Vaterlandes
an."
In Anbetracht der wechselvollen Zeiten, die auch für die
evangelische Seite im Osnabrücker Fürstentum Ungewissheiten mit
sich brachten, lag es für das Konsistorium nahe, über die
Pfarrer ein Bild von den Zuständen in den Gemeinden zu erhalten.
Auf den Leser dieser Berichte kommt eine Fülle von Informationen
zu, deren unterschiedliche Ausrichtungen wiederum die
Interessenlage und Mentalität der einzelnen Verfasser deutlich
werden lassen. Für die einen steht der Zustand von Kirche und
Schule im Vordergrund, andere charakterisieren jede Familie in
der Pfarrei, manche philosophieren über das Weltgeschehen und
die Religion. Moral und christliches Leben in der Gemeinde wird
aber immer thematisiert. Damit ist es nach Meinung der Pfarrer
häufig nicht gut bestellt. Pastor Block aus Bramsche moniert:
"Die so genannten Abendspinnereien am Sonnabend und heiligen
Abenden haben seit einigen Jahren sehr überhand genommen. Hier
spinnt eine ganze Gesellschaft weiblichen Geschlechts für einen
Bekannten bis tief in die Nacht hinein, und gehet denn
gewöhnlich, weil Branntwein in diesem Kreise, den junge
Bauernburschen zu besuchen pflegen, gereicht wird, oft lärmend
auseinander.
Auch die Tanzereien an Sonntagen haben sich seit mehreren Jahren
vermehret, und da blos junge Persohnen, vorzüglich Dienstbothen,
sich dann ohne die mindeste Aufsicht versammlen: so kann
durchaus nichts als Unheil daraus entstehen."
Pastor Möllmann in Börstel hingegen ist zufrieden mit seiner
Gemeinde: "Wenngleich auch hier die Leidenschaften ihr Spiel
treiben, so sind die Bauern doch auch sehr arbeitsam und frugal.
Es wird hier manches Stück Woll-Laken gemacht; es wird mancher
Schweißtropfen in Holland und hier von unsern Leuten vergossen.
Man lebt in Börstel sehr mäßig. Man kennt hier des Sonntags
keine Kirchgänger welche die Wirtshäuser benutzen um alle
Eindrücke des Gotteshauses wieder zu vertilgen."
Aus diesen Zustandsbeschreibungen und den moralisierenden,
theologischen, philosophischen oder ökonomischen Betrachtungen,
die die Pfarrer daran knüpfen, sind vielfältige Informationen
heraus zu filtern. Genau dieses ist mit der Edition der Quelle
beabsichtigt. Die Bearbeiter, Monika Fiegert, im Fachbereich
Erziehungs- und Kulturwissenschaften an der Universität
Osnabrück tätig, und Karl-Heinz Ziessow, Kustos am Museumsdorf
Cloppenburg, bieten mit ihren einführenden Beiträgen Wege zur
Auswertung der Texte an. Darüber hinaus ist es aber auch ihre
Intention, mit dem leichten Zugang in gedruckter Form eine
Einbindung der Quelle in die historische Bildungsarbeit in
Schule und Universität zu ermöglichen. Anschaulicher als durch
diese Zeitzeugenberichte ist die Umbruchszeit um 1800 nicht zu
erfassen.
INFO
Kontakt:
Renate Janßen
Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück e.V.
Schloßstr. 29
49074 Osnabrück
Tel.: 0541/3316214
E-Mail: HistVer.Osnabrueck at nla.niedersachsen.de
URL: www.verein-fuer-geschichte-und-landeskunde-von-osnabrueck.de