[WestG] [AUS] Neue Ausstellung: "Klima und Mensch", 30.05.2006-30.05.2007, Herne

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fre Mar 24 11:03:57 CET 2006


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 21.03.2006, 11:18


AUSSTELLUNG

Der Neandertaler trotzte dem Klima - und verschwand 
Neue Klimaausstellung in Herne

Im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne wird ab 30. Mai 
die bisher größte Ausstellung in Deutschland über "Klima und Mensch"
sowohl die Anpassungsfähigkeit der Menschen, Tiere und Pflanzen 
über die Jahrtausende als auch die Klima-Extreme vor sechs Millionen 
Jahren bis zu zukünftigen Hochwasserkatastrophen erlebbar machen 
(bis 30. Mai 2007). Das Museum des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL) wird das "Leben in Extremen" auf 900 
Quadratmetern mit über 300 bedeutenden Exponaten aus allen 
Kontinenten präsentieren. Vorab stellen wir einige der wichtigsten 
Themen vor.

Als der etwa 30-jährige Mann auf die Jagd ging, ahnte er noch nicht, 
was ihm an diesem Tag passieren sollte. In einem dunklen Waldstück 
erspähte er Spuren eines Rinds, denen er über mehrere Hundert Meter
folgte. An einem Bach sah er dann das Tier, schlich sich an, immer näher, 
hob seine Axt - und bekam einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf. 
Ein anderer Jäger war ihm zuvor gekommen, hatte das Beutetier schon
für sich ausgemacht und sich mit einem schweren Stock den Konkurrenten 
vom Hals geschafft. Der verletzte Mann hatte Glück, einige Stunden 
später fanden ihn einige Familienmitglieder, blutend, mit einem dicken
Loch im Kopf. 

Die Geschichte spielte sich so oder ähnlich vor etwa 125.000 Jahren ab,
im Gebiet des heutigen Krapina in Kroatien. Das Besondere an der 
Geschichte: "Die Angehörigen des Neandertalers kümmerten sich um 
den verletzten Jäger und pflegten ihn wieder gesund", sagt Dr. Michael 
Baales. Der LWL-Archäologe begründet seine Theorie mit einem Fundstück, 
das in der Ausstellung "Klima und Mensch" ab dem 30. Mai im Westfälischen
Museum für Archäologie in Herne zu sehen ist. "Das Schädeldach weist 
eine verheilte, schwere Kopfverletzung auf, die der Mann ohne Pflege 
niemals überlebt hätte." Sein Fazit: "Auch der Neandertaler war ein 
Gemeinschaftswesen, wie alle Menschen." Darauf deutet auch eine Elle 
hin, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird und deren Narben 
wahrscheinlich von Arthrose oder einer Amputation herrühren.

Für die Wissenschaftler beweisen diese Funde, dass die Neandertaler 
sich sozial verhielten, "ohne das sie in den extremen Situationen und
Klimaten auch nicht hätten überleben können". Die frühe Menschenart 
musste sich, wie alle menschlichen Gemeinschaften, mit Krankheiten, aber 
auch mit Verletzungen aus gewaltsamen Kämpfen auseinandersetzen. 
Auch diesen Teil der menschlichen Geschichte dokumentiert die Ausstellung - 
etwa mit einem 5.000 Jahre alten Schädel, den Archäologen in Porsmose 
in Dänemark fanden und  in dem noch eine Pfeilspitze steckt.
 
Der Neandertaler benötigte den sozialen Zusammenhalt auch, um mit 
den wechselnden und extremen Klimabedingungen in Europa zurechtzukommen. 
Vor 120.000 Jahren zum Beispiel war es durchschnittlich bis zu zwei Grad 
wärmer als heute. Während der Höhepunkte der jüngsten Eiszeit dagegen 
wurde es selbst im Sommer kaum wärmer als zehn Grad Celsius, und die 
Winter waren lang mit ständigem Frost. 

Trotzdem verbreitete sich der Neandertaler von Portugal bis nach 
Usbekistan, von Italien bis Wales, wo er zeitgleich mit Leoparden lebte, 
wie Fundstücke in der Ausstellung belegen. In Herne war er übrigens auch. 
Ein etwa 80.000 bis 100.000 Jahre alter Faustkeil, den man in der 
Ruhrgebietsstadt fand, belegt das.
 
"Er war sehr flexibel, körperlich wahrscheinlich sogar besser gerüstet als 
der Homo Sapiens, der vor etwa 200.000 Jahren in Ostafrika entstand",
berichtet Michael Baales. Der klassische Neandertaler hatte massivere 
Knochen und einen muskulöseren Körperbau als der moderne Mensch, 
außerdem Überaugenwülste, eine flache Stirn und ein fliehendes Kinn. 
"Der Neandertaler hatte zudem ein größeres Hirnvolumen, konnte besser 
hören und sehen und war stärker", erklärt der Archäologe. Trotz dieser 
Vorteile starb der Neandertaler vor etwa 36.000 Jahren aus. "Warum, 
weiß niemand so genau", sagt Baales.

Vielleicht lag es ja daran, dass sich der Homo Sapiens aus Europa wieder
nach Afrika zurückzog, als es vor 64.000 Jahren während der letzten 
Kaltzeit in Europa wieder richtig eisig wurde. Der Neandertaler aber blieb - 
und verschwand.


INFO

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Unesco und des
NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und ist eine Kooperation mit 
der Nordrhein-Westfälischen Stiftung für Umwelt und Entwicklung. Sie 
wird außerdem gefördert von: 
Kulturstiftung Westfalen-Lippe, Gelsenwasser AG, ThyssenKrupp Steel AG, 
RWE Westfalen-Weser-Ems-AG, Stadtwerke Herne AG, 1komma6 
Multimediale Dienstleistungen GmbH, Reifen Stiebling GmbH, Schwing GmbH, 
Deutsche Benkert GmbH & Co. KG, Sasol Germany GmbH, Kulturinitiative 
Herne e.V., Werner Ollbrink GmbH, Stadt Herne, Stadtmarketing Herne,
Stadt Herne, Verein der Freunde und Förderer des Westfälischen Museums 
für Archäologie e. V.