[WestG] [AUS] Westfalczycy - von Polenzechen und Pendelmigrantinnen, 18.08.-28.10.2007, Bochum

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Aug 21 08:30:56 CEST 2007


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 16.08.2007, 14:39


AUSSTELLUNG

Westfalczycy - von Polenzechen und Pendelmigrantinnen
LWL-Industriemuseum erzählt Geschichte der "Ruhrpolen" 
bis heute weiter

Vor 100 Jahren kam die ersten Polen ins Revier, um hier die 
Kohle aus dem Berg zu holen, heute pflegen "Pendelmigrantinnen" 
aus dem Nachbarland unsere alten Menschen. Einen Bogen von den 
Anfängen der polnischen Migration bis zur gegenwärtigen 
polnischen Kultur an der Ruhr gibt eine Ausstellung, die der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 18. August bis 28. 
Oktober 2007 in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum 
zeigt. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach dem Zweiten 
Weltkrieg - von den Zwangsarbeitern und Displaced Persons über 
die Solidarnosc-Flüchtlinge und Spätaussiedler der 
1980er Jahre bis zur Nachfolgegeneration, die heute ihre Zukunft 
im zusammenwachsenden Europa sucht.

Mehr als 120 Objekte haben die Ausstellungsmacher 
zusammengetragen, Erinnerungen von Zeitzeugen aufgenommen und 
Interviews mit deutschen und polnischen Jugendlichen geführt. 
Hör- und Videostationen dokumentieren die Ergebnisse der 
Gespräche.

"Nach der Italiener-Ausstellung vor zwei Jahren nehmen wir im 
LWL-Industriemuseum erneut das für das Revier so wichtige wie 
aktuelle Thema Migration in den Blick", betonte Museumsdirektor 
Dirk Zache heute (16.8.) bei der Vorstellung der Ausstellung in 
Bochum. Gleichzeitig sei "Westfalczycy" ein Meilenstein im 
Rahmen des aktuellen deutsch-polnischen Themenschwerpunkts des 
LWL-Industriemuseums mit Ausstellungen in seinen acht Standorten 
(s. Anhang).

Arbeiten und Beten

Zwischen der Gründung des Deutschen Reichs und dem Ersten 
Weltkrieg kam mehr als eine halbe Million Menschen aus Posen, 
Schlesien und Masuren in das rheinisch-westfälische 
Industriegebiet, um hier in kurzer Zeit Geld für ein besseres 
Leben in der Heimat zu verdienen. Sie arbeiteten vor allem im 
Bergbau. In den sogenannten "Polenzechen" im Raum Gelsenkirchen, 
Herne, Recklinghausen, Essen und Wattenscheid stellten sie mehr 
als die Hälfte der Belegschaft.

Der katholische Glaube spielte im Alltag der Polen eine zentrale 
Rolle. Fahnen von polnischen Gebetsbruderschaften und religiösen 
Vereinen geben in der Ausstellung einen Eindruck davon. Im 
Umfeld der in Bochum ansässigen polnischen Seelsorger entstanden 
um die Jahrhundertwende die bedeutendsten polnischen 
Organisationen. Bochum entwickelte sich zum organisatorischen 
und kulturellen Zentrum der Polen im Revier.

"In der nationalistischen Grundstimmung der ansässigen 
Bevölkerung bildeten sich bald Vorurteile gegen die Polen aus, 
die oft als laut, auf den eigenen Vorteil bedacht und wenig 
ordnungsliebend dargestellt wurden, wie Spottpostkarten und 
Spottgedichte in unserer Ausstellung zeigen", so Museumsleiter 
Dietmar Osses. In der Zeit des Nationalsozialismus gerieten die 
Polen immer mehr unter Druck, bis mit dem deutschen Überfall auf 
Polen selbst polnische Funktionäre im Ruhrgebiet verhaftet und 
in Konzentrationslager gebracht wurden. Dokumente und Briefe des 
Bergmanns Walenty Lukowiak aus dem KZ Sachsenhausen zeichnen den 
Weg vom Funktionär zum Verfolgten nach.

Zwangsarbeiter und "DP's"

Während des Zweiten Weltkriegs wurden 1,7 Millionen Polen als 
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene nach Deutschland gebracht. 
Rund 40.000 von ihnen mussten in den Bergwerken des Reviers 
arbeiten. Nach Kriegsende konnten die meisten Polen nicht in 
ihre Heimat zurückkehren. Sie wurden als Displaced Persons (DPs) 
in Lagern untergebracht. Die Ausstellung berichtet eindringlich 
mit Zeitzeugenberichten und Erinnerungsstücken über die Zeit des 
DP-Lagers in Halten 1945 -1947 sowie die 1951 errichtete 
DP-Siedlung in Dortmund-Eving, in der bis heute eine aktive 
polnische Gemeinschaft lebt.

Solidarnosc-Flüchtlinge und Spätaussiedler

Das harte Vorgehen der polnischen Regierung gegen Kritiker und 
Oppositionelle im Umkreis der Solidarnosc-Bewegung brachte Ende 
der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre rund 250.000 Polen als 
Flüchtlinge nach Deutschland. Viele von ihnen ließen sich im 
Ruhrgebiet nieder. Die Fluchtausrüstung des studentischen 
Oppositionellen Marek Wolski-Poliwski und Erinnerungsstücke des 
Solidarnosc-Funktionärs Josef Matuszyk aus dem 
Internierungslager Zabrze sowie lebensgeschichtliche 
Erinnerungen zeichnen davon in der Ausstellung ein 
beeindruckendes Bild.

Mit der Ausreisewelle der späten 1980er Jahren kam gut eine 
Million polnischer Zuwanderer nach Deutschland, rund 200.000 von 
ihnen zogen ins Ruhrgebiet. Mit acht Lebensgeschichten zeichnet 
die Ausstellung den Weg in den Westen nach und zeigt das 
Spektrum der Lebensentwürfe vom Arzt über einen Spediteur, Koch, 
Künstler, Lehrer bis hin zum Betreiber eines Internet-Radios.

Polen im Ruhrgebiet heute

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Blick in die Gegenwart 
und Zukunft der Polen im Ruhrgebiet. Vier Videostationen eines 
Jugendprojekts des LWL-Industriemuseums mit dem 
Jugendförderkreis Dortmund und dem Städtischen Jugend- und 
Medienhaus Bochum-Langendreer geben einen Einblick in den 
deutsch-polnischen Alltag der Nachfolgegeneration der 
Spätaussiedler. Hier zeigen die Jugendlichen ihr 
Selbstverständnis, berichten von Vorurteilen und äußern ihre 
Wünsche für die Zukunft im zusammenwachsenden Europa.

"Dank der zahlreichen Zeitzeugenberichte und persönlichen 
Erinnerungsstücke können wir besonders eindringlich die jüngere 
Geschichte der polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet zeigen", 
freuen sich Museumsleiter Dietmar Osses und seine 
wissenschaftliche Mitarbeiterin Ludwika Gulka-Höll. "In der 
Ausstellung kommen die Menschen selbst zu Wort - und liefern 
nicht nur spannenden Einblicke in die Geschichte, sondern machen 
auch die gegenseitigen Vorstellungen und Vorurteile deutlich. 
Unser Museum will damit auch einen Beitrag zum besseren 
Verständnis im immer noch wechselhaften deutsch-polnischen 
Verhältnis leisten", hofft Osses. Museumsdirektor Zache freut 
sich deshalb auch besonders, dass Generalkonsul Andrzej 
Kaczorowski zur Ausstellungseröffnung am Freitag (17.08.) um 17 
Uhr kommen 
wird.


INFO

Westfalczycy - Ruhrpolen
Zuwanderer aus Polen im Ruhrgebiet 1871 bis heute
18.8. bis 28.10. 2007
LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
Günnigfelder Straße 251
44793 Bochum-Hordel
Öffnungszeiten: Do 14-20 Uhr, Fr und Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr
Gruppenführungen jederzeit nach Anmeldung.

Zur Ausstellung ist ein wissenschaftlicher Begleitband mit 
Katalogteil erschienen: Dagmar Kift, Dietmar Osses (Hg.): Polen 
- Ruhr. Zuwanderungen zwischen 1871 und heute 
(= LWL-Industriemuseum Quellen und Studien Band 14), 164 S., 
zahlreiche, meist farbige Abbildungen. Klartext Verlag Essen, 
ISBN 3-89861-851-X. Das Buch kostet 14,90 EUR und ist in den 
Museumsshops des LWL-Industriemuseums sowie über den 
Buchhandel erhältlich.

Zur Ausstellung erwartet die Besucher ein umfangreiches 
Begleitprogramm:

Fr, 17.8., 19 - 21Uhr
Eröffnung der Ausstellung "Westfalczycy - Ruhrpolen. 
Zur Einwanderung aus Polen ins Ruhrgebiet 1870 bis heute"

Do, 23.8., 19:30 - 21 Uhr
"Kathedralen und Karikaturen". Polnisch-deutsche Geschichte 
im Spiegel von Baudenkmalen und Bildquellen. Lichtbildvortrag 
von Thomas Parent, Dortmund

Do, 30.8., 19:30 - 21 Uhr
"Polnisch bleiben". Die polnische Minderheit im Ruhrgebiet 
zwischen 1918 und 1945. Vortrag von Valentina Stefanski, 
Bochum

Do, 6.9., 19:30 - 21 Uhr
"Der blinde Fleck". Über das Fehlen der Polen in der lokalen 
Geschichtsschreibung im Ruhrgebiet. Vortrag von Wulf Schade, 
Bochum

Do, 20.8., 19:30 - 21 Uhr
"Neue Heimat im Revier?" "Displaced Persons" und "heimatlose 
Ausländer" aus Polen in Haltern und Dortmund. Vortrag von 
Dietmar Osses, Bochum

Do, 4.10., 19:30 - 21 Uhr
"Polski Rewir". Ein polnischer Abend im LWL-Industriemuseum 
mit dem Chor "Polonia" aus Dortmund und Spezialitäten aus 
dem polnischen Restaurant "Gdanska" in Oberhausen

Do., 11.10., 19:30 - 21 Uhr
"Verräter oder Helden?" Zeitzeugenbericht des ausgewanderten 
Solidarnosc-Aktivisten Josef Matuszczyk

Do, 18.10., 19:30 - 21 Uhr
"Polnisch oder deutsch?" Spätaussiedler aus Polen im Ruhrgebiet 
seit den 1980er Jahren. Vortrag von Veronika Grabe, Essen

Do, 25.10., 19:30 - 21 Uhr
"Wie polnisch ist das Ruhrgebiet?" Impressionen deutsch-polnischer 
Jugendlicher im Ruhrgebiet heute.

So, 28.10., 11-15 Uhr
Finissage der Ausstellung

Weitere Ausstellung zum Thema Deutschland - 
Polen im LWL-Industriemuseum

Silesia Viva - Bergmännische Laienkunst aus Oberschlesien. 
Gastausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Zabrze 
(Hindenburg) in der GALERIEINDUSTRIEARBEIT, 
Alte Werkstatt. LWL-Industriemuseum, Zeche Zollern, 
20.5.-26.8.2007

Des Königs Kontrolleur. Die Reise des Oberbergrats Friedrich 
Wilhelm von Reden von Oberschlesien ins Ruhrtal. 
LWL-Industriemuseum, Zeche Nachtigall, 2.12.2007-30.3.2008