[WestG] [AKT] Ausstellungen, Ausgrabungen und Publikationen: Jahresbilanz der LWL-Archaeologen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Die Mai 23 11:28:34 CEST 2006


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 23.05.2006, 09:11


AKTUELL

Ausstellungen, Ausgrabungen und Publikationen
Jahresbilanz der LWL-Archäologen

In seiner 150-seitigen Jahresbilanz stellten die Archäologen des 
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) Fundplätze und 
Fundstücke, Ausstellungen und Publikationen aus dem 
vergangenen Jahr vor. "2005 hatten unsere Archäologen 
außergewöhnliche vielfältige Aufgaben zu bewältigen", fasst 
LWL-Chefarchäologin Museumsdirektorin Dr. Gabriele Isenberg 
die Arbeit zusammen. Die Fachleute untersuchten die 
verschiedensten Fundstellen von der Steinzeit bis hin zum 
Zweiten Weltkrieg in ganz Westfalen. Auch Fundmeldungen 
der ehrenamtlichen Mitarbeiter beschäftigten die Wissenschaftler. 
Einige der neuen Erkenntnisse stellten sie der Öffentlichkeit in 
Publikationen oder Ausstellungen, wie der Landesausstellung
in Herne, vor. Auch im LWL-Römermuseum Haltern war für 
Überstunden gesorgt: Fast 130 000 Besucher sahen in nur
dreieinhalb Monaten die Herculaneum-Ausstellung und machten 
sie damit zur erfolgreichsten archäologischen Ausstellung in 
Westfalen. 

Die Herculaneum-Ausstellung im Westfälischen Römermuseum 
Haltern präsentierte Funde aus der Nachbarstadt Pompejis, die 
ebenfalls bei dem Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. verschüttet 
wurde, erstmals außerhalb Italiens. Neben Marmorstatuen,
Bronzeskulpturen, Wandmalereien und Holzmöbeln waren auch 
zwei Papyrusrollen aus der Bibliothek der berühmten Villa dei 
Papiri, deren Erbauer der Schwiegervater von Julius Caesar war, 
zu sehen. Die erfolgreichste rein archäologische Ausstellung 
Westfalens schrieb sogar schwarze Zahlen.

Das Westfälische Museum für Archäologie in Herne eröffnete im 
April 2005 den zweiten Teil der Dauerausstellung: Im Forscher-
labor können die Besucher an 14 Themenstationen die Methoden
nachvollziehen, mit denen Wissenschaftler die Spuren der 
Vergangenheit entschlüsseln. In der Raummitte wird ein Ausschnitt 
aus den Großsteingräbern von Warburg (Kreis Höxter) nachgestellt 
und als Kriminalfall inszeniert. Von Themenstation zu Themenstation 
finden die Besucher mehr über die Menschen, die dort vor 6000 
Jahren bestattet wurden, heraus. 
Das zweite große Projekt des vergangenen Jahres in Herne war die
Landesausstellung "Von Anfang an - Archäologie in Nordrhein-Westfalen". 
Sie präsentierte auf 1000 Quadratmetern die bedeuten-desten Funde 
der Archäologie der letzten fünf Jahre. 

Im Jahresbericht berichten die LWL-Archäologen und Paläontologen 
von ihren Bemühungen um die Denkmäler im Boden, dem unterirdischen 
Geschichtsarchiv. Auch 2005 mussten sie im Vorfeld von langfristigen 
Baumaßnahmen, bei kurzzeitigen Baustellenbeobachtungen oder 
Zufallsentdeckungen in ganz Westfalen aktiv werden. Dabei förderten 
sie neue Erkenntnisse zur Geschichte der Region zu Tage. Unterstützt 
wurden die Wissenschaftler von zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitern, 
ohne deren Hilfe viele Arbeiten aufgrund der knapper werden Mittel 
und der dünnen Personaldecke nicht möglich gewesen wären. 

Die LWL-Außenstelle Olpe untersuchte gemeinsam mit dem Deutschen 
Bergbau-Museum seit 2003 den Hüttenplatz am Trüllesseifen in
Siegen-Oberschelden (Kreis Siegen-Wittgenstein). Anhand des gut
erhaltenen Schmelzofens und der entdeckten Funde lässt sich die 
Metallverhüttung während der letzten Jahrhunderte v. Chr. 
rekonstruieren. Hier liegt erstmals können die Fachleute an einem 
alle Arbeitsprozesse rund um einen Schmelzofen im Detail studieren. 

Gleich acht neue Fundstellen zwischen Reken (Kreis Borken) und 
Dülmen (Kreis Coesfeld) versprechen neue Erkenntnisse für die Zeit 
des Übergangs von der Lebensweise der Jäger und Samm-ler zu 
der Zeit der Ackerbauern und Viehzüchter. Die LWL-Archäologen 
der Außenstelle Münster entdeckten die Stellen bei Gelände-
begehungen entlang des geplanten Verlaufs der B 67n. Da die 
geplante Straßenführung hier durch ein Feuchtgebiet führt, sind 
weitere wichtige Ergebnisse zu erwarten: Denn in Feuchtgebieten 
haben sich zahlreiche pflanzliche Überreste wie Pollen erhalten, 
die Rückschlüsse auf Anbau und Ernährung der Menschen früher 
erlauben.

Wie groß die zeitliche Spanne der archäologischen Fundplätze in 
Westfalen ist, zeigt eine Ausgrabung in Lichtenau-Herbram-Wald 
(Kreis Paderborn). Die Archäologen der LWL-Außenstelle Bielefeld 
untersuchten hier Relikte eines Großtanklagers der Wirtschaftlichen
Forschungsgesellschaft mbH, die 1934 gegründet wurde. Offiziell 
war sie für die Erbauung und den Betrieb von Versuchs- und 
Forschungsanlagen zuständig. Tatsächlich beschaffte, lagerte und
transportierte sie Treibstoffe, Benzin und Schmierstoffen im Zuge 
der Kriegswirtschaft. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 
die Anlage von den Alliierten zerbombt. Die archäologischen 
Untersuchungen ergänzen und korrigieren das Wissen aus
schriftlichen Berichten dieser Zeit. So entdeckten die Wissen-
schaftler ein nicht in den historischen Karten verzeichnetes 
Gebäude. Seine Funktion ist noch unklar. Bomben aus dem Krieg, 
die auf dem Gelände entdeckt wurden, erschwerten die Arbeiten. 
Der Kampfmittelräumdienst barg mehr als 36 Bomben.

Einen grausigen Fund machte die LWL-Stadtarchäologie in Paderborn.
Bei der Untersuchung eines mittelalterlichen Adelshofes und den 
nachfolgenden Bauten entdeckte sie 13 Ost-West ausgerichtete 
Grabgruben mit je bis zu sieben Skeletten. Einzelne der insgesamt 
etwa 40 Toten waren regelrecht in die Gruben geworfen worden 
und teilweise mit verdrehten Armen und Beinen liegen geblieben. 
Es sind Tagesgräber, die nötig wurden, als im 17. Jahrhundert 
die Friedhöfe überbelegt waren. Bei einem der Toten lag ein 
kleiner Leinenbeutel mit einer Silber- und vier Kupfermünzen. 

Die jüngste Münze datiert ins Jahr 1622. Es ist noch unklar, ob 
die Toten Opfer der Kampfhandlungen im Dreißigjährigen Krieg, 
einer Hungersnot oder einer Seuche geworden waren.

Einige Projekte konnten 2005 mit ihrer Publikation endgültig 
abgeschossen werden. So die Auswertung der Ausgrabungen 
des Münsteraner Domklosters von Dr. Alexandra Pesch, die zeigte, 
dass die Stadtgeschichte Münsters umgeschrieben werden muss. 
Liudger, der 805 zum ersten Bischof von Mimigernaford geweiht 
wurde, hatte sein Kloster, anders als bisher angenommen, auf 
unbebautem Gelände errichtet. Die legendäre sächsische Siedlung
Mimigernaford hat demnach nicht auf dem Domhügel gelegen. 
Wo genau sie zu lokalisieren ist, können vielleicht zukünftige 
Grabungen zeigen. 

Interessierte können den Jahresbericht ("Neujahrsgruß 2006") in
den LWL-Museen (Westfälisches Museum für Archäologie in Herne, 
Westfälisches Römermuseum Haltern und Museum in der
 Kaiserpfalz in Paderborn) zum Preis von drei Euro erwerben oder 
unter Telefon 0251 5907-285 bzw. per E-Mail 
(ruth.schuelting at lwl.org) bestellen. Er kostet vier Euro 
einschließlich Porto und Verpackung.


INFO

Westfälisches Museum für Archäologie
Landesmuseum und Amt für Bodendenkmalpflege
Europaplatz 1
44623 Herne 
Tel.: 02323 94628-0
Fax: 02323 94628-33
archaeologiemuseum at lwl.org 
www.landesmuseum-herne.de 


Westfälisches Römermuseum Haltern
Landesmuseum und Amt für Bodendenkmalpflege
Weseler Straße 100
45721 Haltern am See
Tel.: 02364 9376-0
Fax: 02364 9376-30
roemermuseum at lwl.org 
www.roemermuseum-haltern.de 


Museum in der Kaiserpfalz
Am Ikenberg 2
33098 Paderborn 
Tel.: 05251 1051-10 
Fax: 05251 1051-25
kaiserpfalz at lwl.org 
www.kaiserpfalz-paderborn.de