[WestG] [AKT] Andachtsuebung verdraengt Ausschweifungen, Fastnachtstreiben war Kirche und Obrigkeit zu "bunt"

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Feb 22 10:03:46 CET 2006


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 21.02.2006, 14:53


AKTUELL

Kirche und Obrigkeit war "wüstes und unsittliches Fastnachtstreiben" ein 
Dorn im Auge: Andachtsübung drängt "Ausschweifungen" zurück

Beim Blick auf die vielen Uniformen der Karnevalisten könnte man glauben, 
Fastnacht sei ein preußisches Brauchtum. Doch gerade die Preußen waren 
es, die im 19. Jahrhundert in Westfalen mit sehr unterschiedlichem Erfolg 
versuchten, viele karnevalistische Bräuche zu verbieten wie zum Beispiel 
das "Wurstaufholen", ausgelassene Zechereien und Tanzvergnügen bis
weit über die Polizeistunde hinaus oder die Beerdigungszeremonie, bei der 
die Jecken zu Beginn der Fastenzeit die Fastnacht in Gestalt einer Strohpuppe 
zu Grabe trugen.

"Das lag in erster Linie daran, dass die preußischen Beamten meist protestantisch 
waren. Denn die evangelische Kirche hat schon kurz nach der Reformation die 
ihrer Meinung nach unmäßigen und ausufernden Feiern an Karneval recht 
erfolgreich verboten. Die katholische Kirche wollte nicht so rigoros sein und den 
Menschen vor der kargen Zeit des Fastens noch etwas Lebensfreude und Genuss 
gönnen. Deshalb ging sie nur halbherzig gegen die schlimmsten Auswüchse vor", 
erklärt LWL-Volkskundler Dr. Peter Höher.

Doch mit der Preußen-Herrschaft kamen auch in die katholischen Gegenden 
Westfalens schärfere Verbote. "So haben die Preußen zum Beispiel jungen 
Männern das heute noch im Münsterland bekannte Wurstaufholen verboten, 
bei dem junge, unverheiratete Männer von Haus zu Haus gingen und Würste
für eine gemeinsame Feier sammelten. Sie verboten auch das Gänsereiten und
Hahnköppen - ein "Turnierspiel" bei dem die Reiter versuchten, einer an den 
Beinen aufgehängten lebenden Gans (oder einem Hahn) den Kopf abzureißen 
bzw. abzuschlagen, untersagt wurden auch die ungezügelten, wilden Umritte 
zu Pferd (vergleichbar mit den verboten Autorennen der Jungendlichen heute). 
Ebenfalls wenig Verständnis hatte man für die ausgelassenen Zechereien und 
Tanzvergnügen, bei denen die Polizeistunde einfach ignoriert wurde und wo sich - 
zur moralischen Entrüstung der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit - die 
unverheiratete Jugend ohne jegliche Beaufsichtigung treffen konnte", so Höher.

Dennoch wagte man nicht, ein generelles Fastnacht-Verbot auszusprechen. Der
entscheidende Wandel kam dann durch den Einfluss der katholischen Kirche: Über 
viele Jahrzehnte hatte sie an Einfluss verloren, doch um die Mitte des 
19. Jahrhunderts vollzog sich ein Umschwung. Nun wurden die Lehre und die 
Gebote der katholischen Kirche für einen großen Teil der Bevölkerung gerade in 
ländlichen Gemeinden wieder zu einem wichtigen Werte- und Orientierungsrahmen. 
Vor diesem Hintergrund der "Re-Katholisierung" gelang es vor allem im Bistum 
Münster vielen Pfarrern dem "wüsten, unsittlichen Fastnachtstreiben", wie sie 
es nannten, ein Ende zu setzen. 

Einige Pfarrer hatte nämlich an diesen "tollen Tagen" das so genannte 
Vierzigstündige Gebet in ihrer Pfarrei eingeführt - eine besondere Form der 
Andacht, die ohne Unterbrechung 40 Stunden dauerte. Überraschender Weise 
hörten die Pfarrgemeinden auf ihre Pastöre und machten die Andachtsübung 
mit; die Fastnachtsausschweifungen gingen stark zurück. Deshalb ermunterte 
der münstersche Bischof seit den 1850er Jahren alle Pfarrer seiner Diözese, 
diese Andacht zur Bekämpfung der Fastnacht einzuführen. In Gescher (Kreis 
Borken) findet der Karnevalsumzug daher bis heute weit vor den "tollen Tagen"
statt. In den Jahren danach traffen aus vielen Pfarreien Berichte in Münster 
ein, in denen die Pfarrer sehr emphatisch und häufig auch mit einem gewissen 
Erstaunen schilderten, wie erfolgreich diese Maßnahme im Kampf gegen das 
"Fastnachtsunwesen" tatsächlich gewesen war. Offensichtlich hatte man 
mit stärkerem Widerstand gerechnet.  

"Außerdem wurde die Fastnacht nachhaltig gezähmt und verhäuslicht. Auch 
das ging vielfach von der Kirche aus: Denn der Kirche nahe stehende Vereine
wie Jünglings-, Mütter- und Gesellenvereine, Schützenbruderschaften und 
Gesangvereine veranstalteten ebenso an den Karnevalstagen Bälle und 
Feste wie auch Krieger- und Turnvereine. Dabei war durch ein Festprogramm 
und Vorträge, Saalaufsicht und ein festgelegtes Ende der Veranstaltung eine 
gewisse Aufsicht und Kontrolle gewährleistet", so Höher.

Karnevalsgesellschaften, wie sie vom Bürgertum der größeren westfälischen
(katholischen) Städte bereits recht früh gegründet worden waren (in Münster
und Paderborn in den 1830er Jahren), gab es in ländlichen und kleinstädtischen 
Gemeinden vor 1890 nur selten, meistens entstanden sie erst im 20. Jahrhundert.

Je mehr Vereine gegründet wurden, desto mehr Karnevalsfeiern und -bälle 
wurden veranstaltet. Die alten Fastnachtsbräuche dagegen empfand man 
mehr und mehr als "peinlich", als unmodern und provinziell; so ließ die Beteiligung 
mit der Zeit immer mehr nach. Schließlich blieb zum Beispiel das "Heischen", also 
das Einsammeln der Würste und Bonbons, meistens als reiner Kinderbrauch in 
einigen Teilen Westfalen bis heute erhalten.