[WestG] [AKT] Die Dresdner Bank im Dritten Reich: Forscher aus Berlin, Bochum und Dresden legen Studie vor
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mon Feb 20 13:35:30 CET 2006
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 17.02.06, 10:41
AKTUELL
Die Dresdner Bank im Dritten Reich
Erstmals erforscht: "Verstrickungen" einer Großbank
Forscher aus Berlin, Bochum und Dresden legen Studie vor
Nach rund acht Jahren und der Sichtung von mehr als zwölf Kilometern
Akten liegt das Ergebnis nun vor: Erstmals haben Wissenschaftler die
Rolle der Dresdner Bank im Dritten Reich erforscht. Herausgekommen ist
dabei keine Anklageschrift, sondern eine detaillierte historische
Studie in vier Bänden. Unter der Projektleitung von Prof. Dr.
Klaus-Dietmar Henke (TU Dresden) haben PD Dr. Johannes Bähr (FU
Berlin), Prof. Dr. Dieter Ziegler und Dr. Harald Wixforth (beide RUB)
das Werk verfasst. Die Studie wird heute in Berlin der Öffentlichkeit
vorgestellt. Ein zentrales Ergebnis: Die Bank war kein "verlängerter
Arm" der Rüstungsbürokratie oder der SS-Führung; vielmehr suchte der
Vorstand aus geschäftlichem Interesse bewusst und zielstrebig die Nähe
zum NS-Regime.
"Erschreckende moralische Indifferenz"
Diese konsequente Ausrichtung ihrer Geschäftspolitik an einer rein
geschäftlichen Logik war allerdings nur um den Preis einer
"erschreckenden moralischen Indifferenz" möglich, die keineswegs nur
das Verhalten der beiden SS-Ehrenoffiziere Emil Meyer und Karl Rasche
kennzeichnete: Zu diesem Ergebnis kommt Johannes Bähr im ersten Band.
Er untersucht den Aufbau und die Geschäftsentwicklung der Dresdner Bank
seit der Bankenkrise von 1931 bis zum Kriegsende 1945 sowie die
geschäftlichen und politischen Verbindungen zwischen Bank und NS-Staat.
Weit über das gesetzliche Maß hinaus
Der Bochumer Historiker Prof. Dieter Ziegler (Lehrstuhl für
Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte) beleuchtet im zweiten Band die
drei Dimensionen der wirtschaftlichen Verfolgung der Juden im
"Altreich": Die Verdrängung der jüdischen Angestellten und die
Diskriminierung der jüdischen Betriebsrentner, die "Arisierung"
gewerblichen Eigentums und die Konfiskation (Enteignung) privater
Vermögen durch den Staat. "An allen drei Dimensionen war die Dresdner
Bank beteiligt. Teilweise aufgrund zwingender gesetzlicher
Vorschriften, teilweise aber auch indem sie weit über das gesetzlich
geforderte Maß hinausging - etwa in der Erwartung, dass es die
jüdischen Verfolgten nicht wagen würden, ihr Recht vor einem deutschen
Gericht einzufordern", so Prof. Ziegler.
Den Konkurrenten ausgestochen
Der dritte Band von Harald Wixforth behandelt die wirtschaftliche
Durchdringung der vor und während des Krieges besetzten Länder. Im
Mittelpunkt stehen dabei das heutige Tschechien, Polen und die
Niederlande, aber auch Österreich, Belgien, die besetzten sowjetischen
Gebiete, das Baltikum und der Balkan. "Hier zahlte sich die Nähe der
Dresdner Bank zum Regime besonders aus", so Dr. Wixforth. Denn nicht
selten gelang es der Dresdner Bank dank ihrer guten Beziehungen zu
Görings Vierjahresplanbehörde und dem Wirtschaftsimperium der SS, den
Branchenführer und wichtigsten Konkurrenten Deutsche Bank bei der
Neuordnung des Bankwesens nach der Besetzung auszustechen. Die Dresdner
Bank konnte sich so die lukrativsten Objekte nach der "Germanisierung"
der Großindustrie (etwa durch die "Hermann-Göring-Werke") als
Kreditkunden sichern.
Mittäterin in Polen
Nicht zuletzt durch ihre enge Verbindung zur SS machte sich die
Dresdner Bank in Polen zum "Mittäter" bei der nationalsozialistischen
"Volkstums- und Vernichtungspolitik", wie Prof. Klaus-Dietmar Henke in
seinem zusammenfassenden vierten Band betont. Die Studie umfasst
insgesamt etwa 2.400 Seiten. Sie orientiert sich in ihrer Fragestellung
eng an dem Untersuchungsbericht, den die US-amerikanische
Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg über die Rolle von
Großbanken und Großindustrie, darunter auch der Deutschen Bank und der
Dresdner Bank, erstellt hatte und der dann wenig später als
Legitimation dienen sollte, das deutsche Bankwesen zu dezentralisieren.
"Anklageschrift" der Amerikaner
Bereits nach dem Krieg hatten die amerikanischen Ermittler die Rolle
der Dresdner Bank unter drei Gesichtspunkten untersucht: Welche
besondere Nähe hatte sie zum Regime und welche Bedeutung für die
Kriegsvorbereitung? Hat sie sich der "Ausplünderung der Juden" schuldig
gemacht? Welchen Beitrag leistete die Bank, besetzte Länder
wirtschaftlich auszubeuten? Herausgekommen war damals keine historische
Studie, sondern eine Anklageschrift, der die Bank mit einer ebenso
einseitigen Verteidigungsschrift begegnete, als sie noch damit rechnen
musste, dass auch ihr Führungspersonal in Nürnberg angeklagt werden
würde. Seitdem ist zur Geschichte der Dresdner Bank im
Nationalsozialismus nicht mehr geforscht worden. Denn die Bank hielt
ihre Akten unter Verschluss und auch die größtenteils in den
Ostblockstaaten verbliebene staatliche Überlieferung war bis Anfang der
neunziger Jahre für die Wissenschaft nicht zugänglich.
Zwölf Kilometer Akten
Das nun vorliegenden Gesamtwerk entstand innerhalb von fast acht Jahren
unter der Projektleitung von Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke (TU Dresden)
und wurde im Wesentlichen von den drei Hauptautoren PD Dr. Johannes
Bähr (FU Berlin), Dr. Harald Wixforth und Prof. Dr. Dieter Ziegler
(beide heute an der Ruhr-Universität) verfasst. Einzelne Kapitel haben
Doktoranden beigesteuert, von denen drei bis vor kurzem an der
Ruhr-Universität beschäftigt waren. Die Quellengrundlage bildeten dabei
nicht nur die etwa zwölf Kilometer Akten, die sich heute im
Historischen Archiv der Dresdner Bank befinden und der
wissenschaftlichen Öffentlichkeit nun frei zugänglich sind, sondern
auch Aktenbestände in Ost- und Ostmitteleuropa, Westeuropa und den USA.
INFO
Titelaufnahme
Henke, Klaus-Dieter (Hg.): Die Dresdner Bank im Dritten Reich (in
vier Teilbänden von Johannes Bähr, Dieter Ziegler, Harald Wixforth und
Klaus-Dietmar Henke), R. Oldenbourg Verlag 2006, 2374 S., 79,80 Euro,
ISBN 3-486-57780-8
Weitere Informationen
Prof. Dr. Dieter Ziegler, Lehrstuhl für Wirtschafts- und
Unternehmensgeschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB,
Tel. 0234/32-24660, E-Mail: dieter-ziegler at web.de